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Coronatests aus Hessen : Schnelltests von nebenan

Schnell zum Ergebnis: Ein Schnelltest kann eine Infektion mit dem Coronavirus nachweisen. Bild: dpa

Hessische Hersteller von Corona-Schnelltests suchen ihr Märkte. So gut wie alle Anbieter werden ihre Ware los, die wenigsten Bestellungen kommen aber von offiziellen Stellen in Hessen.

          3 Min.

          Die Welt staunt über die Pharma- und Biotechunternehmen, die im Rekordtempo Impfstoffe gegen die vom Sars-CoV-2-Virus verursachte Erkrankung Covid-19 entwickeln. Schneller noch als sie hatten die Hersteller von Labordiagnostik ihre Neuentwicklungen marktreif: Binnen Wochen brachten sie am Jahresbeginn Verfahren heraus, um das neue Virus überhaupt aufzuspüren, einige Monate später sind die nun massenweise verwendeten schnelleren Antigentests dazugekommen. Diese gelten vielen als geeignetes Hilfsmittel, um die Pandemie einzudämmen und wieder mehr Freiheiten zuzulassen. Hergestellt werden die Testbestandteile millionenfach in China und Korea – in kleinerem Maßstab aber auch direkt vor der Haustür im Rhein-Main-Gebiet.

          Inga Janović
          Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit R-Biopharm aus Darmstadt, der Gießener ScheBo Biotech AG, Axiom aus Bürstadt, der Human Gesellschaft für Biochemica und Diagnostica mbH aus Wiesbaden, der Nanorepro AG aus Marburg und der Thermo-Fisher-Tochter MP Biomedicals in Eschwege finden sich ein halbes Dutzend hessischer Hersteller auf der gut 300 Produkte umfassenden Liste der vom Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte zugelassenen Diagnostika. Etliche hunderttausend Tests können sie zusammen monatlich bereitstellen. Insgesamt sind auf der Liste des Bundesamtes 26 deutsche Unternehmen auf der Herstellerseite registriert.

          Wobei nicht alle die Testkits komplett selbst entwickelt haben. Das trifft auf weltweit führende Anbieter wie Bosch und Roche zu, aber auch auf Human in Wiesbaden. Ebenso greift die Gesellschaft zur Forschung, Entwicklung und Distribution von Diagnostika im Blutspendewesen, eine Tochter des DRK-Blutspendedienstes, für ihre Kunden auf ein Produkt aus China zurück.

          „Seriöse Anbieter haben auch zuverlässige Ware“

          Deren Marketingchef, Ralf Bartl, betont ebenso wie André Jendretzki von Human, die Unternehmen würden nur Produkte von Herstellern auf den hiesigen Markt bringen, mit denen sie lange und verlässlich zusammenarbeiteten. Das ist durchaus der Erwähnung wert, denn auf der amtlichen Liste finden sich asiatische Hersteller und deutsche Vertriebspartner, von denen in der Branche zuvor noch nie jemand gehört hat. Als Beispiel dafür fällt oft der Name der „Luxus Lebenswelt GmbH“ aus Willich, die zuvor ganz andere Produkte importierte und nun als europäische Bevollmächtigte für einen Test-Hersteller aus China auftritt.

          „Unsere Tests wurden von unseren verlässlichen chinesischen Partnern Wantai und Watmind entwickelt“, sagt dagegen Jendretzki, der bei Human für den Aufbau neuer Märkte zuständig ist. In seine Zuständigkeit fällt auch das Thema Corona-Tests. Human ist zwar ein etablierter Lieferant für eine große Bandbreite von Diagnostika und bedient rund 160 Länder, Deutschland ist dabei aber ein kleinerer Markt. „Wir haben uns auf Schwellen- und Entwicklungsländer konzentriert, daher ist unser Name hier in Deutschland noch nicht allzu bekannt“, sagt Jendretzki.

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          „Seriöse Anbieter haben auch zuverlässige Ware“, sagt René Kröger, Vorstandsvorsitzender der ScheBo Biotech AG aus Gießen. Sein Unternehmen hat einen eigenen Antigen-Test entwickelt, dessen Ergebnis zugunsten einer besonderen Genauigkeit unter einer UV-Lampe ausgelesen werden muss.

          So gut wie alle Anbieter werden ihre Ware los

          Momentan werden so gut wie alle Anbieter ihre Ware los, die Schnelltests kommen immer weiter in Umlauf, auch wenn sie etwas unsicherer sind als die im Labor durchzuführenden PCR-Tests. Doch in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sind regelmäßige Tests für Personal und Besucher nun vorgeschrieben, meist kommt dabei das schnellere und günstigere Verfahren zum Einsatz.

          Das hessische Sozialministerium hatte angekündigt, den Einrichtungen dafür mindestens 200.000 Schnelltests pro Woche zur Verfügung zu stellen. Das würde die Produktionskapazität von einer halben Million Sets im Monat im Werk von R-Biopharm in Pfungstadt übersteigen, Human sagt, man könne aus China bis zu drei Millionen Tests im Monat importieren.

          Doch im Regelfall gehen die hessischen Tests nicht nach Hessen. „Unsere Tests sind überwiegend in ganz Deutschland sowie in Spanien, Italien, Österreich, Tschechien und der Schweiz im Einsatz“, berichtet André Jendretzki von Human aus Wiesbaden. Bestellungen kämen meist direkt von den Pflegeeinrichtungen sowie aus Arztpraxen und Apotheken, die offiziellen Stellen in Hessen hätten die hiesigen Lieferanten bislang kaum auf dem Schirm: „Unser Gefühl ist, dass auch die hessischen Behörden nicht unbedingt auf ansässige Anbieter zugehen, sondern generell die Tests der ,Big Player‘ bevorzugt werden, selbst wenn es dadurch zu Lieferengpässen kommt.“

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