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Nach 20 Jahren im Bundestag : Brigitte Zypries fängt ganz neu an

Brigitte Zypries, hier noch in ihrer Rolle als SPD-Spitzenpolitikerin, will nun ein Unternehmen gründen. Bild: dpa

Ein Leben nach der Politik ist möglich. Die frühere Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries fühlt sich in ihrem recht wohl und plant nun die Gründung eines Unternehmens.

          Sie hatte in Peking den chinesischen Premierminister getroffen, in Paris mit französischen Ministern über die Zukunft von Opel diskutiert und mit dem Bundeskabinett die Digitale Agenda für Deutschland beschlossen. Sie war die erste Bundeswirtschaftsministerin, davor Bundesjustizministerin, verhandelte als Staatssekretärin die Gehälter für die öffentlich Angestellten und koordinierte jahrelange die Luft- und Raumfahrtpolitik der Bundesrepublik. 38 Jahre im öffentlichen Dienst, 20 Jahre Mitglied der Bundesregierung, zwölf Jahre Bundestagsabgeordnete für die SPD, immer direkt gewählt über die Erststimme.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung und bei dem Wirtschaftsmagazin Metropol.

          Dann entschied Brigitte Zypries für sich, dass es nun genug sei mit der Politik. Für einige ihrer hessischen Kollegen werden das am Wochenende die Wähler tun, erfüllen sich die Prognosen, wird so mancher sein Mandat verlieren– und berufliche neue Wege gehen müssen.

          Zypries, die am 16. November 65 Jahre alt wird, ist seit März 2018 Ministerin a.D. Sie fährt seitdem statt mit Dienstwagen mit dem Zug oder mit Carsharing-Autos, ihren Terminplan pflegt sie selbst, und ihr Büro ist nicht länger in einem modernen Ministerialbau eingerichtet, sondern in ihrer Darmstädter Wohnung. Eine Berufspolitikerin im Ruhestand. Die jetzt Unternehmerin werden will.

          „Da wollte ich lieber Beamtin werden“

          Wer ihre Familiengeschichte kennt, könnte das für naheliegend halten. Ihr Bruder Peter führt seit 23 Jahren in Kassel eine Beleuchtungsfirma für Veranstaltungen, und ihr Vater besaß lange mehrere Fotoläden mit bis zu 50 Mitarbeitern. Als Unternehmerkind aufzuwachsen habe sie aber abgeschreckt, sagt Zypries heute. Das Fotogeschäft sei immer schlechter gelaufen, später verkaufte der Vater die Läden. „Da wollte ich lieber Beamtin werden.“ Das schien sicherer. Also studierte sie Jura und ging in den öffentlichen Dienst.

          Finanzielle Sorgen muss sich Zypries, nachdem sie als Bundesministerin rund 18.000 Euro monatlich als Gehalt erhielt, Übergangsgeld kassierte und für die Zukunft mit einer Pension von etwa 10.000 Euro rechnen kann, nun wohl nicht mehr machen. Heute, sagt sie, könne sie es sich leisten, Unternehmerin zu werden.

          Dennoch kreisen ihre Gedanken immer noch viel um das Thema finanzielle Sicherheit. Allerdings weniger um die eigene, sondern um die von Durchschnittsverdienern, vor allem Frauen. Als Bundesjustizministerin hatte sie unter anderem das Unterhaltsrecht für Geschiedene reformiert. „Scheidung ist mit das größte Armutsrisiko“, das habe sie damals erkannt. Und dass kaum eine Frau vorsorge. Doch auch viele Männer würden sich viel zu wenig darum kümmern.

          Regelmäßig etwas Geld zur Seite legen

          Die Idee zu ihrem Start-up sei ihr dann auf dem ministerialen Flur gekommen, erzählt Zypries. Mit Mitarbeitern habe sie darüber geredet, wie man ohne große Mühen regelmäßig etwas Geld zur Seite legen könne. Und da sei das Gespräch auf die Pfandbons und die Treuepunkte in Supermärkten gekommen. „Dafür gibt zu viele unnütze Prämien.“ Sie hätte gern Altersvorsorge statt Teflonpfannen.

