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Buchverzeichnis : Das eine Buch unter Millionen von Titeln

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Datenerfasser: Ronald Schild und Monica Wellmann mit einer älteren Ausgabe des Bücherverzeichnisses Bild: Frank Röth

Spezialisten im Haus des Buches pflegen seit Jahrzehnten das Verzeichnis Lieferbarer Bücher und sorgen mit Künstlicher Intelligenz dafür, dass das Buch auch im digitalen Zeitalter seine Leser findet.

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          Die meisten nicht mehr ganz jungen Leser erinnern sich noch gut daran: Wie der Buchhändler des Vertrauens einst in den dicken grünen Wälzern blätterte, wenn sie ein Buch haben wollten, das nicht im Regal stand. Dank des Verzeichnisses Lieferbarer Bücher, kurz VLB, war das kein Problem. Seit 1971 wurden die Bände von der MVB GmbH, einem Tochterunternehmen des Gesamtverbandes Börsenverein des Deutschen Buchhandels, an der Braubachstraße erstellt, um Verlagen, Buchhändlern und Lesern das Leben zu erleichtern.

          Zwei Bände hatte damals die erste Ausgabe, spärliche 152.526 Titel waren darin aufgelistet. Eine Zahl die angesichts der heutigen Bücherflut wie ein Witz erscheint. Allein in Deutschland gab es im vergangenen Jahr 71.500 Neuerscheinungen. Deren Daten wollen erfasst und verarbeitet werden. Heute sind über das Verzeichnis 2,5 Millionen Titel von knapp 22.000 Verlagen digital vom Buchhändler sofort abrufbar, unter diesen auch Self-Publisher. „Die könnten Sie gar nicht mehr alle in gedruckten Bänden unterkriegen“, erläutert Ronald Schild, Geschäftsführer des Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels, wie das Unternehmen in voller Länge heißt.

          In seinem Büro im Dachgeschoss mit Blick auf die Neue Altstadt stehen nur noch die zwölf Bände der letzten gedruckten Ausgabe von 2003/2004 mit je 1700 Dünndruckseiten plus Ergänzungsband im Regal. Im Jahr 2002 erschien die erste Online-Ausgabe des VLB, das seither immer weiter verfeinert und inzwischen auch international vermarktet wird. So werden Vertreter der Buchbranche aus Mexiko auf der gestern eröffneten Buchmesse einen Kooperationsvertrag mit MVB unterschreiben. Von Mexiko aus soll bald der gesamte spanischsprachige Buchmarkt Lateinamerikas mit dem System verknüpft werden. In Brasilien, wo man portugiesisch spricht, wird bereits mit dem Verzeichnis gearbeitet. „Jeder Buchmarkt funktioniert anders“, sagt Schild. Selbst in China gebe es Interesse am VLB, doch Zensur und starke Marktsteuerung liefen dem Prinzip der Auflistung aller lieferbaren Bücher eher entgegen. In Deutschland bleiben nur indizierte Bücher außen vor, etwa wenn sie beispielsweise wegen Verherrlichung des Nationalsozialismus offiziell gerichtlich verboten sind.

          Künstliche Intelligenz hilft bei Einordnung

          Rund 35 Mitarbeiter, davon zehn Softwareentwickler, sorgen im Haus des Buches an der Braubachstraße dafür, dass der immense Datenstrom ungebremst weiter fließt. Längst sind nicht mehr nur Basisdaten verfügbar, die ein einzelnes Buch identifizieren, sondern auch alle weiteren Informationen, die Verlage heute digital zur Verfügung stellen können: von der Cover-Abbildung, über Lese- und Hörproben, bis hin zu Inhaltsangaben und Links zu Kurzvideos über die Autoren.

          Die ausgefeilte Verknüpfung von Inhaltskategorien lassen auch ausgefallene thematische Suchen zu. Wer etwa Literatur über die „vegane mongolische Küche des 19. Jahrhunderts“ sucht, der wird schnell fündig. Bis zu 7200 Merkmale verfeinern jede Profisuche. Es ist auch möglich, nach einem Kriminalroman zu suchen, der in den sechziger Jahren in Frankfurt spielt. Dann sucht man nach Gattung, Schauplatz und Epoche. Analysen, die in die Tiefe der Bedeutung von Wörtern eintauchen, funktionieren ebenfalls, wenn auch nur „halbautomatisch“. Das bedeutet, dass Menschen noch gelegentlich überprüfen oder Korrekturen vornehmen müssen, um die exakte inhaltliche Einordnung eines Buches vornehmen zu können.

          Ob das Stichwort „Lungenkrebs“ in einem Roman steht, dessen Held daran erkrankt ist oder ob es sich um ein medizinisches Fachbuch handelt, ist für die Literatur-Suche des Lesers natürlich von entscheidender Bedeutung. „Wir arbeiten intensiv daran, mit Hilfe von künstlicher Intelligenz das komplett automatisieren zu können“, sagt Schild und gewährt damit einen kleinen Einblick in die Zukunft des VLB, das bei der Buchmesse im nächsten Jahr sein fünfzigjähriges Bestehen feiern wird.

          Auf ständige Erweiterung ausgelegt

          Auch die Beratung von Kunden wird so automatisiert möglich sein. „Wenn Ihnen dieses Buch gefallen hat, wird es auch xy“, solche Vorschläge kennt man zur Genüge vom Online-Einkauf. „Das VLB allerdings wird nicht aufgrund von simplen Verkaufszahlen, sondern anhand des Sprachstils oder des Spannungsbogens in einem Buch stilistisch ähnliche Romane vorschlagen können“, erklärt Monica Wellmann, die stellvertretende Leiterin des VLB.

          Das Verzeichnis ist verknüpft mit der Datenbank der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt, die so bereits Monate vor Veröffentlichung eines Buches von dessen Existenz erfährt und gegebenenfalls fehlende Exemplare rechtzeitig ordern kann. Die Verlage sind aufgefordert, bei jedem neuen Buch das Verzeichnis selbst mit Daten zu füttern. Je besser sie das tun, umso höher ist der Preisnachlass, den ihnen MVB gewährt. Das Verzeichnis finanziert sich über Nutzergebühren, die zu 70 Prozent von den Verlagen kommen und zu 30 Prozent vom Buchhandel. Wirtschaftlich sei die Datenbank so ausgelegt, dass sie ständig erweitert werden könne, sagt Schild.

          Nur Verlage und Buchhändler können das Verzeichnis komplett einsehen. Für Leser gibt es eine verschlankte Version: die Internetseiten buchhandel.de. Was nur die wenigsten wissen: Auch jede Recherche über eine Suchmaschine nach einem deutschsprachigen Buchtitel basiert auf den Metadaten aus der Braubachstraße. So gesehen profitiert auch der Leser von der Arbeit der Datenverarbeiter. Sie bedeute „mehr Vielfalt und eine umfassende Orientierung“, sagt der Geschäftsführer. Titel, die in der Buchhandlung und im Großhandel nicht vorhanden sind, bekommen so überhaupt erst eine Chance, ihren Weg zu den Lesern zu finden.

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