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Chemische Industrie : Rückenschule und Herz-Check statt Altersteilzeit

Ausnahmekräfte: In vielen Chemiebetrieben sind junge Mitarbeiter deutlich in der Minderheit Bild: dpa

Sie bilden ihren Werksarzt zum Ernährungsspezialisten weiter, bieten Mitarbeitern einen Herz-Check an oder holen Rückentrainer in den Betrieb: Während Politiker über „Rente mit 69“ streiten, kümmern sich hessische Chemiefirmen um die Fitness ihrer Beschäftigten.

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          Altersteilzeit als Modell für die Zukunft oder „Rente mit 69“ – für Horst Daubner ist das keine Frage. Zwar dürfte die Aussicht, bis knapp 70 zu arbeiten, viele Beschäftigte erschrecken. Auch mag der im Juli erfolgte Vorstoß der Bundesbank für eine weitere Anhebung des gesetzlichen Rentenalters angesichts der Rezession und der Furcht vor Massenentlassungen vielen als Provokation erscheinen – „aber da ist schon was dran“, meint Daubner, der beim Industrieparkbetreiber Infraserv Wiesbaden fürs Personalmanagement zuständig ist. Wenig anfangen kann er dagegen mit der verlängerten Altersteilzeit-Förderung, wie sie Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) fordert. Vielmehr beschäftigt ihn die Frage, wie die Belegschaft fit für die Arbeit bleibt und was Infraserv dazu beitragen kann.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Industriepark Wiesbaden ist zur Mitte des Jahrzehnts aus der Altersteilzeit ausgestiegen. Zum einen sei dies zu teuer, sagt der Personalmanager. Denn ein Unternehmen müsse das Gehalt in der Altersteilzeit so aufstocken, dass der Mitarbeiter unter dem Strich 82 Prozent des zuvor erhaltenen Nettolohns habe. „Das kostet zwischen 100.000 und 150.000 Euro pro Person.“ Zweitens verliere der Betrieb mit erfahrenen Beschäftigten auch deren Fertigkeiten und Wissen. „Wir brauchen aber Know-how-Transfer.“ Zumal die Stammbelegschaft immer weiter altere.

          Bald die Hälfte über 50

          Dies gilt auch für das Agrarchemieunternehmen Weyl-Chem, das Betriebe in Frankfurt-Griesheim und im Industriepark Höchst unterhält. Zwar zählt derzeit nur ein Viertel der Kräfte mehr als 50 Lebensjahre – doch in fünf Jahren wird es schon die Hälfte sein, wie Personalleiter Martin Schmitz berichtet. 63 der 275 Mitarbeiter sind demnach zwischen 50 und 54 Jahre alt, aber 71 zwischen 45 und 49 Jahre. Um diesen Umstand weiß er dank der Demografie-Analyse, wie sie die Chemiefirmen hierzulande bis Ende des Jahres vorlegen müssen. Die Pflicht dazu ergibt sich aus dem 2008 ausgehandelten Tarifvertrag „Lebensarbeit und Demografie“, der bisher seinesgleichen sucht.

          Wie Infraserv Wiesbaden und Weyl-Chem sehen zahlreiche Chemiebetriebe einer zunehmend alternden Belegschaft entgegen: Hatte 2004 gut ein Fünftel der Mitarbeiter den 50. Geburtstag hinter sich, so wird es 2015 fast die Hälfte sein. Auf 45,1 Prozent beziffert der Demografiebeauftragte des Arbeitgeberverbands Hessen-Chemie, Clemens Volkwein, den Anteil der Kräfte, die ein halbes Jahrhundert oder älter sein werden. Die Quote derjenigen über 65 Jahre dürfte von weniger als einem Prozent auf beinahe ein Zehntel in die Höhe schießen – und die Zahl der Mitarbeiter unter 30 Jahren übersteigen, wenn der aktuelle Altersaufbau der Belegschaften fortgeschrieben wird.

          Mit 60 künftig noch lange nicht Schluss

          Daraus und aus der absehbar kleiner werdenden Zahl qualifizierter Nachwuchskräfte ergeben sich für die Unternehmen mehrere Herausforderungen. Sie müssen „aus den Köpfen den Gedanken herausbekommen, dass mit 60 Schluss ist“, wie es Daubner formuliert. Für jene, die nicht wie gesetzlich vorgesehen bis 67 arbeiten wollen, sind Regelungen gefragt, die den Abschlag von der Rente von 0,3 Prozent je Monat abfangen. Mit Blick darauf sieht ermöglichst es der Demografie-Tarifvertrag, dass ein Beschäftigter auf ein Langzeitkonto einzahlt. Zum Beispiel, indem er Lohnerhöhungen oder Schichtzulagen dorthin umleitet. „Wenn einer mit 40 damit anfängt, 100 Euro im Monat einzuzahlen, kann er bis zu zwei Jahre früher gehen“ – bei vollem Gehalt, sagen die Personalchefs. Infraserv ist sich mit dem Betriebsrat einig, Langzeitkonten zu ermöglichen, wie Daubner sagt. Weyl-Chem hat sich noch nicht festgelegt.

          Beide Unternehmen setzen darüber hinaus auf Angebote, die der Gesundheit ihrer Mitarbeiter dienen und damit ihrer Einsatzfähigkeit. So können Infraserv-Kräfte vom Werksarzt ihre Herztätigkeit überprüfen lassen und, falls nötig, Tipps einholen, wie sie gesünder leben können. Daubner hat sich nicht zuletzt im Wissen um die Vorbildfunktion untersuchen lassen. Ergebnis? „Bestens“, sagt er. Zudem hat Infraserv den Werksarzt zum Ernährungsfachmann weitergebildet und mit dem Kantinenbetreiber besprochen, mehr Gesundes auf die Karte zu nehmen. Wohl wissend, dass noch Überzeugungsarbeit nötig ist. Denn: „Wenn es Schnitzel mit Pommes gibt, ist die Bude voll.“

          Freizeit für die Rückenschule mitbringen

          Weyl-Chem prüft mit dem Betriebsrat, welche Arbeitsplätze weniger belastend gestaltet werden können. Der Betrieb erlaubt Rauchen nur noch in einem Raum und bietet regelmäßig in Griesheim eine Rückenschule an. Das Training kostet die Mitarbeiter kein Geld, dafür aber Freizeit. Zudem werden auch Beschäftigte über 60 qualifiziert. Dies alles soll laut Schmitz in ein ganzheitliches Konzept einfließen, an dem die Firma noch bastelt.

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