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Bürgerforum zur Mobilität : „Das können Sie sich in die Haare schmieren“

Daimlers Konzernchef Ola Källenius war auch beim Bürgerforum zugegen, kritischen Fragen stellte er sich allerdings nicht. Bild: dpa

Vier Stühle, eine Meinung, 45 Minuten lang: Die Autoindustrie gibt sich etwas kritikfähig und hat 200 Frankfurter zum Gespräch eingeladen. Zunächst reden aber nur die Konzernchefs und bestätigen sich gegenseitig.

          3 Min.

          Er wolle den Konzernchefs mal aus dem wahren Leben berichten, sagt Christian Schenzel. „Die leben doch in einer eigenen Blase.“ Er sei selbst Öko-liberaler, sagt der Frankfurter, glaube an Markt und Technik. Aber er habe auch Angst, wenn er mit dem Fahrrad fahre, und darum müsse sich einiges ändern.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schenzel war am Nachmittag einer von rund 200 Teilnehmern einer echten Premiere: Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hatte Bürger ins Kongresszentrum Kap Europa eingeladen, um mit ihnen über die Zukunft der Mobilität zu diskutieren. Ganz freiwillig geschah das nicht. Die Branche ist verunsichert wie wohl noch nie. Statt über neue Technik zu diskutieren, werden Hersteller für ihre Autos kritisiert, „Klimakiller“ werden sie von Umweltaktivisten genannt, selbst die Kanzlerin hatte in ihrer Eröffnungsrede ein Umdenken eingefordert. Am Samstag wollen Zehntausende gegen die Internationale Automobilmesse demonstrieren.

          Um aus der Defensive zu kommen, versucht der Verband, sich gesprächsbereit zu zeigen, und hat zu dem Bürgerforum eingeladen. Selbst diese Veranstaltung blieb nicht ohne Kontroverse, kurzfristig wie öffentlichkeitswirksam hatte der Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) seine Teilnahme abgesagt, weil sein Frankfurter SPD-Amtskollege nicht bei der Eröffnung der Automesse reden durfte. „Das ist keine Feigenblattdiskussion“, sagt Bernhard Mattes, der bald abtretende Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, zum Auftakt des Bürgerforums. Man wolle die Kritiker hören und sich mit ihnen austauschen.

          Es sprechen nur die Konzernchefs

          Bis es dazu kommt, dauert es aber eine Weile. Anfänglich mahnt der Moderator die Teilnehmer zu Respekt und Höflichkeit, doch das ist lange gar nicht nötig. Auf dem Podium haben nur die Konzernchefs von Daimler, Porsche und Bosch sowie der VDA-Präsident Platz genommen. Gegenseitig bestätigen sie sich, dass das Auto eine Zukunft habe und alle auf dem richtigen Weg seien. Vier Stühle, eine Meinung, 45 Minuten lang.

          Kontaktsuche: Der Verband der Automobilindustrie lädt zum ersten Mal Bürger ein, um sie nach ihrer Meinung zur Zukunft der Mobilität zu befragen.

          Das ändert Boris Palmer: Er habe Zweifel, dass bei den Konzernchefs der Wandel in den Köpfen angekommen sei und nicht nur darüber geredet werde, sagt der Grünen-Politiker und Tübinger Oberbürgermeister und erntet den ersten Applaus des Abends. „Die Autos, die Sie bauen, passen nicht in unsere Städte.“ Sie seien zu schwer für die Straßen, zu groß für die Tiefgaragen. Größere würde er nicht bauen, sagt Palmer. „Und Sie können es sich in die Haare schmieren, dass ich für Ihre Ladesäulen ganz Tübingen aufgrabe.“ Als dann auch noch die Zuhörer eingeladen werden, sich zu äußern, wird es endgültig kurzweilig. Sie habe beruflich mit den Dieselskandal-Prozessen zu tun, berichtet etwa eine junge Frau, und da könne sie keine Einsicht bei den Herstellern erkennen. „Da werden Schriftsätze verzögert und Schriftsätze erschwert.“

          Ein Unternehmer sagt, bei ihm stünden mehr Elektroautos auf dem IAA-Messestand als bei Porsche und Mercedes. Und ein Teilnehmer kritisiert, dass es doch eigentlich um „Mobilität der Zukunft“ gehen solle, alle aber nur über das Auto redeten. Andere Anwesende geben den Herstellern recht: Wenn die deutschen Produzenten, die hauptsächlich exportierten, nur Autos passend für die Stadt Tübingen bauten, dann könnten sie das Geschäft gleich einstellen, findet einer. Ein selbsterklärter Zweifler am Klimawandel stellt in Frage, dass Deutschland viel Geld für die Kohlendioxid-Reduzierung ausgeben müsse, das sei doch in der Dritten Welt viel günstiger.

          Doch es sollte im Kap Europa ja nicht nur auf dem Podium diskutiert, sondern auch an Lösungen gearbeitet werden. Neun Pinnwände haben die Veranstalter in den Ecken des Kongressgebäudes aufgestellt, an denen die Bürger über konkrete Fragen diskutieren sollen. Brauchen wir in der Zukunft noch ein eigenes Auto? Was darf grüne Mobilität kosten? Wie viel Platz bekommt der Straßenverkehr? Es geht kontrovers, aber sachlich zu. Ein Bankangestellter berichtet, er wohne in Rüsselsheim und sei auf das Auto angewiesen. Ein Frankfurter entgegnet, der Banker könne ja gern in Rüsselsheim herumfahren, aber nach Frankfurt solle er die Bahn nehmen. „Na ja, dann fahren Sie mal mit vier Töchtern shoppen“, sagt der Rüsselsheimer. Eine Anwältin erzählt, sie fahre ein großes Auto, weil sie oft 500 Kilometer weit zu Prozessen müsse und dort ausgeruht ankommen wolle. „Das geht nicht im Smart.“

          Funktionieren nur individuelle Lösungen?

          Auf Karten schreiben sie ihre Erwartungen auf: autofreiere Städte, mehr Platz für andere Verkehrsmittel und eine Citymaut werden da zum Beispiel gefordert. Aber auch befürchtet, dass die Politik zu langsam handele und für einige Gruppen Mobilität zu teuer werde. Das Problem, sagt Teilnehmer Schenzel, sei, dass die meisten eine Lösung für Alle suchten. Es müsse aber individuelle Lösungen geben. Das Elektroauto für Städte und weiterhin ein modernes Dieselauto für Mecklenburg. Teilnehmer Bruno Post findet, man müsse nicht alles gesetzlich regeln, jeder Einzelne müsse aber überlegen, ob er nicht vorausschauender fahren oder auf eine Tour verzichten könne.

          Einig sind sich die meisten, dass das Format dieses Bürgerforums eine gute Idee ist. Das liegt auch daran, dass die Hälfte der Teilnehmer repräsentativ ausgewählt und von einer Agentur angefragt wurde. Das habe dafür gesorgt, dass nicht nur Aktivisten von beiden Seiten beteiligt seien.

          Aber was folgt, nach mehr als drei Stunden Diskussion, aus diesem Abend? VDA-Präsident Mattes verspricht zum Abschluss, die Ergebnisse würden dokumentiert und veröffentlicht. So können auch die Konzernchefs davon etwas mitnehmen. Denn die haben das Bürgerforum längst verlassen.

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