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Das Verbraucherthema : Alter Pelz kommt neu raus

Altes Schätzchen zu recyclen: Kürschnermeister Eduard Tröndle mit Kundin und Mitarbeiterin bei der Anprobe eines zu Pelzes, der alltagstauglicher werden soll Bild: Sick, Cornelia

Zu schwer, zu unmodern oder schlicht nicht alltagstauglich: Pelze hängen oft ungetragen im Schrank. Doch der geerbte Persianer muss dort nicht vergammeln. Mit Kürschner-Geschick wird daraus ein Mantel für jeden Tag.

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          Die Kleiderschränke sind voll, weiß Herbert Hartmann. Voll mit Pelzmänteln, die so schwer und so unmodern sind, dass sie niemand mehr tragen will. „Drei Kilogramm – das passt heute nicht mehr ins Straßenbild“, sagt der Kürschnermeister und Inhaber des Fachgeschäfts Herold Pelze in Wiesbaden. So viel Gewicht möge heutzutage keine Frau schultern.

          Petra Kirchhoff
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Pelzmode hat sich eine Kehrtwende im wahrsten Sinne vollzogen. Deutlich leichter sind die Mäntel geworden, Felle werden inzwischen kurz geschoren und die Lederseiten veredelt, geschliffen und imprägniert, so dass der Pelz nach innen wie nach außen getragen werden kann. Was viele Pelzbesitzer nicht wissen: Auch ein altes, schweres Erbstück kann man einem solchen Wendemanöver unterziehen. „Jedes moderne Pelzfachgeschäft bietet so etwas an“, sagt Hartmann. Er selbst macht 50 Prozent seines Umsatzes mit Änderungen.

          Weg vom Statussymbol, hin zum Gebrauchsgegenstand

          Recycling nennt das sein Kollege Eduard Tröndle in Darmstadt, der sich wie kein anderer in der Region auf alte Pelze spezialisiert hat. Rund 80 Prozent seines Umsatzes macht Tröndle mit Um- und Aufarbeitung. Vor 21 Jahren hat der Kürschnermeister zusammen mit seiner Ehefrau Julia ein Pelzfachgeschäft in der Darmstädter Innenstadt übernommen und das Geschäftsmodell Recycling nach und nach ausgebaut, wie er sagt. Inzwischen beschäftigt er 14 Personen, die vom Fach sind. In der Branche hat Tröndle einen Namen, nicht zuletzt auch, weil er sein Handwerk regelmäßig beim Fürstlichen Gartenfest Schloss Wolfsgarten vorstellt.

          Schon früh morgens geht es raus und rein. So auch am Dienstag dieser Woche. Zwei Damen aus Frankfurt haben Jacken mitgebracht. Eine aus Lammfell in einem bräunlich-orangen Ton, der ohnehin nicht schön ist, passt jetzt auch nicht mehr zum inzwischen ergrauten Haar der Besitzerin. Ihre Bekannte zieht eine Persianer-Jacke aus der Tasche. „Die hängt seit 15 Jahren im Schrank“, sagt sie, weil das Stück zu schwer und unmodern sei.

          So beginnt nahezu jedes Beratungsgespräch im Darmstädter Pelzgeschäft. Tröndles Ziel ist: Weg vom Statussymbol, hin zum Gebrauchsgegenstand. Und das heißt ganz konkret: Der Pelz muss alltagstauglicher werden.

          Lederhaut bekommt eine wetterfeste Beschichtung

          Das schaffen Kürschner, indem sie Felle kurz scheren, die Lederhaut freilegen, reinigen, dünn schleifen und mit einer Nappabeschichtung imprägnieren, so dass die Seite auch bei Wind und Wetter getragen werden kann. Nappaleder sei am unempfindlichsten, sagt Tröndle. Dass die Auslassnähte, die beim Zusammennähen Tausender kleiner Nerzfelle entstehen, durchs Umkehren sichtbar werden, stört Tröndle nicht, ist sogar gewollt. Für mehr Pfiff sorgt ein figurbetonter Schnitt. Grundsätzlich wirkt ein kurzer Mantel jünger als ein langer. Was sonst noch alles möglich ist, Strick und Pelz zu kombinieren etwa, zeigen die vielen fertigen Exemplare in Tröndles Geschäft.