          Ihr schwebt eine App vor, mit der man etwa die Strichcodes der Pfandbons direkt einliest und dann der Betrag auf ein Vorsorgekonto übertragen wird. Der Vorteil sei, dass das Geld für das Pfand oder auch die Lebensmittel, mit denen man sich Treuepunkte verdient hat, schon ausgegeben wurde. Wenn diese Kleinbeträge dann angespart würden, sei das weniger mühsam, als wenn man extra einen Fonds-Sparplan oder ein Riester-Produkt studieren und auswählen muss. „Es geht um einen niederschwelligen Einstieg in die Altersvorsorge“, sagt Zypries.

          Wofür die Zeit gefehlt hat

          Was mit dem gesparten Geld passieren soll, daran tüftelt sie noch. Sie plant dazu eine Zielgruppenbefragung. Ein Tagesgeldkonto wäre sicher und einfach. Reizvoll fände sie aber auch günstige Indexfonds. Die bringen mehr Rendite und könnten den Deutschen vermitteln, dass Aktien per se nichts Schlimmes sind. Deshalb führe sie bereits Gespräche mit Direktbanken, wie sie erzählt.

          Zypries ist selbst seit langem Aktienbesitzerin. Dabei sind die sicher vieles, nur nicht sicher. Seit gut 20 Jahren, sagt sie, handele sie mit Wertpapieren. Und zwar nicht etwa breitgestreute Fonds, sondern Unternehmensaktien. Darunter seien auch echte Flops, gesteht sie. „Aber mein Portfolio läuft besser als viele Fonds.“

          Nun ist es nicht so, dass ihr nichts anderes mit ihrer Zeit eingefallen ist, als eine Firma zu gründen. Ganz aus der Politik ist sie noch nicht verschwunden, in Darmstadt ist sie ehrenamtliche Stadtverordnete und SPD-Vorsitzende. Sie ist noch immer in diversen Vereinen und Stiftungen aktiv, pendelt zwischen Berlin und Darmstadt, reist nach Israel, wird zu Tagungen und Messen eingeladen. Und von Dezember an wird sie dem Beirat eines Finanzvertriebs angehören. „Eigentlich wollte ich schon viel weiter mit meiner Gründung sein.“ Es habe aber die Zeit gefehlt.

          Sie sei seit langem von der Start-up-Szene begeistert. In Berlin besuchte sie regelmäßig Gründerinnen-Frühstücke, bei der Körber-Stiftung sitzt sie in einer Jury, die den Preis für soziale Gründerinnen vergibt, seit vergangenem Jahr ist sie Schirmherrin des Unternehmerinnen-Netzwerks im Start-up-Verband. „Und die Start-up-Nights im Wirtschaftsministerium sind eine Erfindung von mir.“ Auch rechtlich hat sich die Juristin gut vorbereitet: Ihr Unternehmen will sie als sogenannte Ein-Euro-GmbH gründen, für die zunächst ein Stammkapital von einem Euro ausreicht. Anders als bei der GbR, sagte Zypries, hafte sie dann nicht mit ihrem privaten Vermögen.

          Sie kennt das Modell bestens. Das Gesetz von 2007, mit dem diese haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft für Gründer eingeführt wurde, hatte sie als Bundesjustizministerin mit entworfen.

          Mehr im Metropol

          Unter anderem mit Brigitte Zypries befasst sich das regionale Wirtschaftsmagazin Metropol der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dessen neueste Ausgabe gerade erschienen ist. Darin finden sich auch Beiträge über Frankfurts neue Dressgass´ unweit der Fressgass´, die Zukunft des Finanzplatzes, den Unternehmer Hans Strothoff und den Ladenbauer Münch + Münch, der den Sprung nach Amerika gewagt hat.

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