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Commerzbank-Hauptversammlung : Statisch, still und ganz ohne Suppe

Der Eingang zur Commerzbank-Zentrale am Kaiserplatz ist in Pandemie-Zeiten verbarrikadiert. Bild: Wolfgang Eilmes

Nicht nur auf Würstchen und Suppe müssen Besucher in diesem Jahr verzichten: Die virtuelle Hauptversammlung der Commerzbank wirkt leblos und kühl – und nimmt Anteilseignern eine wichtige Bühne zur Beteiligung.

          3 Min.

          Der Platzverweis bleibt Martin Zielke in diesem Jahr erspart. Den Aktionären der Commerzbank ist Hans Oswald in den vergangenen Jahren als derjenige Mann in Erinnerung geblieben, der in seiner Rede bei der Hauptversammlung des Konzerns Vorstand und Aufsichtsrat stets mit einer Roten Karte abstrafte: Platzverweis. 2019 musste Vorstandschef Zielke sich symbolisch die Karte zeigen lassen mit dem Hinweis, die Aktie sei gegenüber ihrem einstigen Preis von 262 Euro tief eingebrochen.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch in diesem Jahr ist alles anders. Oswald, der sich seit Jahren darin gefällt, die große Bühne der Hauptversammlung und sein Rederecht als Aktionär zu nutzen, um Vorstand und Aufsichtsrat zu provozieren, und dabei stets die Redezeit überschreitet, kann seine Rote Karte nicht zeigen. Denn wegen der Corona-Pandemie findet das Aktionärstreffen des Konzerns erstmals virtuell statt, ganz ohne Publikum. Was bislang nicht erlaubt war, wurde durch das Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Covid-19-Pandemie ermöglicht.

          „Eine virtuelle Hauptversammlung mag nicht ideal sein, aber sie ist in dieser Situation richtig“, sagt Martin Zielke. Statt wie 2019 vor gut 1000 Aktionären im Wiesbadener Kurhaus sitzt Zielke in diesem Jahr mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Stefan Schmittmann, Finanzvorstand Bettina Orlopp und Notar Oliver Habighorst in gebotenem Abstand in der Zentrale der Bank in Frankfurt. Von dort aus beantworten sie Fragen, die bis spätestens zwei Tage zuvor hatten eingereicht werden müssen.

          Schmissige Reden von Aktionärsvertretern fehlen

          Nun mag man den Reden einzelner Aktionäre aus Gründen von Stil und Form kritisch gegenüberstehen, weil sie oft zu persönlichen Angriffen führten und in Verschwörungstheorien mündeten. Und überhaupt dauerten viele Aktionärstreffen auch deshalb oft bis in den späten Nachmittag oder gar bis in die Abendstunden, weil sich viele Argumentationen wiederholten und sich so mancher Redner in kleinteiliger Kritik verlor, die den Rest des Publikums nicht interessierte.

          Nichtsdestotrotz wird am Mittwoch deutlich, dass die Hauptversammlung der Commerzbank ohne Publikum eine stille und statische Angelegenheit ist, weil Fragen emotionslos und bisweilen unkonkret beantwortet werden, weil schmissige Reden vor allem von Aktionärsvertretern fehlen, und weil das Publikum keine Gelegenheit hat, durch Buh-Rufe oder auch Applaus Unmut und Zustimmung zu signalisieren.

          Hauptversammlungen bieten Aktionären eine Bühne, die sie sonst nicht haben, und sie sind deshalb nicht nur wichtiges Instrument zur Kommunikation zwischen Anteilseignern und Verwaltungen, sondern liefern auch ein Stimmungsbild und tragen zur Meinungsbildung über das Handeln von Vorstand und Aufsichtsrat bei. So wenig man das der Commerzbank vorwerfen kann und so sehr das Gesetz immerhin geholfen hat, gewisse Aktionärsrechte durchzusetzen, scheinen präsenzlose Versammlungen im Sinne der Aktionärsdemokratie keine erstrebenswerte Lösung für die Zukunft zu sein. Auch die Commerzbank lässt wissen, dass sie die nächste Hauptversammlung im Mai 2021 wieder als Präsenzveranstaltung plant – so es Covid-19 denn zulässt.

          182 Fragen in vier Stunden

          Doch es gibt auch bei dieser neuen Form des Aktionärsdialogs Konstanten. Einzelne Aktionäre wie Hans Oswald überziehen den Vorstand mit einer Unmenge von Fragen, 182 müssen Orlopp, Zielke und Schmittmann in der vierstündigen Online-Veranstaltung insgesamt beantworten.

          Auch für die handelnden Personen der Bank ist die Situation neu, wie Zielke mehrfach hervorhebt – das gilt für die Regie der Hauptversammlung ebenso wie für die gesamte Corona-Krise. Zielke sagt, die Pandemie sei eine Zäsur für die Branche, in der die Bank digitale Angebote weiterentwickeln werde. Schließlich seien Berührungsängste mit digitalen Kanälen abgebaut worden. Die Zahlen digitaler Transaktionen, bei der Nutzung von Apps und beim kontaktlosen Bezahlen seien noch nie so hoch gewesen wie heute.

          Der Vorstandsvorsitzende ist sicher, dass die Krise die Banken herausfordern wird: „Wir befinden uns in einer historischen Ausnahmesituation“, sagt er, in der Banken eine Schlüsselrolle zukomme. Für die Aktionäre bedeutet die Unsicherheit auch, dass der Konzern in diesem Jahr, den Empfehlungen der Bankenaufseher entsprechend, keine Dividende auszahlen wird. Es ist eine Enttäuschung für die ohnehin gebeutelten Aktionäre, die zudem im Tagesverlauf noch ansehen mussten, wie das Papier um mehr als fünf Prozent an Wert verliert.

          Und dabei bleibt es nicht. Denn neben der kühlen und nüchternen Atmosphäre hat die virtuelle Hauptversammlung noch einen Nachteil: Auf Würstchen oder Suppe, wie sie sonst an die Besucher verteilt werden, müssen die Aktionäre in diesem Jahr verzichten.

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