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Cloud Computing in Frankfurt : Die neue „Rechner-Wolke“ am Main

Bastelt mit der Deutschen Bank und der Uni Frankfurt an der „Frankfurt Cloud”: Peter Knapp, Chef des Rechenzentrumsbetreibers Interxion Deutschland Bild: Jens Gyarmaty

Software aus der Steckdose ist der neueste Schlager in der Informationstechnologie. Experten sagen explodierende Erlöse mit Cloud Computing voraus. Am Main bastelt die Deutsche Bank mit Interxion und anderen Partnern an der „Frankfurt Cloud“.

          Da zanken sich noch die Experten. „Wir haben 500 Millionen Nutzer unseres E-Mail-Dienstes Hotmail – da sind wir schon in der Cloud“, meint Said Zahedani aus der Chefetage von Microsoft Deutschland. „E-Mail hat mit Cloud eigentlich nicht viel zu tun“, hält Ivo Totev, Vorstandsmitglied der Software AG in Darmstadt, dagegen. In einem sind sich beide Spezialisten für Computerprogramme jedoch einig, wie sich während des zweiten Frankfurter Symposions für digitale Infrastruktur mit 260 Gästen am Donnerstagabend in der IHK zeigte: Cloud Computing ist ein heißes Thema in der Informationstechnologie – und die Internethauptstadt Frankfurt der richtige Ort, um eine namhafte „Rechner-Wolke“ aufzubauen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Branchenverband Bitkom beflügelt gerade die Phantasie mit der Prognose, bis zum Jahr 2015 werde der Umsatz mit Cloud Computing in Deutschland von 1,14 Milliarden Euro auf 8,2 Milliarden Euro klettern. Zahedani meint, es könnten auch mehr Euro werden mit Diensten rund um „IT aus der Steckdose“.

          Vorbild Los Angeles

          Es gibt derzeit noch viele Definitionen von Cloud Computing, wie Zahedani sagt. Im Kern geht es darum, dass Unternehmen Rechenzentren und Datenspeicher nicht mehr selbst betreiben. Vielmehr suchen sie sich spezielle Anbieter und mieten sich die benötigten Rechnerkapazitäten anderswo. So hat das Stadt Los Angeles gerade ihr E-Mail-System in dezentrale Rechenzentren des amerikanischen Internetkonzerns Google verlagert und verzichtet auf teure eigene Netzwerkrechner. Auf diese Weise senkt die Stadt an der Westküste ihre IT-Kosten drastisch, wie Hermann-Josef Lamberti, im Vorstand der Deutschen Bank für die Informationstechnologie zuständig, weiß.

          Lamberti beschäftigt sich selbst auch mit Cloud Computing. Mit dem Rechenzentrumsbetreiber Interxion Deutschland, der an der Hanauer Landstraße wesentliche Teile des größten Internetknotens weltweit beherbergt, der Gesellschaft für Schwerionenforschung und der Goethe-Universität hat die Deutsche Bank vor wenigen Tagen die „Frankfurt Cloud“ in Betrieb genommen. Die dafür notwendigen Großrechner stehen in den Rechenzentren von Interxion.

          Frage der Datensicherheit

          Lamberti ist allerdings kein Neuling in Sachen Cloud Computing. Vor drei Jahren hat die Deutsche Bank unter seiner Leitung schon eine Art „Rechner-Wolke“ geschaffen, aber nicht so genannt. Weil die Mitarbeiter mit einem Computerprogramm, mit dem Kundenbeziehungen geregelt wurden, unzufrieden waren, haben sie laut Lamberti binnen weniger Wochen ein neues, internetgestütztes System aufgebaut und „an einem Wochenende über 42 Länder ausgerollt“. Mittlerweile hat die Deutsche Bank aus ihren Filialen die Personal Computer verbannt – und die Mitarbeiter an sogenannte Netzwerkrechner-Farmen im Taunus angeschlossen. Das spart 40 Millionen Euro im Jahr, wie der IT-Vorstand sagt. Auch die in ihrem neuen Gebäude in Hongkong tätigen Wertpapierhändler müssen nach seinen Worten ohne eigene Computer auskommen.

          Um eine „Rechner-Wolke“ nutzbar zu machen, muss aus Sicht von Lamberti noch eine Reihe von Fragen geklärt werden. Etwa solche des Schutzes und der Sicherheit von Daten. Dabei sind nicht nur verschiedene Regelwerke in den einzelnen Ländern zu beachten. „Wie kommen Daten aus der Cloud wieder heraus angesichts der Tatsache, dass digitale Inhalte nicht mehr löschbar sind?“ Hinzu kommt die Abgrenzung der Privatsphäre in Rechnernetzen. „Wer hat bei der Einführung des Blackberrys schon gefragt, ob Mails über ausländische Server gehen und gewisse Dienste die Mails lesen können?“, gibt er zu bedenken. Lamberti spricht sich dafür aus, sich nicht von neuen Technologien überrollen zu lassen – „aber gute Technologien greifen immer Raum, und dann ist es gut, wenn man sich damit befasst hat“.

          „Vorteile für Mittelständler“

          Für die „Frankfurt Cloud“ hat der Bankmanager Interxion und die Universität ins Boot geholt, „weil auch so etwas am Anfang eine Heimat braucht“. Er folgt dem Motto: lokal anfangen und dann schauen, wie es international geht. Die vier Partner wollen gerne auch mittelständische Unternehmen und Vertreter der öffentlichen Hand auf ihre „Rechner-Wolke“ holen, aber zuerst ein paar Monate unter sich Erfahrung sammeln.

          Interxion-Geschäftsführer Peter Knapp preist Lamberti angesichts dessen als „bodenständigen Visionär“. Knapp macht kein Hehl aus seiner Meinung, dass es sinnvoll für Unternehmen sei, Rechnerkapazitäten zu mieten. Der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Hans-Joachim Otto (FDP), sieht gerade für kleinere Betriebe Vorteile, Software und Datenspeichermöglichkeiten zu mieten, statt zu kaufen.

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