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Cargo-Bikes : Die neue Lust aufs Lastenfahrrad

Klimaneutral: Klaus Grund, Gründer von „Sachen auf Rädern“, liefert Waren umweltfreundlich per Lastenrad. Bild: Wolfgang Eilmes

Nicht nur Kinder, auch Waren und Pakete werden immer öfter mit Cargo-Bikes durch die Stadt gefahren. Hersteller, Händler und Verkehrsplaner haben gut zu tun.

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          In Städten wie Amsterdam und Kopenhagen gehören sie längst zum Straßenbild. Doch auch hierzulande halten elektrische Lastenräder mit Transportboxen vor oder hinter dem Lenker Einzug in den Straßenverkehr. Für Familien ist das Rad ein Ersatz für Auto oder Zweitwagen, Logistikunternehmen transportieren damit Bestellungen schnell und umweltfreundlich ans Ziel.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Klaus Grund, Kleinunternehmer mit vier Lastenrädern in Frankfurt (Sachen auf Rädern), spricht von einer „Aufbruchstimmung wie zu Zeiten der Erfindung des Automobils“. Gerade erst haben sich deutsche Rad-Logistiker bei einer Sitzung in Berlin zusammengetan, um eine Interessenvertretung für Klein- und mittelständische Unternehmen, den Rad-Logistik-Verband Deutschland, zu gründen. Grund ist Sprecher des Verbandes.

          Mikrodepots als Sammelstelle

          Sprechen Logistiker vom Lastenrad, ist der Begriff Mikrohub oder Mikrodepot nicht weit. Als solches bezeichnet man kleine Sammelstationen in der Stadt, von wo aus Pakete mit dem Lastenrad auf der sogenannten letzten Meile ans Ziel gebracht werden. In einem zweijährigen Modellprojekt testet der Express- und Paketdienst UPS seit Oktober zusammen mit der Stadt Frankfurt, der IHK und der Mobilitätsorganisation Holm eine solche Verteilstation. An der Meisengasse beim Börsen-Parkhaus hat UPS gegen eine geringe Miete von der Stadt eine Fläche für ein Zwischenlager zur Verfügung gestellt bekommen. Dort holen Mitarbeiter die Pakete ab, um sie mit dem Lastenrad weiterzuverteilen.

          Die Zwischenbilanz im März fiel recht positiv aus: Das Modell funktioniere, auch wirtschaftlich und ohne Service-Einschränkungen für Kunden. Ähnlich positiv beurteilt die Deutsche Post einen Lastenrad-Versuch von DHL Express in Rödelheim. Nach Angaben eines Sprechers konnten die Zusteller die Stopps auf der Teststrecke verdoppeln. Die Stadt Frankfurt ist nach Angaben des Verkehrsdezernats in Gesprächen mit DHL Express über weitere Mikrodepots.

          Herstellung von Lastenräder boomt

          Den Boom der neuen Lastenrad-Logistik spüren auch Hersteller und Händler. Die auf hochwertige E-Bikes und E-Cargo-Bikes spezialisierte Weiterstädter Manufaktur Riese&Müller hat in den vergangenen drei Jahren ihren Umsatz jedes Jahr mehr als verdoppelt, sagt ein Sprecher. Achtzig neue Mitarbeiter wurden seit August vergangenen Jahres eingestellt, wodurch jetzt 350 Personen für Riese&Müller arbeiten. Zurzeit ist das Unternehmen dabei, seine Kapazitäten kräftig auszubauen. Am neuen Firmensitz in Mühltal entsteht bis nächstes Jahr eine moderne Fabrik mit einer Jahreskapazität von rund 80 000 elektrischen Rädern und Lastenrädern, von denen die Manufaktur vier Typen im Programm hat. In erster Linie verkauft Riese & Müller über Fachhändler an Privatkunden, viele Tests liefen aber auch mit Paketdienstleistern und Logistikunternehmen, heißt es.

          Cargo-Bikes aus Weiterstadt finden Radfahrer neben anderen Marken auch im Fahrradgeschäft Bike Boutique an der Gallusanlage in Frankfurt, das sich vom herkömmlichen Fahrradgeschäft zum Spezialisten für Lasten- und Familienräder entwickelt hat. Nach Angaben von Inhaber Johannes Hölß ist die Fahrrad-Boutique der größte Anbieter von Lasten- und Familienrädern im Rhein-Main-Gebiet.

          Fortan will sich Hölß mit seinem 15 Mitarbeiter starken Team als Dienstleister rund um das Thema Mobilität neu aufstellen. So wurde das Unternehmen bereits umfirmiert zur Main Mobility GmbH. Weiter ausgebaut werden soll der Rundumservice für die Fahrradflotten in Firmen – Leasing, Wartung und Versicherung inklusive. Mit der Kette Sushi-Shop hat Main Mobility in einem Pilotprojekt mit 18 Rädern bereits einen solchen Rundumvertrag.

          Auch möchte Hölß zusammen mit Herstellern Lastenräder entwickeln, die auf den Bedarf spezieller Berufsgruppen zugeschnitten sind. Etwa Räder für Schornsteinfeger mit Boxen, in denen sie Utensilien wie Kaminbesen und Zuggewicht gut verstauen könnten, oder Räder für Apotheker, mit denen diese Medikamente bequem von A nach B fahren, auch solche, die gekühlt werden müssen. Der Fahrradhändler sieht noch viel Luft nach oben. Kopenhagener Verhältnisse, meint er, „täten auch Frankfurt ganz gut“.

          Dienstleister als Schlossherr

          Über Lastenfahrräder berichten wir in der neuen Ausgabe unseres regionalen Wirtschaftsmagazins „Metropol“. Darin findet sich außerdem auch ein großes Porträt des Wisag-Gründers Claus Wisser. In einem Alter, in dem andere Wohlhabende Golf spielen, dreht er als Retter von Kloster Johannisberg nochmals das große Rad. Zudem lesen Sie in dem Magazin Beiträge über vier Start-ups, die alternative Getränke herausbringen, über Yoga für Manager und über den Aktionärsschützer Klaus Nieding. Nicht zuletzt steht darin ein großes Porträt des Wirtschaftsstandorts Wiesbaden. (thwi.)

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