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Commerzbank/Dresdner Bank : DGB befürchtet „Dominoeffekt“ in Rhein-Main durch Jobabbau

Fiedler: Selbst bei einem „sozialverträglichen” Abbau der Arbeitsplätze erhebliche Kaufkraftverluste in der Region Bild: Dieter Rüchel

Die Fusion der Commerzbank und Dresdner Bank könnte nach Auffassung des DGB erheblich negative Folgen für das Rhein-Main-Gebiet haben. Der angekündigte massenhafte Abbau von Arbeitsplätzen bewirke einen Dominoeffekt auf andere Branchen, heißt es.

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          Einen Tag nach Bekanntwerden der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank bestimmten gestern Sorgen über einen hohen Stellenabbau in Frankfurt die Debatte. Ministerpräsident Roland Koch (CDU) lobte den Zusammenschluss zwar als „Schritt zur Stärkung des Finanzplatzes Deutschland und Frankfurt“. Er mahnte aber gleichzeitig an, dass betriebsbedingte Kündigungen ausbleiben müssten.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          In einer gemeinsamen Pressekonferenz stellten Martin Blessing, Vorstandssprecher der Commerzbank, Allianz-Chef Michael Diekmann und Dresdner-Bank-Vorstandsvorsitzender Herbert Walter gestern im Auditorium der Commerzbank am Fuße ihres Turms in der Frankfurter Innenstadt die Pläne im Detail vor. Blessing erläuterte, dass 80 Prozent der insgesamt 9000 wegfallenden Stellen im sogenannten Back Office, also in den Verwaltungsabteilungen, gestrichen würden. Die übrigen 20 Prozent entfielen auf die Filialen. Auf betriebsbedingte Kündigungen wolle man bis 2011 verzichten. Wie viele Mitarbeiter in Frankfurt und der Region um ihre Stellen bangen müssen, lässt sich nach Angaben einer Sprecherin derzeit noch nicht sagen. Bislang hat die Bank ihre Einsparziele nur nach Abteilungen aufgeteilt. Ein Großteil der Verwaltungsgliederungen, Rechenzentren und anderer besonders betroffener Sparten befindet sich aber in den Frankfurter Zentralen.

          Warnung vor erheblichen Kaufkraftverlusten in der Region

          Harald Fiedler, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds Frankfurt-Rhein-Main, warnte vor erheblichen Kaufkraftverlusten in der Region. So würden weniger Eigentumswohnungen oder Eigenheime entstehen und auch andere Branchen, wie etwa das Handwerk, müssten Auftragseinbußen erwarten.

          Erst im Juni waren Dresdner-Banker für den Erhalt ihrer Stellen in Frankfurt auf die Straße gegangen
          Erst im Juni waren Dresdner-Banker für den Erhalt ihrer Stellen in Frankfurt auf die Straße gegangen : Bild: REUTERS

          Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) zeigte in einer Mitteilung Verständnis für fusionsbedingte Umstrukturierungen, mit denen die Bank ihre Kosten senken wolle und müsse, um wettbewerbsfähig zu sein. Letztlich könnten nur so Arbeitsplätze erhalten und nach dem Gewinn neuer Marktanteile neue Stellen aufgebaut werden, wie es weiter hieß. Auch Ministerpräsident Koch verwies in seiner Mitteilung darauf, dass eine erfolgreiche, neue Bank auf Dauer mehr Arbeitsplätze schaffen könne, als jetzt in Gefahr seien. Aus Konkurrenzinstituten war zu hören, dass in den Privatkundensparten mit Hochdruck an neuen Strategien gefeilt werde, um der „neuen großen Nummer im Privatkundengeschäft“ zu begegnen.

          Nach Ansicht von Lutz Raettig, seit einer Woche Präsidiumssprecher des Standortmarketingvereins „Frankfurt Main Finance“, darf man den Stellenabbau nicht isoliert betrachten. Die besten Kräfte würden schnell in anderen Häusern unterkommen. Gerade kleinere Banken oder solche, die erst seit kurzem auf dem deutschen Markt seien, könnten somit ihren Personalstamm aufwerten. Frankfurts Wirtschaftsdezernent Boris Rhein (CDU) gab zu bedenken, dass ein Stellenabbau in dem zu erwartenden Umfang nicht vonstattengehen könne, ohne dass Büroflächen in erheblichem Umfang frei würden. Spekulationen darüber, dass ein ganzer Büroturm frei werde, bezeichnete er allerdings als verfrüht. Dennoch müsse die Stadt aufpassen, dass der Zusammenschluss nicht zu „problembringenden Leerständen“ führe.

          „Commerzbank - Die Beraterbank“

          Blessing stellte auf der Pressekonferenz auch den Vorstand des neuen Hauses vor. Der bisherige Dresdner-Bank-Chef Walter werde hier den bisherigen Immobilien-Vorstand Bernd Knobloch ersetzen. Walters Aufgabe werde allerdings im Marketing bestehen. Ansonsten wird das neue Gremium identisch mit dem bisherigen Vorstand der Commerzbank sein. Ein Finanzplatzinsider schloss aus diesem Umstand, dass auch in der mittleren Managementebene vor allem Commerzbank-Mitarbeiter verbleiben dürften. Dafür spreche auch die jüngere Vergangenheit beider Häuser. In der Dresdner Bank sei die Motivation in den vergangenen Jahren mit dem Image- und Bedeutungsverlust des Hauses unter der Ägide der Allianz immer weiter gesunken, viele der besten Mitarbeiter hätten die Bank schon verlassen, so die Einschätzung. Die Mitarbeiter der Commerzbank hätten hingegen eine gegensätzliche Entwicklung mitgemacht. Insbesondere die Übernahme des Eschborner Immobilienfinanziers Eurohypo habe „die alle zehn Zentimeter wachsen lassen“.

          Über den Fortbestand der Marke Dresdner Bank mit ihrem grünen Logo wurde gestern keine klare Aussage gemacht. Blessing äußerte, dass beide Marken fest verwurzelt seien und daher eine Kombination aus beiden eventuell eine gute Lösung sei. Er persönlich hänge vor allem an dem Zusatz „Die Beraterbank“, da er ihn einst in seiner Zeit bei der Dresdner Bank mitentwickelt habe. Als Arbeitstitel nannte er „Commerzbank - Die Beraterbank“.

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