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Buchhandlungen im Lockdown : Schlafen werden wir später

Zur Abholung bereit: Buchhandlungen müssen improvisieren. Bild: Maximilian von Lachner

Verhageltes Weihnachtsgeschäft, verlängerter Lockdown: Die Stimmung im Buchhandel der Rhein-Main-Region ist trotzdem nicht schlecht. Das liegt besonders am Einfallsreichtum und Durchhaltevermögen der Ladeninhaber.

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          „Noch 6000 Dollar“, ruft Diane Keaton in „Baby Boom“ und kippt nach links aus dem Bild. Die neue Wasserleitung bricht der New Yorker Geschäftsfrau, die sich im ländlichen Vermont ein altes Haus gekauft hat, finanziell das Genick. Der Brunnen ist ausgetrocknet, sie flieht in die Ohnmacht. Anders als Keaton, die vom Klempner in die Praxis des Tierarztes gefahren wird, er ist der einzige Doktor im Ort, und dort in der Obhut von Sam Shepard wieder erwacht, steht dem Buchhandel der Region im gerade verlängerten Lockdown keine romantische Komödie bevor.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Um 8,7 Prozent ist der Umsatz des stationären Buchhandels im Jahr 2020 geschrumpft, teilte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Donnerstag in Frankfurt mit. Das Corona-Jahr habe die Branche schwer getroffen, sagte Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs. „Die Perspektiven für Verlage und Buchhandlungen sind ungewiss“, fügte die Mainzer Verlegerin hinzu.

          Bücher bis vor die Haustür

          Dabei lief im November und den ersten beiden Dezemberwochen alles bestens. Zwar ging der Buchhandel mit einem Umsatzeinbruch von mehr als 21 Prozent aus den ersten vier Monaten des Jahres und gut vier Lockdown-Wochen im März und April hervor. Bis zum 13. Dezember jedoch hatte sich dieses Minus auf nur noch 4,5 Prozent verringert. Drei Tage später kamen der zweite Lockdown und das abrupte Ende des Weihnachtsgeschäfts.

          Da hilft es nur wenig, dass die beiden Tage vor der Ladenschließung der „absolute Oberhammer“ waren, wie Lisa Schumacher es formuliert, die vor einem Dreivierteljahr die traditionsreiche Steinmetz’sche Buchhandlung in Offenbach übernommen hat. Allein am 14. Dezember übertraf der Umsatz sämtlicher deutscher Buchhandlungen den des Vorjahrs um 69,4 Prozent. Schon am 16. Dezember aber gingen die Einnahmen um 74,1 Prozent zurück. Am 18. Dezember wurde schließlich 81,4 Prozent weniger Umsatz verzeichnet als im Jahr zuvor. Dass überhaupt Geld eingenommen wurde, lag daran, dass die Buchhändler sich wie im Frühjahr sofort auf das Ausliefern der von den Kunden bei ihnen auch weiterhin bestellbaren Ware verlegten.

          „Vielerorts war der Umsatz um die Zeit wirklich gut“, sagt Andrea Wolf, die von Wiesbaden aus den Landesverband des Börsenvereins führt, der für Buchhändler in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland zuständig ist: „Hier und da ging es, bei aller gebotenen Vorsicht, sogar um ein kleines Umsatzplus.“ Was unter anderem dazu geführt habe, dass Händler, denen die finanzielle Unterstützung aufs Ganze gesehen vielleicht durchaus willkommen gewesen wäre, die von der öffentlichen Hand bereitgestellten November- und Dezemberhilfen gar nicht erst beantragen konnten. Sie werden Unternehmen zur Erstattung von Fixkosten gewährt, die mehr als 30 Prozent Umsatzverlust verzeichnen. Ob Ende Januar die dritte Überbrückungshilfe greife, lasse sich noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Der Jahresbeginn sei im Buchhandel ohnehin schwach. Da reiche ein eventueller Umsatzrückgang gegenüber dem Vorjahresmonat vielleicht abermals nicht aus. Immerhin erfreulich, dass die meisten Läden nicht unter die Hilfsvoraussetzungen fielen: „Für jede Buchhandlung, die es bis jetzt aus eigener Kraft geschafft hat, freut es mich.“

          „Langsam werden die Leute mürbe“

          Beim Durchhalten helfe ein großer Unterschied gegenüber dem Frühjahr, sagt Thomas Schröder, Geschäftsführer des Cardabela Buchladens an der Frauenlobstraße in der Mainzer Neustadt: „Im ersten Lockdown haben wir zu 80 Prozent geliefert. Jetzt wird zu 90 Prozent geholt.“ Anders als im Frühjahr ist das Abholen bestellter Bücher aus dem Laden diesmal in allen Bundesländern bis auf Sachsen ausdrücklich gestattet. Das spart Zeit und Kraft, die im März und April in das Ausliefern mit der Post, dem eigenen Auto, auf dem Fahrrad oder zu Fuß investiert werden mussten. Bei Bettina Haenitsch, die am anderen Ende der Region den Buchladen Seligenstadt führt, das gleiche Bild. Sie bedient ihre Kunden am Fenster zum Parkplatz nach hinten hinaus: „Sie sind froh, wenn sie mal jemand anderen sehen als die Kassiererin im Supermarkt.“ Ihr Weihnachtsgeschäft, fügt Haenitsch hinzu, sei besser gewesen als das im Jahr zuvor. Sie beginnt das neue Jahr mit einem finanziellen Polster, rechnet erst im März mit einer Wiederöffnung der Geschäfte und ist „besorgt, aber nicht panisch“. Man müsse sich allerdings Neues einfallen lassen. Haenitsch verlegt das derzeit im Laden nicht mögliche, aber nach wie vor ungeheuer verkaufsfördernde Empfehlungsgespräch daher in mehr und mehr Buchbesprechungen auf Instagram.

          Dem Aufbau eines Accounts wird sich dort auch Schumacher widmen. Sie sieht überall mehr Müdigkeit als im April. Der erste Lockdown sei noch aufregend gewesen, fast ein kleines Abenteuer: „Langsam werden die Leute mürbe.“ Aber wie läuft der Januar? „Bisher nicht schlecht“, sagt Schröder. Er hat in den vergangenen Wochen so viele Kalender verkauft wie nie zuvor. Das Interesse an ihnen sei noch immer groß: „Die Leute wollen das alte Jahr hinter sich lassen und ein neues beginnen.“ Sorgen macht ihm, dass die Zwischenhändler, die ihn beliefern, weniger Touren fahren und statt fünfmal die Woche nur noch dreimal vorbeikommen: „Sie erwarten, dass das Geschäft sich zurückentwickelt.“ Je länger die Schließung dauere, desto schwieriger werde es. Immerhin fällt die Fastnacht aus, die in Seligenstadt dafür sorgt, dass der Februar für Haenitsch jahrein, jahraus der stillste Monat ist. Wer weiß, was für den Buchhandel alles noch drin ist.

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