https://www.faz.net/-gzg-x3hw

Chemieindustrie : Allessa-Chemie im siebten Jahr auf Wachstumskurs

„Wir haben das Gröbste hinter uns”: Karl-Gerhard Seifert, Chef der Frankfurter Allessa-Chemie Bild: Wonge Bergmann

Ein Drittel der Stellen hat die Frankfurter Allessa-Chemie seit 2001 abgebaut und Betriebe geschlossen. Nun aber herrscht Zuversicht bei dem Unternehmen, das Kunden gewinnt und mit neuen Produkten aufwartet.

          3 Min.

          Neuerdings fährt Karl-Gerhard Seifert nicht mehr frühmorgens mit seiner Limousine vor dem Rotklinkerbau an der Hanauer Landstraße vor, sondern um neun oder noch etwas später. In seinem langen Berufsleben hat der Gesellschafter und Chef der Allessa-Chemie in Frankfurt-Fechenheim auch oft genug zeitig am Schreibtisch gesessen. Schließlich gehörte er lange Jahre dem Vorstand des Hoechst AG an. Dass Seifert es mittlerweile ein wenig ruhiger angehen lässt, hat mit dem Aufwärtstrend zu tun, den sein Unternehmen nach schweren Jahren mit Arbeitsplatzabbau und der Schließung von Betrieben spürt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          So hat die Allessa-Chemie GmbH, die als Lohnproduzent für andere Unternehmen Chemikalien veredelt, in den vergangenen Monaten in ihrem mit weitem Abstand wichtigsten Markt Europa neue Kunden gewonnen. Im Neugeschäft sind laut Seifert die Allessa-Dienste gleich auf mehreren Gebieten gefragt: Vor allem Vorprodukte für Agrarchemikalien wie Pflanzenschutzmittel werden bestellt, was besonders dem Standort Griesheim zugutekommt, aber auch Produkte, die zu Kosmetika weiterverarbeitet werden. „Da haben wir einige Fortschritte gemacht“, sagt Seifert.

          Ertragslage hat sich verbessert

          Gemeinsam mit dem Konzern Hewlett Packard hat das Traditionsunternehmen ein unter dem Markennamen Allessan APT vermarktetes Mittel entwickelt, mit dem Papier beschichtet wird. Auch mit Vorprodukten für Arzneimittel punktet es stärker als noch vor einigen Jahren. Nicht zuletzt steht in den Vereinigten Staaten von Amerika ein Feldversuch mit einem Erdöl-Hilfsmittel an, das die Förderung des „schwarzen Goldes“ in zwei bis drei Kilometer Tiefe erleichtern soll – wo Konkurrenzprodukte wegen der enormen Hitze oft versagen.

          Die Fortschritte in diesem sogenannten Drittgeschäft machen sich auch beim Umsatz bemerkbar. Waren die Erlöse daraus im Jahr 2001, als Seifert die Allessa aus dem Clariant-Konzern herauskaufte, nicht der Rede wert, so bewegen sie sich mittlerweile bei rund 40 Millionen Euro. Insgesamt setzt die Allessa-Chemie zirka 180 Millionen Euro um. Dieser Wert ist seit Jahren weitgehend stabil. Denn den Erlösen mit Spezialitäten im Neugeschäft stehen Umsatzrückgänge bei Standardprodukten gegenüber. Das ist insofern nicht verwunderlich, weil solche Chemikalien von Unternehmen in China billiger hergestellt werden als hierzulande. Dieser Druck hat sich auch in der Mitarbeiterzahl der Allessa bemerkbar gemacht: Sie sank in den vergangenen sieben Jahren von 1500 auf 1000. Diese Zahl will Seifert stabil halten.

          Die Ertragslage kommt ihm dabei zupass: Das Fechenheimer Unternehmen liegt im laufenden Geschäftsjahr beim Gewinn „oberhalb der Planung“, die wiederum ein leicht schwarzes Ergebnis vorsieht, wie Seifert sagt. „Man darf nie zufrieden sein“, hebt er hervor, sagt aber auch: „Wir befinden uns in einer Wachstumsphase, auch wenn wir weiter versuchen einzusparen, wo wir können.“ Diese Aussagen erscheinen im Lichte des neuen Konjunkturberichts von Hessen-Chemie besonders erfreulich. Ein Fünftel der hessischen Betriebe, die chemische Grundstoffe zur Veredelung herstellen, schreibt rote Zahlen, wie der Arbeitgeberverband im März mitteilte.

          „Wenn ich gewusst hätte, was alles auf mich zukommt...“

          Die Allessa-Chemie ist dagegen nach den Worten ihres Chef nicht nur gut ausgelastet – sie hat im vergangenen Jahr auch die Investitionen kräftig erhöht: 15 Millionen Euro flossen in neue Anlagen und die Instandhaltung, während acht bis zehn Millionen Euro üblich sind. Dass zum Jahreswechsel ein Betrieb im Offenbacher Werk, wie schon 2006 angekündigt, geschlossen wurde, zählt zum Gesamtbild, ohne dieses aber stark zu trüben. „Bei der Restrukturierung sehen wir uns ziemlich am Ende – da gibt es nicht mehr viel zu restukturieren“, sagt Seifert.

          Vor diesem Hintergrund blickt Seifert gerne auf die vergangenen zwölf Monate zurück: „Wenn man jahrelang kämpft und kämpft, und dann kommen große Kunden – das ist schon schön.“ Zumal das Unternehmen nun auch über mehrjährige Lieferverträge verfügt, während es früher in der Regel Einzelaufträge erhielt.

          Wie holprig der Weg für die Allessa seit 2001 gewesen sein muss, wird an der kurzen Pause deutlich, die Seifert nach der Frage macht, ob er heute wieder so handeln würde wie vor sieben Jahren: „Vor drei Jahren hätte ich gesagt: Wenn ich gewusst hätte, was alles auf mich zukommt, hätte ich es nicht gemacht.“ Jetzt lautet die Antwort kurz und knapp: „Ja“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Ziele der EZB sind umstritten.

          Debatte um Inflationsziel : Was die EZB wirklich antreibt

          Ist die Inflationsbekämpfung das einzig wahre Ziel der EZB oder gibt es noch andere implizite Absichten, die in Entscheidungen einfließen? Eine neue Studie stellt ein interessantes Experiment an.
          Die Eröffnung der Vogelfluglinie: Der dänische König Frederik IX. (links) und Bundespräsident Heinrich Lübke gehen im Mai 1963 im dänischen Hafen Rodbyhavn an Bord der Fähre.

          Von Hamburg nach Kopenhagen : Abschied von der Vogelfluglinie

          Die Zugfahrt von Hamburg nach Kopenhagen führte jahrzehntelang mit der Fähre über die Ostsee. Das war mal ein Verkehrsprojekt der Superlative. Nun ist die Verbindung über das Schiff Geschichte. Eine letzte Fahrt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.