https://www.faz.net/-gzg-9run9

Stellenabbau bei Continental : Ein Werk wackelt, andere Standorte sind gesichert

Autozulieferer Continental will im Werk Babenhausen 70 Prozent der 3100 Stellen streichen. Bild: dpa

In Babenhausen plant Continental mit weitreichendem Stellenabbau einen Einschnitt. Vier andere Standorte des Autozulieferers in der Region sind hingegen ungleich stärker. Das gilt vor allem für eine Fabrik.

          3 Min.

          Der Schock sitzt tief. Der Autozulieferer Continental will im südhessischen Werk Babenhausen 70 Prozent der 3100 Stellen streichen. Das Gros der Arbeitsplätze soll wie berichtet in der Produktion wegfallen. Zudem plant der Konzern, 450 Stellen in der Entwicklung abzubauen. Das Vorhaben ist Teil des ins Auge gefassten Konzernumbaus, der als Sanierungsprogramm apostrophiert wird und dem Tausende Arbeitsplätze in ganz Deutschland und im Ausland zum Opfer fallen sollen. Alles im allen beschäftigt Continental 12.400 Männer und Frauen in der Region (siehe Karte unten), die davon meisten am Standort Frankfurt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Stadtteil Rödelheim entwickelt und fertigt das Unternehmen Hochleistungsbremsen und befasst sich mit Technik für autonomes und automatisiertes Fahren – klare Zukunftsmärkte. Auch Schwalbach ist ein Entwicklungsstandort. In Karben stellen zwei Werke dagegen Elektronikbauteile und Schläuche her; sie sind zumindest vorerst gesichert.

          Der geplante tiefe Einschnitt in Babenhausen trifft jenes Continental-Werk in Rhein-Main, das im Vergleich mit den anderen Standorten am ehesten veraltete Technik anbietet: Es fertigt klassische Tachometer, während Kunden vermehrt digitale Anzeigen nachfragen. Doch hat Babenhausen keineswegs komplett den Anschluss verloren, wie der Betriebsratsvorsitzende Roland Weihert sagt: „Seit 2017 fertigen wir auch digitale Instrumente.“ Das klingt nur zunächst vorteilhaft – der Blick auf Einzelheiten offenbart jedoch einige Schwächen, die der Betriebsrat dem Management anlastet.

          Standorte von Continental mit jeweiliger Zahl der Mitarbeiter

          Laut Weihert hat das Continental-Werk, ein früherer Standort von Siemens VDO, über viele Jahre lang mechanische Tachometer hergestellt, in der jüngeren Zeit dann elektronische. Aber auch diese Technik verliert an Boden. Autobauer wollen digitale Anzeigen für das Cockpit. Grundsätzlich kann das Werk Babenhausen dies leisten, wie der oberste Arbeitnehmervertreter hervorhebt. Allerdings forderten Kunden in der laufenden Serie den Schwenk hin zur Technik des neuesten Stands. Der Haken: Die Teile für elektronische Tachometer baue das Werk zu 80 Prozent selbst – für digitale Anzeigen müsse es aber dagegen bis zu 90 Prozent der Komponenten kaufen. Als „schlimm“ erachtet Weihert das.

          Dies ist vor allem der Fall, weil sich der Wunsch nach digitalen Produkten nicht über Nacht eingestellt hat. „Seit Jahren schon reden wir über den Umschwung“, berichtet Weihert. Nur habe sich nichts Bahnbrechendes getan. Aus seiner Sicht sei das ein Managementfehler, sagt er und klagt: „Jetzt lässt man die Menschen hier wie heiße Kartoffeln fallen.“ Gleichzeitig versichern der Betriebsratsvorsitzende und der Geschäftsführer der für das Werk Babenhausen zuständigen IG Metall in Darmstadt, Jochen Homburg, um jeden Arbeitsplatz kämpfen zu wollen. Und zwar mit dem Ziel, auch alle Stellen am Ort zu erhalten. Das ist nicht nur übliche Kampfrhetorik. Weihert führt Sachargumente an. Gemessen an der Fertigungstiefe im Werk, müsse der Arbeitgeber mit den Arbeitnehmervertretern besprechen, wie Babenhausen für andere Conti-Standorte „kostendeckend“ produzieren könne. Zumal der Konzern erst 100 Millionen Euro in die Anlagen gesteckt habe.

