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Glaabsbräu feiert Jubiläum : „Ein Start-up mit Geschichte“

Seit 275 Jahren im Familienbesitz: Robert Glaab feiert den Geburtstag seiner Brauerei. Bild: Rainer Wohlfahrt

Seit 1744 braut die Familie Glaab Bier. Warum verdankt der Traditionsbetrieb aus Seligenstadt gerade den Craft-Bieren einen guten Teil seines heutigen Erfolgs?

          Wenn am diesem Samstag und Sonntag in Seligenstadt die Firma Glaabsbräu, in der Kommune so etwas wie das Vorzeigeunternehmen, ihr Bestehen seit 275 Jahren feiert, kommt Inhaber Robert Glaab womöglich ein paar Mal ein anderes Datum als 1744 in den Sinn. 2013 hat Glaab einen Prozess eingeleitet, dank dem die familiengeführte Brauerei – eine der wenigen, die in Hessen noch gibt, und unter diesen wenigen die kleinste – zurzeit gute Geschäfte macht.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Robert Glaab, Nachfahre des Gründers, führt die Brauerei, deren Gelände mitten in der Seligenstädter Altstadt mit ihren vielen malerischen Gebäuden liegt, in der inzwischen neunten Generation, seit kurzem ist neben ihm seine Frau Emanuelle Geschäftsführerin. Der 54 Jahre alte Betriebswirt, der seit 2007 auch Biersommelier ist, trat 1999 in die Firma ein und übernahm sie ein Jahr später. Sein erstes Bier, so hat er es einmal in einem Interview mit dieser Zeitung erzählt, habe er, der zwischen Sudkesseln und Säcken voll mit Gerste groß wurde, wahrscheinlich schon als Kind getrunken.

          Das erste Mal bewusst ein Bier konsumiert habe er während seiner Zeit bei der Bundeswehr. Geschmeckt habe es ihm eigentlich nicht, erst der Kontakt mit Weizenbier während des Studiums habe ihn für das Thema innerlich geöffnet. Heute ist er von Bier begeistert, von Berufs wegen, aber auch wegen der kulinarischen Vorteile, die es seiner Meinung nach hat, als Begleitung zum Essen zum Beispiel.

          Betrieb neu ausgerichtet

          Auf der Überzeugung, dass Bier mehr ist, als die Produkte des Massenmarktes mit ihrem oft standardisierten Geschmack suggerieren, gründete die Neuausrichtung des Familienunternehmens Glaab, die vor sechs Jahren begann. In einem Markt mit rückläufigen Absatzzahlen – der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier in Deutschland lag Anfang der neunziger Jahre bei 143 Litern, inzwischen sind es um die 100 – drohte der kleinen Brauerei in Seligenstadt der Abstieg. Wohin also steuern?

          Der Firmenchef nahm sich damals eine Auszeit, dachte nach und kam zu dem Schluss, das sich vieles ändern müsse. Weg von den verwechselbaren Produkten, hin zu ausdrucksstarken, individuellen Bieren: Diesen Weg, sagt Glaab, habe er damals beschritten; nicht alle Mitarbeiter hätten ihm dabei folgen wollen, aber die es taten, hätten es mit umso mehr Begeisterung gemacht.

          Sich das Brauereiwesen erklären lassen

          Der inneren Einkehr folgten massive Umbauten auf dem Betriebsgelände. Der haushohe kupferne Siedekessel, der dort noch immer steht, ist nur mehr Relikt, 2015 wurde eine neue Brauanlage in Betrieb genommen. In einer luftigen Halle stehen meterhohe Stahltanks, das Lager für Gerste und Malz ist offen einsehbar, es gibt eine Tribüne mit Sitzplätzen für Besuchergruppen, die sich hier das Brauereiwesen erklären lassen.

          Im Bier gebe es eine größere Aromenvielfalt als im Wein, bekommen sie dann beispielsweise zu hören, und dass die Rohstoffe alle Möglichkeiten hergäben, charaktervolle Getränke mit vielen verschiedenen Nuancen zu produzieren. Dass zudem bei Glaab heute ein naturnahes Brauverfahren durch den Verzicht auf Kieselgur in der Filtration Standard ist und eine insgesamt ressourcenschonende Produktion mithilfe einer neuen, wassersparenden Reinigungsanlage, können sich Gäste auch sagen lassen.

          Seit dem Umbau nennt Robert Glaab sein Unternehmen gerne ein Start-up mit Geschichte. Als die neue Anlage stand, hat er einen jungen Braumeister aus Bayern eingestellt, Julian Menner. Im Sortiment von Glaab sind seitdem auch Craft-Biere, fünf inzwischen, das erfolgreichste heißt Hopfenlust, es hat eine leicht citrusfruchtige Bitternote. Top-Abverkäufe hatte vergangenen Sommer auch der „Naturradler“, ein mit Zitronensaft und Zucker anstelle von Aromen und Süßungsmitteln versetztes Bier.

          2017 hat die Brauerei gut 15.000 Hektoliter abgefüllt und einen Umsatz von rund 2,5 Millionen Euro erwirtschaftet. Im Geschäftsjahr 2018 verzeichnete das Unternehmen ein Umsatzwachstum von zehn Prozent, hat nach Worten Glaabs allerdings auch rund eine Millionen Euro in Technik und neue Tanks investiert. Wie sieht er die Zukunft? Optimistisch, sagt Glaab, „denn es gibt viele, die unser Konzept verstehen“.

          Seit 1744

          Das Jubiläum feiert Glaabsbräu am Samstag und Sonntag auf dem Marktplatz in Seligenstadt mit Frühschoppen und mit Brauereiführungen. Informationen unter www.glaabsbraeu.de.

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