https://www.faz.net/-gzg-85hkp

Firmen aus Fernost : Frankfurt Chinatown

  • -Aktualisiert am

Daumen hoch: Kion-Chef Gordon Riske beim Börsengang 2013. An dem Wiesbadener Betrieb halten Chinesen 40 Prozent. Bild: dpa

Der Kauf der Frankfurter Privatbank Hauck & Aufhäuser ist nicht die erste Investition aus China in der Region. Es siedeln sich immer mehr Betriebe aus Fernost an.

          3 Min.

          An der Paulskirche in Frankfurt sind sie fast an jedem Morgen zu sehen: die Reisebusse, die chinesische Touristen in die Stadt bringen. Die Besucher aus Asien kommen nicht nur wegen Römer und Paulskirche, sie wollen einkaufen. Töpfe, Koffer, Uhren, Qualitätsware Made in Germany. Doch es sind nicht nur chinesische Touristen, die sich für deutsche Produkte interessieren. Auch viele Investoren aus der Volksrepublik haben Gefallen an deutschen Waren gefunden, vor allem aber an ihren Herstellern.

          Der Kauf der Frankfurter Privatbank Hauck & Aufhäuser ist nicht das erste Geschäft dieser Art. Das Unternehmen Format Tresorbau in Hessisch Lichtenau hat einen chinesischen Eigentümer, Saunalux aus Grebenhain wurde 2012 vom Wettbewerber Saunaking aus der Volksrepublik gekauft. Besonders viel Aufsehen erregte es, als der Industriekonzern Weichai Power im selben Jahr beim Gabelstaplerhersteller Kion einstieg. Inzwischen halten die Chinesen knapp 40 Prozent an dem Unternehmen mit Sitz in Wiesbaden.

          Rund 550 chinesische Firmen

          Seit Jahren nehmen die chinesischen Direktinvestitionen in Hessen zu, und immer mehr Unternehmen aus China eröffnen Niederlassungen im Rhein-Main-Gebiet. Auf 550 schätzt Sonja Müller vom China Competence Center der Industrie- und Handelskammern Darmstadt und Frankfurt die aktuelle Zahl. Sie sei vor allem in den vergangenen zwei oder drei Jahren noch einmal stark gestiegen. Chinesische Unternehmen schätzten die Nähe zum Flughafen und die zentrale Lage in Europa; das besonders dann, wenn sie die erste Niederlassung auf dem Kontintent eröffneten.

          Bild: F.A.Z.

          Haben sich erst einmal einige Betriebe angesiedelt, entstehen chinesische Kultureinrichtungen, Restaurants und Vereine, was wiederum weitere Unternehmen in der Volksrepublik auf die Region aufmerksam macht. Gut 10 000 Chinesen leben laut Statistischem Landesamt in Hessen, etwa 3000 mehr als im Jahr 2010. Der Verein der chinesischen Unternehmen in Frankfurt zählt inzwischen 60 Mitglieder, die 3600 Mitarbeiter beschäftigen. Zu den namhaften Firmen in Rhein-Main gehören die Bank of China, die Fluggesellschaft Air China und der Telekommunikationskonzern Huawei mit Dependancen in Eschborn und Darmstadt.

          Doch auch einige kaum bekannte chinesische Mittelständler haben Niederlassungen in und um Frankfurt. Ihr größtes Problem ist eines, das deutsche Betriebe nur zu gut kennen: der Fachkräftemangel. Chinesische Unternehmen spüren ihn aber noch viel stärker. Denn wer einen deutschen Ingenieurstudenten fragt, ob er später lieber bei BMW oder Wuxi Erquan arbeiten will, wird wohl die Antwort bekommen: Wuxi was?

          Strenge Hierarchie in chinesischen Betrieben

          Petra Bergner von der Neu-Isenburger Personalberatung PMC International hilft chinesischen Unternehmen, geeignete Mitarbeiter zu finden. Vor allem die Mittelständler hätten entweder überhaupt keine oder geradezu absurde Vorstellungen vom deutschen Arbeitsmarkt. Aus ihrer Heimat seien sie es nicht gewohnt, händeringend nach guten Mitarbeitern suchen und ihnen dann auch noch so viel Geld zahlen zu müssen, sagt Bergner: „Viele Unternehmer aus China achten nur auf den Preis, aber nicht auf die Qualität der Bewerber.“

          Sie hat erlebt, dass Hochschulabsolventen sofort als Abteilungsleiter eingestellt wurden, einfach, weil sie billig waren. Erst langsam bemerkten die chinesischen Mittelständler, wie wichtig es sei, nicht nur günstige, sondern gute Leute zu haben, sagt Bergner. Die weltweit tätigen Großkonzerne aus China wüssten das längst. Ungewohnt könne für manche deutsche Mitarbeiter die strengere Hierarchie in manchen kleineren chinesischen Unternehmen sein.