          Im Bereich digitaler Produkte habe sich nichts getan

          Diese Investitionen ermöglichten es, in Asien gekaufte Displays zu veredeln. Am Ort werde das jeweilige Glas mit einer Masse überzogen, die Farbe kräftiger erscheinen lasse und einen einwandfreien Blick aus jedem Winkel auf das Display gestattete. „Mit dieser Technik sind wir die ersten am Markt gewesen, und nun soll das alles nichts mehr wert sein“, klagt Weihert. Homburg erinnert an die von der Belegschaft jahrelang erbrachte Mehrarbeit, die ein Ergänzungstarifvertrag erlaube. Nur: Die Übereinkunft läuft aus.

          Dagegen ist das Elektronik-Werk des Konzerns in Karben mindestens noch bis nächstes Jahr gesichert. Zu Anfang 2014 haben Unternehmen und Arbeitnehmervertreter einen Ergänzungstarifvertrag ausgehandelt. Die Mitarbeiter leisten abgestuft unbezahlte Mehrarbeit, um den Standort international wettbewerbsfähig zu halten. Anfangs waren es 180 Minuten je Woche, derzeit ist es eine Stunde. Im Gegenzug hat Conti dort die Produktion elektronischer Bauteile für Fahrerassistenzsysteme angesiedelt.

          Continentals Leitlinie, weiter zu automatisieren

          Erst zu Jahresbeginn haben der Arbeitgeber und die Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie für das benachbarte Schlauchleitungen-Werk in Karben eine sogenannte Zukunftsoffensive inklusive leichten Stellenabbaus vereinbart. Das Unternehmen hat zugesagt, 14 Millionen Euro in die Fabrik zu investieren und Arbeit dorthin zu verlagern. Zudem hat es weitere Zentralfunktionen an den Hauptsitz der Geschäftseinheit in der Wetterau angesiedelt und will in anspruchsvollen Berufen wie Mechatroniker ausbilden. Auch dort folgt Continental der Leitlinie, weiter zu automatisieren.

          In dieser Hinsicht ist das Rödelheimer Werk kaum zu überbieten. Auf 98 Prozent beziffert eine Sprecherin den Grad der Automatisierung in der Fabrik für Hochleistungsbremsen der hydraulischen und der elektronischen Art. An der Guerickestraße sitzt zudem die von Frank Jordan geleitete Geschäftsdivision mit Namen Chassis & Safety; sie ist eine von fünf Konzern-Divisionen und hat weltweite Aufgaben. Von Januar 2020 an wird sie Autonomous Mobility & Safety heißen. Die Änderung trägt dem Wandel hin zu einer Technik Rechnung, die ein Fahrzeug im Wortsinne zum Automobil macht. Ein Trumpf des Werks mit Satelliten in Eschborn und Sossenheim ist dabei, Sensor- und Radartechnik mit Bremsen und Antrieben verknüpfen zu können. Im Sinne eines sicheren autonomen Fahrens. Technik aus Rödelheim kommt etwa in dem Bus Cube zum Einsatz, der dort ebenso fährt wie an internationalen Standorten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die israelische Siedlung Migron in der Westbank

          Israel und Palästina : Die Besetzung bleibt rechtswidrig

          Zumindest für den UN-Sicherheitsrat ist die Sache klar: Der Bau israelischer Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten bleibt völkerrechtswidrig – und Israel ist aufgefordert, alle Siedlungsaktivitäten einzustellen.

          Johnson gegen Corbyn : Kaum Fehler, aber auch keine Vorstöße

          Vor der Wahl in Großbritannien sind Premierminister Johnson und sein Herausforderer Jeremy Corbyn im britischen Fernsehen aufeinandergetroffen. Doch den hohen Erwartungen der Vortage konnte das TV-Duell nicht standhalten.
          Mann des Abends: Serge Gnabry

          6:1 gegen Nordirland : Deutsches Schaulaufen zum Gruppensieg

          Zum Abschluss bereitet die EM-Qualifikation doch noch unbeschwerte Freude: Gegen Nordirland gibt es einen 6:1-Sieg. Gnabry trifft dreimal, Goretzka zweimal. Zur Belohnung gibt es im Sommer drei EM-Heimspiele.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.