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Bundesfinanzagentur : Flucht zur Schildkröte

Die Günther Schild genannte bronzene Werbefigur gesellte sich zum Auftakt der Kampagne zu Bulle und Bär auf dem Frankfurter Börsenplatz Bild: dpa

Während die Finanzkrise das Frankfurter Bankenviertel heimsucht, verlagern viele Anleger ihre Hoffnungen ins Mertonviertel der Stadt. Hier sitzt die Bundesfinanzagentur und freut sich über rasant steigende Nachfrage nach sicheren Bundeswertpapieren.

          Günther Schild hat seinen Platz gefunden. Nicht nur im Foyer der Bundesfinanzagentur im Frankfurter Mertonviertel. Auch im Herzen der Mitarbeiter des Hauses. Sie reden über Günther schon wie über einen lieben Kollegen. Dabei ist Günther Schild eine Schildkröte - jene, die seit August für Anlageprodukte der Bundesfinanzagentur wirbt, die „entspannendste Geldanlage Deutschlands“. Zwei Tage hatte das Reptil als Bronzeskulptur zwischen Bulle und Bär auf dem Frankfurter Börsenplatz gestanden, inzwischen begrüßt es Besucher in der Eingangshalle der Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch ob der Ansturm auf die Produkte mit Bundesgarantie wirklich auf die Rechnung der Schildkröte geht oder ob nicht doch die Sturmböen der Finanzkrise die Anleger in Scharen in den sicheren Hafen des Staates treiben, bleibt wohl ungeklärt. In jeder Zeitung erscheinen derzeit Artikel „Wo ist mein Geld am sichersten?“, und kein Blatt kommt umhin, die Bundeswertpapiere, -obligationen und -schatzbriefe, die die Finanzagentur im Auftrag der Bundesregierung ausgibt, als ebenjene sicherste Alternative zu nennen. Denn auch wenn die Renditechancen hier nicht eben spektakulär sind - sämtliche Gelder sind durch den Staat und sein Vermögen geschützt.

          „Bundeswertpapiere sind so gefragt wie nie“

          20.000 Anrufe gehen nach Angaben eines Sprechers derzeit an Spitzentagen in den Service-Centern der Finanzagentur ein - die an der Lurgiallee direkt gegenüber der Finanzdienstleistungsaufsicht sitzt. Vor allem das Interesse an kurzfristigen Produkten wie etwa den Finanzierungsschätzen sei enorm. Meldungen über verlorene Millionen durch die Lehman-Pleite und den Quasi-Zusammenbruch der Hypo Real Estate haben das Sicherheitsbedürfnis vieler Anleger in die Höhe schnellen lassen.

          Günther Schild (Mitte) mit seinen Chefs Carl Heinz Daube und Carsten Lehr

          „Das Geschäft hat durch die aktuelle Finanzmarktsituation zusätzlichen Schub bekommen. Bundeswertpapiere sind so gefragt wie nie“, sagt Geschäftsführer Carl Heinz Daube. Das Gesetz der Bundesregierung von 2006, wonach das Privatkundengeschäft der Agentur wieder verstärkt werden soll, wird somit zur bestmöglichen Zeit verwirklicht. Lange hatte sich die Agentur, deren Hauptaufgabe die Refinanzierung der Bundesrepublik ist, auf den Kapitalmarkt konzentriert. Die privaten Anleger, deren Geld Ende der achtziger Jahre einmal 40 Prozent der Bruttokreditaufnahme des Bundes ausgemacht hatte, waren ihr weitgehend von den Banken und Sparkassen abgeluchst worden. Der Anteil soll nun wieder von zwei Prozent auf bis zu fünf im Jahr 2013 erhöht werden.

          Dafür führte die Finanzagentur im Juli mit der Tagesanleihe das erste neue Privatkundenprodukt seit 30 Jahren ein. Sie funktioniert ähnlich wie ein Tagesgeldkonto, bietet relativ hohe Zinsen bei täglicher Verfügbarkeit, ist aber rechtlich betrachtet ein Wertpapier. Ursprünglich wollte die Agentur damit den Bestandskunden, deren Schatzbrief ausläuft und denen die aktuellen Konditionen eines neuen Schatzbriefs nicht zusagen, die Möglichkeit bieten, ihr Geld zu parken. Doch nun kommen auch immer mehr Neukunden auf den Geschmack. Vom Start der Tagesanleihe im Juli bis heute seien schon 650 Millionen Euro gezeichnet worden, wie Daube sagt.

          Gezielte Werbung für Tagesanleihe

          Mit der Wiederbelebung des Privatkundengeschäfts wird auch die Integration der ehemaligen Bundeswertpapierverwaltung, die einst von Bad Homburg aus die privaten Kunden mit Bundeswertpapieren versorgte, in die Finanzagentur weiter vorangetrieben. Die rund 340 Mitarbeiter, die seit Juni 2007 auch räumlich mit den etwa 100 Mitarbeitern der Finanzagentur zusammenarbeiten, kümmern sich nun um den Anfragesturm. Der wird wohl noch mal an Stärke gewinnen, wenn Günther Schild am 13. Oktober mit einer neuen Kampagne gezielt in die Werbung für die Tagesanleihe einsteigt.

          Daube, der die Agentur seit Februar führt und vorher bei der HSH Nordbank gearbeitet hatte, ist inzwischen schon bemüht, die Erfolge nicht allzu sehr herauszukehren. Denn er kennt die Vorwürfe gerade aus dem privaten Bankensektor. Sie sehen in der Finanzagentur einen staatlichen Konkurrenten im ohnehin scharfen Wettbewerb um Privatkundengelder. Gerade die Einlagen der privaten Kundschaft gewinnen in diesen Tagen, in denen der Geldhandel der Banken untereinander quasi zum Erliegen gekommen ist, an Bedeutung. Daube wiegelt daher ab. Er beziffert das gesamte Geldanlagevermögen der privaten Haushalte in Deutschland auf 2,6 Billionen Euro. Die Finanzagentur plane, über die Tagesanleihe in den kommenden Jahren lediglich fünf Milliarden Euro davon anzuwerben.

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