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Chemiebranche in Rhein-Main : „Die Rente mit 63 ist die falsche Botschaft“

Bunte Arbeitswelt: Der Pigmenthersteller Clariant in Höchst würde auf erfahrene Kräfte nur ungern verzichten. Bild: Rüchel, Dieter

Seit 2008 bereitet die Chemiebranche ihre Mitarbeiter auf die Rente mit 67 vor. Sie unternimmt viel, um die Kräfte gesund zu halten. Nun drohen ihr durch die geplante Rente mit 63 Leistungsträger abhandenzukommen.

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          Zweimal in der Woche kommt Horst Daubner schon um 6 Uhr in den Industriepark Kalle-Albert. Dann geht der Personalchef der Betreibergesellschaft Infraserv in das Gesundheitszentrum auf dem Gelände und schwitzt beim Zirkeltraining. So hält sich der 59 Jahre alte Manager fit für die Arbeit. Und er ist nicht allein. Rund 150 Mitarbeiter treiben dort regelmäßig Sport. So steht das Gesundheitszentrum sinnbildlich für ein Umsteuern in einer ganzen Branche, die das Rhein-Main-Gebiet nach wie vor prägt: die Chemieindustrie.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als Folge der vor gut zehn Jahren von der rot-grünen Bundesregierung ausgelobten Agenda 2010 einschließlich der Rente mit 67 überlegten sich Arbeitnehmervertreter und Manager gemeinsam, wie sie die Beschäftigten lange arbeitsfähig halten könnten. Die Branche gab sich dazu 2008 eigens einen sogenannten Demographie-Tarifvertrag, als erster Wirtschaftszweig überhaupt. „Wir haben unseren Mitarbeitern bewusstgemacht, dass sie nicht mit 60 oder 63 in Rente gehen können, sondern erst mit 65 oder später“, sagt Daubner, und Infraserv-Betriebsratschef Helmut Sem nickt dazu. Nun aber ist alles anders. Die große Koalition plant die Rente mit 63 für Mitarbeiter, die 45 Jahre gearbeitet haben. Eine Rolle rückwärts, die weder dem Chef noch dem Arbeitnehmervertreter gefällt. „Das ist die falsche Botschaft“, sagen beide.

          Rente mit 63 wirft die Personalplanung um

          Seit Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) für ihren Rentenplan wirbt, hat bei so manchem Infraserv-Mitarbeiter das Umdenken vom Umdenken eingesetzt. 20 Beschäftigte haben nach den Worten des Personalchefs bisher konkret wegen der Rente mit 63 angefragt. Da der Industrieparkbetreiber 350 Mitarbeiter zählt, handelt es sich zwar nicht um „Bataillone“, wie Daubner sagt. Doch erwischen die Anfragen die Geschäftsleitung auf dem falschen Fuß, da sie der Personalplanung zuwiderlaufen. Betriebsratschef Sem sieht die Gefahr, „dass eine ganze Reihe von Know-how-Trägern früher weg will, als es dem Unternehmen lieb ist“.

          Daubner berichtet über einen Mann, der bald 63 Jahre alt wird und im Sommer in Rente gehen kann, wenn die Bundesregierung es ermöglicht. „Wir dachten, er hat noch zweieinhalb Jahre.“ Nun müsse das Unternehmen versuchen, den Mitarbeiter zu überreden, wenigstes noch ein paar Monate dranzuhängen – um den notwendigen Wissenstransfer auf jüngere Mitarbeiter zu schaffen.

          Demografie-Tarifvertrag regelt Rente mit 67

          Infraserv Wiesbaden steht mit solchen Schwierigkeiten nicht allein da. In der Chefetage des verschwisterte Industriepark-Betreibers Infraserv Höchst werden die Rentenpläne von Schwarz-Rot mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen: „Es ist für mich unverständlich, dass die Bundesregierung den richtigen Weg der Verlängerung der Lebensarbeitszeit verlässt, um teure und unsinnige Wahlversprechen einzulösen“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Jürgen Vormann. Gegen die Rente mit 63 Jahren spreche das fortschreitende Altern der Gesellschaft, das zu einer geringeren Zahl an Fachkräften führe und Deutschland mit Blick auf die Finanzierbarkeit der Altersvorsorgesysteme vor große Herausforderungen stelle, wie er meint.

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