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Chemie & Pharma : Infraserv Höchst: Mit „Six Sigma“ zu neuer Ära im Unternehmen

Die Spitzen von Infraserv: Jürgen Vormann und Roland Mohr (rechts) Bild: Infraserv

Nicht einmal ein Jahrzehnt nach der Herauslösung aus der Hoechst AG steht der Frankfurter Industrieparkbetreiber Infraserv vor einem weiteren Wandel. Mit „Six Sigma“ will die Geschäftsführung ein neues Kapital aufschlagen. Gefragt sind Kritik und Eigenverantwortung der Mitarbeiter.

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          Wenn die Mitarbeiter morgens die Werkstore passieren, beschäftigt sie vor allem eine Frage: Was kann ich an meinem Arbeitsplatz alles verbessern? Bei ihren Vorgesetzten treffen sie weitestgehend auf offene Ohren statt auf Vorbehalte. Sachliche und weiterführende Kritik ist erwünscht und wird nicht krumm genommen. Persönliche Eitelkeiten treten hinter das Ziel zurück, tägliche Arbeitsabläufe möglichst von Fehlern und überflüssigen Tätigkeiten zu befreien - um letztlich die Position am Markt zu verbessern und den Kunden zu dienen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das alles klingt zu schön, um wahr zu sein? Bei Infraserv Höchst soll es nach dem Willen der Geschäftsführer Jürgen Vormann und Roland Mohr, die die Gesellschafter auf ihrer Seite wissen, bald Wirklichkeit werden. Nicht weniger als eine neue Ära in der Unternehmenskultur steht demnach bei dem Industriebetreiber im Frankfurter Westen an.

          Motorola und General Electric als Vorbilder

          Bewerkstelligen will die Firmenspitze dies mit „Six Sigma“. Dies ist letztlich „eine Denkhaltung“, sagt Vormann, und technisch betrachtet ein auf Daten und statistische Methoden gestützter Prozeß, bei denen Arbeitsprozesse mit Blick auf den Nutzen für die Kundschaft betrachtet und optimiert werden. „Six Sigma“ ist keine Erfindung der Infraserv-Geschäftsführer, sondern geht vielmehr auf das amerikanische Technologieunternehmen Motorola und den Mischkonzern General Electric zurück. Vormann hat mit dieser Methode beim Chemiekonzern Celanese, der zu den Infraserv-Gesellschaftern zählt, nach eigenen Worten gute Erfahrungen gemacht.

          „Six Sigma“ soll vor dem Hintergrund der neuen Unternehmensstruktur und der Aufgabe, bis Ende nächsten Jahres rund 55 Millionen Euro einzusparen, eingeführt werden. Vormann sieht Infraserv auf einem guten Weg, rund die Hälfte der Summe sei „im Sack“. Mit diesem Sparprogramm soll es indes nicht getan sein. Denn: „Auch im bestgeführten Unternehmen gibt es Verbesserungspotentiale“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung.

          „Es gibt keine Alternative - für niemanden“

          Und die sollen möglichst bald entdeckt werden. So hat es im März erste Workshops mit leitenden Mitarbeitern zu der Neuerung gegeben. Ob diese Herangehensweise an Arbeitsvorgänge dem einzelnen schmeckt, spielt dabei keine Rolle: „Es gibt keine Alternative - für niemanden“, hebt Vormann hervor und schiebt nach: „Es ist von der obersten Unternehmensleitung vorzuleben, daß Six Sigma das Mittel der Wahl ist, die Zahl der Fehler zu verringern.“

          Um die Mitarbeiterschaft nicht mit kühl anmutenden Vorgängen zu verschrecken, sondern sie vielmehr ins Boot zu holen, hält die Geschäftsführung sinnbildlich ihre Türen offen. „Jeder, der es will, kennt unsere E-Mail-Adressen und Telefonnummern“ - anschreiben und anrufen ist erwünscht. Umgekehrt besuchen sie einzelne Einheiten der Firma. Zudem haben Vormann und Mohr einen Forum im Infraserv-Intranet eingerichtet. „Dort können sich Mitarbeiter anonym an uns wenden. Da spielt Vertrauen eine ganz große Rolle.“

          Dieses Angebot kommt nicht so gut an wie erwünscht, daraus macht Vormann kein Hehl: „Wir sind bei weitem noch nicht da, wo wir sein sollten.“ Es gebe viel zu wenige Fragen. Was Vormann moniert: „Ich selbst habe viele Fragen zur Struktur und erwarte, daß Mitarbeiter auch Fragen haben.“ Das brauche indes Zeit, wie er aus seiner Zeit bei Celanese wisse.

          Vergleich mit Übergang von der Hoechst AG

          Den Kulturwandel vergleicht Vormann mit dem Übergang von der alten Hoechst AG zu Infraserv. Bis 2007 soll Infraserv mit „Six Sigma“ durchdrungen sein. Unabhängig von diesem Zeithorizont sollen die Mitarbeiter durch neue Gestaltungsspielräume motiviert werden. Mit der entsprechenden Freiheit wird Verantwortung einhergehen - und zwar sowohl für den Erfolgs- als auch für den Mißerfolgsfall. Der Geschäftsführer ist sicher, „daß die meisten Mitarbeiter die Entscheidungsbefugnis begrüßen und auch die Verantwortung tragen wollen“.

          Dessenungeachtet wird die Infraserv ihr Gesicht schon bis zum Sommer ändern. Die seit Anbeginn in den roten Zahlen steckende Infraserv Technik soll noch im zweiten Quartal und die Tochter Chemfidence, die Kunden mit Rohstoffen und Chemikalien versorgt, bis zur Jahresmitte verkauft werden. Für die Infraserv Technik führt die Unternehmensleitung Exklusivgespräche mit einer anderen Firma, ein nicht näher beziffertes Angebot liegt nach ihren Angaben vor.

          Nicht zuletzt bereitet das Geschäftsfeld Verkehrstechnik, mit einem Jahresumsatz von 20 Millionen Euro bei einem Konzernumsatz von fast einer Milliarde Euro ein kleines Geschäftsfeld, einige Sorgen. Auch dieses Segment, in der Auto-Werkstätten, Nutzfahrzeugzentrum und Fahrdienst, vereinigt sind, schreibt laut Vormann rote Zahlen. Ob es eine einheitliche Lösung, also etwa einen Verkauf im Paket geben wird, ist offen.

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