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Rauschmittel als Arznei : Neue Cannabis-Regeln verunsichern Patienten und Anbieter

Verschreibungsfähig: Patienten mit Nervenschmerzen, Spastiken oder auch Krebs können Cannabis auf Rezept bekommen. Bild: AP

Unklare Fälle, unberechenbare Kosten, hohe Ablehnungsquoten: Gründer, Juristen und Politiker plädieren für eine Reform der Cannabis-Legalisierung für Patienten. In Frankfurt diskutierten sie miteinander.

          3 Min.

          Benedikt Sons muss unbedingt etwas klarstellen: „Eine Volllegalisierung von Cannabis lehne ich ab.“ Das wirkt zunächst überraschend, denn der Frankfurter hat aus dem Rauschmittel ein lukratives Geschäft gemacht. Zusammen mit seinem Bruder Jakob und seinem Vater hat er vor drei Jahren einen Vertrieb für Medizinalcannabis aufgebaut – und vor kurzem einen Exklusivauftrag der staatlichen Cannabisagentur erhalten. Sons wünsche sich, sagt er, jedoch eine Regulierung, „die der Komplexität des Produkts gerecht“ werde.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sons Start-up Cansativa wurde überhaupt erst möglich, weil nach Jahrzehnten der Kriminalisierung Bewegung in die politische Debatte gekommen ist, ob berauschender Hanf erlaubt wird. 2017 wurde das Rauschmittel in Deutschland erstmals in engen Grenzen als Medizin legalisiert. Welches Potential in diesem neuen Pharmamarkt steckt, diskutierte Sons am Montagabend mit dem Juristen Marc Schüffner und dem FDP-Landtagsabgeordneten Yanki Pürsün auf Einladung der Frankfurter Montagsgesellschaft. Die Diskussion wurde ins Internet gestreamt.

          Pro Jahr fast verdoppelt

          Der Markt für medizinisches Cannabis wächst so schnell wie kräftig: Wurden 2017 noch rund 1,5 Tonnen importiert und von Ärzten und Apothekern an Patienten ausgegeben, waren es allein im ersten Halbjahr dieses Jahres schon 4,4 Tonnen, wie Sons berichtet. Und dabei müsse es nicht bleiben. Es gebe längst eine Mehrheit für eine teilweise Legalisierung dieses Rauschmittels, glaubt der Gesundheitspolitiker Pürsün, und zwar sowohl im Bundestag als auch in der Bevölkerung. „Früher gab es dazu noch ein abgeschlossenes Weltbild, aber eine jüngere Generation sieht das nicht mehr so kategorisch.“

          Dabei ist Cannabis weiterhin illegal, betont Anwalt Schüffner, Partner in der Frankfurter Wirtschaftskanzlei Görg. „Die Rechtslage ist nach wie vor so, dass im Grundsatz der Besitz und Konsum strafbar ist.“ Auch medizinisches Cannabis werde nicht nur vom Arzneimittelrecht geregelt, sondern zugleich vom Strafrecht. Das sei aber mittlerweile durchaus umstritten.

          Welche Folgen das haben kann, zeigt die alljährliche Kriminalstatistik. Gut 26000 Rauschdelikte hatte die hessische Polizei im vergangenen Jahr registriert (2018 waren es rund 27000). Weit mehr als die Hälfte davon entfallen auf Delikte mit Cannabis. „Wir überlasten damit Justiz und Polizei, die nicht mehr dazu kommen, richtige Kriminelle zu verfolgen,“ sagt Pürsün. Ein Teil der Käufer und Konsumenten dieser illegalen Drogen seien dabei auch Menschen mit Depressionen oder Krebsleiden, sie sich bisher nicht anders zu helfen wüssten.

          Nutzer im Schnitt eher älter

          Die neue Rechtslage macht es für Unternehmer jedoch nicht einfach, in diesen neuen Pharmamarkt vorzudringen, warnt Anwalt Schüffner. Das beginne schon dabei, für welche Krankheitsbilder medizinisches Cannabis zugelassen sei. Eine klare Liste existiert dafür nicht. Unternehmer Sons sagt, in der Regel handele es sich um Patienten, die „austherapiert“ seien, andere Behandlungsmethoden also nicht mehr anschlügen. Häufig geht es um Nervenschmerzen und Spastiken, mitunter auch bei Krebs und nach Chemotherapien. „Das sind alles oft tragische Einzelschicksale.“

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          Der häufigste Nutzer ist seinen Zahlen nach weder Hippie noch Student, sondern im Schnitt 50 bis 59 Jahre alt. Bislang importiert Cansativa die Hanfpflanzen aus Kanada und den Niederlanden. Fortan wird es auch staatlich kontrollierte Ernten aus Deutschland geben, 2,6 Tonnen sind künftig im Jahr erlaubt, bei beispielsweise 20 Euro Abgabepreis je Gramm hätten die deutschen Pflanzen einen Wert von 52Millionen Euro. Patienten bekommen im Monat meist 35 bis 55 Gramm verschrieben, das ergäbe für sie Kosten von 700 bis 1100Euro. Die Kassen erstatten knapp die Hälfte, 9,52 Euro je Gramm.

          Da es allerdings im Gesetz keine Positivliste gibt, kann jede Kasse im Prinzip selbst entscheiden, ob sie die Anträge der Patienten auf Kostenübernahme akzeptiert. Das Wort „Willkür“ spricht der Jurist Schüffner nicht aus, er nennt es lieber „sehr unterschiedliche Vorgehensweisen“. Der Abgeordnete Pürsün verweist darauf, dass in Hessen im Bundesvergleich die wenigsten Anträge auf Kostenübernahme akzeptiert würden, die Quote liege bei rund 60 Prozent. Solche geringen Quoten seien gerade für Patienten ein „etwas unbefriedigender Zustand“, sekundiert Schüffner. Auch Ärzte würden sich angesichts der unklaren Rechtslage weiter scheuen, Rezepte für Cannabis auszustellen.

          Yanki Pürsün, der auch Stadtverordneter ist, hatte in Frankfurt im Jahr 2017 für einen Modellversuch plädiert, um den Schwarzmarkt auszutrocknen. Mit dem Vorschlag einer kontrollierten Abgabe von Cannabis an Erwachsene, und zwar nicht nur an Patienten, sei er jedoch bereits an der Stadtverwaltung gescheitert. Dass es bald Coffeeshops wie in Amsterdam geben wird, muss also in Frankfurt weiterhin keiner befürchten.

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