          Arbeitsvisa häufig noch ein Hindernis

          Wie sich der Umgang in Chinas und Deutschlands Büros unterscheidet, beschäftigt auch den Gabelstaplerhersteller Kion, seit das chinesische Unternehmen Weichai vor drei Jahren bei den Wiesbadenern eingestiegen ist. Georg Seiller, studierter Sinologe und interkultureller Berater, bietet den Kion-Mitarbeitern seither das Seminar „China verstehen lernen“ an. Darin erfahren die Beschäftigten des Gabelstaplerherstellers zum Beispiel, dass sie sich nicht wundern müssen, falls sie in der Volksrepublik gefragt werden, ob sie zugenommen haben. Bedeutet nämlich nicht: Du bist dick. Sondern: Du lebst gesund. Vor kurzem kam als zusätzliches Angebot noch ein Chinesisch-Sprachkurs dazu.

          Angesichts der ständig steigenden Zahl chinesischer Unternehmen und Investments in der Region sollte man nicht vergessen, dass einige Geschäfte krachend gescheitert sind. Der „China-Park“ in Bad Vilbel platzte Anfang 2014. Schon einige Jahre zuvor war es misslungen, in Bad Orb ein Zentrum für traditionelle chinesische Medizin zu errichten. Einst warb Weilburg mit einem „China Business Center“ für sich.

          60 Unternehmen aus dem Reich der Mitte ließen sich daraufhin in der Kleinstadt nieder, doch geblieben ist davon gerade einmal ein einziges. Die anderen sind weitergezogen, in größere Städte Deutschlands. Manche sind auch nach China zurückgekehrt. Denn vieles erwies sich schwieriger als gedacht, zum Beispiel, den chinesischen Mitarbeitern Arbeitsvisa zu beschaffen. Viele Weilburger beschäftigten die asiatischen Firmen, meist Kleinstbetriebe, ohnehin nie.

          Besser machen will es das „deutsch-chinesische Smart City Forum“ der Städte Rüsselsheim, Raunheim und Kelsterbach. Die Gemeinden unterhalten Partnerschaften mit Städten in der Volksrepublik und werben für die Ansiedlung chinesischer Unternehmen in der Region. Offenbar mit Erfolg. Der Klimaanlagenbauer Midea, der Online-Händler Goomaai und einige andere haben sich schon niedergelassen. Für dieses Jahr steht ein weiterer Neuankömmling fest: Huawei wird einen Showroom eröffnen.

          Weitere Themen

          Wie man eine Bierflasche auftreten kann Video-Seite öffnen

          Geht doch : Wie man eine Bierflasche auftreten kann

          Es gibt viele Möglichkeiten, Bierflaschen aufzumachen. Mit dem Feuerzeug, am Bierkasten oder auch mit dem zwölfer Schraubschlüssel aus der Werkzeugkiste. Es geht aber auch spektakulärer, wie F.A.Z.-Redakteurin Marie Lisa Kehler zeigt.

          Topmeldungen

          Armin Laschet und Unionsfraktionschef Brinkhaus im Frühjahr dieses Jahres.

          Unionsfraktion im Bundestag : Laschet droht neuer Widerstand

          Die neuen Fraktionen von SPD, Union, Grünen und Linken kommen zu ersten Beratungen zusammen. Vor allem bei der Union droht bei der Wahl zum Fraktionsvorsitz neuer Streit. Dort wächst der Widerstand gegen die Strategie von Kanzlerkandidat Laschet.
          Armin Laschet zusammen mit CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak am Tag nach der Wahl – die Kritik aus den eigenen Reihen wird immer lauter.

          F.A.Z. Frühdenker : Mehr Demut – kaum Einigkeit

          Scholz oder Laschet wollen mit FDP und Grünen reden – die sondieren aber erst einmal zu zweit. Bei den Grünen soll Habeck in einer künftigen Regierungskoalition den Posten des Vizekanzlers bekommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.