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Ökomode-Pionier : Wenn Corona-Cocooning gegen die Krise hilft

Händlerin: Andrea Ebinger führt den Ökomode-Anbieter Hess Natur aus Butzbach Bild: Bergmann, Wonge

Rabatt-Spiralen zeugen davon: Modehändler leiden weiter in der Corona-Krise. Auch Hess Natur hat zunächst kräftig Umsatz eingebüßt. Nun sagt die Chefin: „Die neue Kollektion läuft gut.“ Das hat mit der Treue von Kunden zu tun.

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          Andrea Ebinger sitzt in einer dunkelblauen Sommerbluse und einem hellbraunen Blazer an einen von der Sonne beschienenen Tisch in ihrem Laden, sie nippt an ihrem grünen Tee und sagt dann lächelnd: „Nach der ersten Corona-Rede der Kanzlerin im März gingen die Umsätze runter.“ Um einen siebenstelligen Betrag. Als Grund nennt die Chefin des Ökomode-Pioniers Hess Natur rückblickend die seinerzeit verbreitete Unsicherheit in der Bevölkerung und damit auch in der Kundschaft des Textilhändlers mit Sitz in Butzbach. Selbst online seien die Geschäfte zwischenzeitlich nicht mehr gut gelaufen. Nachdem aber Läden für gut vier Wochen hatten schließen müssen, seien die Umsätze plötzlich wieder gestiegen. „Die Menschen hatten Klarheit“, sagt Ebinger.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und sie hatten als Mobilarbeiter nach Feierabend plötzlich viel Zeit zum Surfen im Internet. Konnten sie sich doch lange Wege zur Arbeit und wieder nach Hause sparen sowie später aufstehen. So kamen auch Kunden wieder online zu Hess Natur zurück. Umgekehrt ist das Unternehmen nach den Worten seiner Chefin auf sie zugegangen, indem die Firma die Kundenansprache veränderte.  Gemeinsam mit ihrer Belegschaft schob sie die Themen in den Vordergrund, für die das Unternehmen seit jeher steht: Einklang mit der Natur und Nachhaltigkeit. Also das glatte Gegenteil von Fast Fashion. „Weckruf der Natur“ nennt Ebinger deshalb auch dieses Virus und die Pandemie.

          Outdoor als Verkaufsschlager

          „Wir haben die Kunden zu Hause abgeholt“, berichtet Ebinger. Was sie im übertragenen Sinne meint: Sachen für das traute Heim sowie Bekleidung für die Kleinsten liefen nach ihren Worten zunächst am besten. Corona-Cocooning als Umsatztreiber. Auch Klamotten für draußen waren gefragt. Denn viele Menschen entdeckten plötzlich den Spaziergänger, Wanderer und Radfahrer in sich. Auch in Butzbach und Umgebung ließen sich seinerzeit ungezählte Frauen und Männer nebst Nachwuchs auf Wirtschaftswegen blicken. Sie gingen, joggten und radelten auf Wegen, die sie zuvor nicht kannten. Dazu passte der Ausbau des Outdoor-Sortiments von Hess Natur.

          Die eigentliche Mode für Frauen und Männer habe die Kundschaft erst im Verlauf der Pandemie wieder vermehrt entdeckt. Ebinger verhehlt nicht, Bedenken gehabt zu haben mit Blick auf diese Sortimentsteile. Die Firma habe Respekt vor der „Rabatt-Spirale“ gehabt, die die Branche angesichts voller Warenlager in Gang gesetzt habe. Nun kommt auch Hess Natur nicht ohne Preisnachlässe aus. Denn Online-Kauf ist auch „Impulssache“, wie die Chefin weiß. Doch durch eine im Vergleich zur Zeit vor der Krise agilere Steuerung von Produktangeboten im Internetshop sei das Unternehmen der Spirale ausgewichen. Längst steht die Ware für die kühleren Tage an. „Die neue Kollektion läuft gut“ sagt Ebinger.

          Mehr Umsatz am Wochenende

          Allerdings kauften viele Kunden anders ein als früher. Hess Natur erziele viel mehr Umsatz an den Wochenenden. Das gelte besonders für die Läden wie jene in Butzbach, Frankfurt und Hamburg, aber auch für das Online-Geschäft. Die Kundschaft übe sich bisweilen in bemerkenswerter Geduld. Nicht jedes Teil könne die Firma angesichts der Corona-Folgen für Lieferketten sofort bereitstellen. In einem Fall betrage die Lieferzeit vier Wochen. Und was machen die Leute, die dieses Teil haben wollen? „Sie bestellen dennoch.“ Der Händler selbst habe bei keinem seiner über viele Länder verstreuten Lieferanten etwas storniert, versichert Ebinger. Jetzt Ware etwa verspätet zu bekommen, nimmt die Firma demnach in Kauf.

          Aber nicht nur im Verhältnis zum Kunden hat sich laut Ebinger etwas verändert während der Pandemie. Mobiles Arbeiten und Homeoffice habe das Unternehmen schon zuvor angeboten, baue beides aber aus. „Ich selbst bin auch nicht jeden Tag im Büro“, sagt sie. Personal Computer ersetze Hess Natur nach und nach durch mobile Geräte. Mitarbeiter besuchten nun weniger Messen, und das nicht nur wegen Corona. So manche Information besorgten sie sich auf anderen Wegen, über Internetseiten und Chats. Ein Nebeneffekt der heruntergefahrenen Reisetätigkeit: „Wir wirtschaften zwei Monate früher CO2-neutral als geplant.“

          Zahlen zum gerade abgelaufenen Geschäftsjahr nennt sie noch nicht. Denn zuerst müssen die Wirtschaftsprüfer den Jahresabschluss testieren.

          Hilfe für Leinen-Bauern

          Hess Natur unterstützt heimische Landwirte mit der Finanzierung einer Ballenpresse für Bio-Leinen. Das Unternehmen lässt sich von einem Bauernhof unweit von Gießen mit diesem traditionellen Rohstoff beliefern und ihn zu Hessen-Leinen für Textilien verarbeiten. „Da der Leinenanbau fast ganz aus Europa verschwunden
          ist, gibt es nur sehr wenige der Spezialmaschinen, um das Leinen zu Ballen zu rollen und dann weiter
          zu verarbeiten. In Deutschland wird nur noch in Hessen Bio-Leinen regional angebaut“, teilt Hess Natur mit. Ohne den Einsatz seiner Partner könnte das Unternehmen keinen Hessen-Leinen anbieten, hebt Geschäftsführerin Andrea Ebinger hervor. (thwi.)

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