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Neue Pflegezusatzversicherung : Chemiebranche treibt Familienversicherung an

Stefan Knoll, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Familienversicherung, beobachtet den Markt genau. Bild: Wolfgang Eilmes

Monatelang sorgt die Deutsche Familienversicherung kaum für Gesprächsstoff. Ihre Aktie dümpelt an der Börse, bis sie plötzlich binnen weniger Tage 40 Prozent gewinnt. Das hat mit dem innovativen Chemie-Tarifabschluss zu tun.

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          Bisweilen erweisen sich in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Nachrichten als eine Art Treibsatz. So wie in diesem Fall: Die Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie und der Arbeitgeberverband BAVC haben einen innovativen Tarifabschluss geschafft, der allein in Rhein-Main für Zehntausende Beschäftigte gilt. In der Folge erlebt die Aktie der im Internet tätigen Deutschen Familienversicherung mit Sitz in Frankfurt einen steilen Höhenflug. Binnen weniger Tage ist der Kurs des sogenannten Insurtechs, so heißen Online-Versicherungen, um 45 Prozent nach oben geschossen und aus ihrer bisherigen Handelsspanne ausgebrochen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und wenn es zum Beispiel nach René Locher geht, ist noch lange nicht Schluss mit dem Auftrieb. Der Analyst des Finanzdienstleisters Mainfirst hat in seiner neuen Aktienstudie das Kursziel für die DFV genannte Firma von gut 17 Euro auf 27 Euro heraufgesetzt. Daraus errechnet sich ein Kursziel von etwa 80 Prozent.

          Pflegezusatzversicherung für Tarif-Beschäftigte

          Folgendes haben die Chemie-Sozialpartner beschlossen: Vom 1. Juli 2021 an werden Tarifarbeitnehmer über eine tarifliche Pflegezusatzversicherung im Pflegefall besser abgesichert. Diese Versicherung wird durch die Arbeitgeber finanziert. Ein Novum für eine ganze Branche in Deutschland, wie die Gewerkschaft stolz hervorhebt. „Durch die Pflegezusatzversicherung verringert sich der Eigenanteil um satte 1000 Euro im Monat“, erläutert die IG BCE. Sie bezieht sich auf ein Fallbeispiel der Unterbringung eines Bedürftigen mit Pflegestufe 3 in einem Heim und Gesamtkosten von fast 3200 Euro im Monat.

          Am Freitag teilte die Familienversicherung mit, Teil eines Konsortiums für diese Pflegezusatzversicherung zu werden. Nach der R+V-Versicherung mit 45 Prozent der Anteile ist die DFV mit 35 Prozent zweitgrößter Partner vor der Barmenia mit einem Fünftel, wie es in der Mitteilung heißt. Die DFV sei „Konsortialführer Produkt und Bestandsführung“. Auf Deutsch heißt das: Sie wird das entsprechende Versicherungsprodukt verwalten und das darauf aufbauende Portfolio gleich mit.

          Analyst sieht „Quantensprung“

          Réne Locher sieht die damit verbundenen Erwartungen an das Geschäft als „Quantensprung“ an. Denn: Die Familienversicherung erwartet nach ihren Angaben für die Börse „nahezu eine Verdoppelung“ des Prämienvolumens und des Vertragsbestands im eigenen Haus. Diese Aussichten seien gleichsam der „Trigger“ für Aktienkäufe. Das durchschnittliche Handelsvolumen in der Aktie stieg zuletzt auf mehr als 800.000 Euro im Xetra-System.

          In den vergangenen 30 Tagen lag es durchschnittlich nur bei knapp 167.000 Euro. Dieser Sprung bezeugt den Anstieg des Interesses an diesem noch recht kleinen Wert. Die DFV ist an der Börse knapp 200 Millionen Euro wert. Der Branchenriese Allianz kommt auf etwa 90 Milliarden Euro.

          Digital-Plattform „state of the art“

          Allerdings haben die kleinen Frankfurter laut Locher im Branchenvergleich eine Trumpfkarte: ihre Digital-Plattform. Sie sei selbst entwickelt und „state of the art“. Hinzu komme die Möglichkeit, dass der Tarifabschluss der chemischen Industrie zum Vorbild für andere Branchen werden könnte, etwa die Metall- und Elektroindustrie. Das führe zu „funkelnden Augen“ mit Blick auf das Geschäft der Versicherungen.

          Aber auch so ist das Potential an Neukunden riesig. Der Tarifvertrag gelte für 435.000 Beschäftigte der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Etwa 150.000 weitere Mitarbeiter könnten davon profitieren, wenn ihre Arbeitgeber das wollten. Die Unternehmen zahlten 33 Euro im Monat je Mitarbeiter für die Pflegezusatzversicherung. Je mehr Beschäftigte darunter fielen, desto geringer würden die Verwaltungskosten auf Seiten der DFV. Zumal die Frankfurter schon ein solches Produkt für den Henkel-Konzerns entwickelt habe, das auch Familienangehörige in Anspruch nehmen könnten.

          Frankfurter Outperformer

          Aus Sicht von Analyst Locher ist die Aktie der DFV, die im ersten Halbjahr ihr Neugeschäftsvolumen im Vorjahresvergleich um 150 Prozent gesteigert hat und auf Prämieneinnahmen von 16,4 Millionen Euro kam, ein klarer Kauf. Mit Kaufen votiert auch sein Kollege Christian Salis von der Privatbank Hauck & Aufhäuser.

          Profitabel ist das Insurtech aber noch nicht. „Das Ergebnis wird 2019 durch die hohen Wachstumsinvestitionen für den weiteren Ausbau des Vertragsbestands, Ausgaben für die zunehmende Digitalisierung und den Auf- und Ausbau neuer Vertriebswege beeinflusst“, heißt es am Firmensitz. Der Vorstand um Gründer Stefan Knoll erwartet vor Steuern einen Verlust zwischen 9 und 11 Millionen Euro.

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