          Die Kundin mit der Lammfelljacke entscheidet sich für einen dunklen Blauton. Die Farbpalette bietet noch viel mehr. Auch Felle kann man färben, oder auch entfärben. Vor dem Spiegel stellt sich heraus, dass der sackige Schnitt der Jacke, die Schulternähte hängen etwas über, auch noch den einen oder anderen straffenden Eingriff gebrauchen könnte. Bei Abschluss der Beratung wird grundsätzlich immer ein Bild gemacht, und später auch beim Abholen, vom „Aha-Effekt“, wie Tröndle sagt.

          Komplette Umarbeitung kostet 2000 Euro

          Im Fall der Persianer-Jacke aus Frankfurt, an deren Futter sich schon die Motten zu schaffen gemacht haben, wird zunächst geprüft, ob sich die Investition in eine Umarbeitung überhaupt lohnt. Zu 90 Prozent seien die Pelze noch in Ordnung, sagt der Kürschnermeister. Auch in diesem Fall zeigt sich durch Freilegen des Futters: Das Leder ist noch schön weich. Das möchte die Kundin künftig außen zeigen, und die dann deutlich kürzer geschorene Fellseite innen tragen. Vorbild ist ein federleichter aufgearbeiteten Persianer-Wendemantel, der verkaufsfertig an der Stange hängt.

          Vom neuen Schnitt wird später eine Nesselprobe angefertigt – die Nessel ist der Entwurf eines Kleidungsstücks aus einem einfachen weißen Stoff. Erst wenn der Entwurf sitzt, mitunter gibt es bis zu vier Anproben, geht es an das Zusammennähen der Fell- und Lederstücke. Das ist eine mühsame Arbeit, bei der die Teile leicht angefeuchtet aufgespannt und dann getrocknet werden. So bleiben sie in der neuen Form und können dann wieder von Hand mit einer speziellen Pelznähmaschine zusammengenäht werden. Fasst man alle Arbeitsschritte zusammen, ergibt dies zwei dicht beschriebene Din A4-Seiten; eine Kürschnerin in Tröndles Werkstatt hat das einmal aufgeschrieben.

          Für einen Pelz, der komplett auf- und umgearbeitet wird, setzt Tröndle 30 bis 40 Stunden an. Das kostet dann auch, inklusive Nappierung, um die 2000 Euro. Das Umfärben einer Jacke wird mit um die 120 Euro veranschlagt, das sogenannte Antaillieren von Mänteln und Jacken mit rund 400 Euro. Für das Umdrehen der Lederseite und deren Beschichtung verlangt Tröndle um die 1200 Euro.

          Das Fachgeschäft in Darmstadt ist laut Deutscher Kürschner-Innung eines von nur noch zehn in ganz Hessen, davon vier in Frankfurt. Auf der Website der Innung finden Interessierte Adressen von Fachgeschäften in der Region und Informationen zu deren Angeboten.

          Tipps & Tricks

          Lagerung: Ein Pelzmantel muss kühl, trocken, dunkel und vor allem luftig gelagert werden, das heißt, ohne eine Hülle. Die Motten gingen nur dorthin, wo es ruhig und stickig sei, sagt Kürschnermeister Eduard Tröndle aus Darmstadt. „Es passiert daher auch nichts, wenn ein Pelzmantel im Sommer auch mal im Kleiderschrank hängt.“ Unangenehme Kellergerüche sind im Übrigen kein Problem, sie werden beim Recyceln entfernt.

          Mottenschutz: Ein gutes und günstiges Mittel gegen Motten ist Kernseife. Die entfalte sogar noch durch das Pergamentpapier der Verpackung hindurch ihre Wirkung, sagt Tröndle.

          Flohmarkt: Auf Flohmärkten gibt es ein großes Angebot an alten Pelzen. Vor dem Kauf sollte man laut Tröndle mit den Fingern am Fell ziehen. Lösen sich Haare heraus, spricht das meistens dafür, dass das Leder mürbe ist. Die Haare haben dann keinen Halt mehr. Mürbes Leder fühlt sich nach Angaben des Kürschners pappig und pergamentartig an. Grundsätzlich die Finger lassen sollte man von Fellen von Wassertieren (Bisam, Nutria), die älter als 30 Jahre sind.

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