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Pfungstädter : Ära einer Traditionsbrauerei geht zu Ende

Ur-Weizen mit Dinkelmalz: Eine spezielle Biersorte der Pfungstädter-Brauerei. Bild: Michael Kretzer

Die Brauerei Pfungstädter kann alleine nicht mehr überleben. Deshalb holt sie Investoren an Bord. Für den Familienbetrieb ist das ein Schritt in eine ungewisse Zukunft.

          Die Liebe der Chinesen zu Fünf-Liter-Dosen aus Pfungstadt ist abgekühlt. Mehrere Jahre lang stand Bier aus großen Dosen in China sinnbildlich für deutsches Importbier, auch von der Pfungstädter Brauerei aus Südhessen. Die Chinesen, deren Pro-Kopf-Konsum von Bier in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen ist, bestellten es in Restaurants und stapelten die leeren Dosen als Trophäen dann sogar pyramidenförmig übereinander, erzählt Stefan Seibold. „Von diesem Trend haben wir fünf Jahre lang extrem profitiert“, sagt der Geschäftsführer der Pfungstädter Brauerei, das Unternehmen habe dafür sogar eine eigene Abfüllanlage für die extragroßen Dosen eingerichtet. Doch mittlerweile sei dieses spezielle Geschäft wieder rückläufig, berichtet Seibold.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Solche Geschichten kann er reihenweise erzählen. Von guten Ideen, die funktionierten, denen aber eines nicht gelang: Die erheblichen Rückgänge im Bierverkauf zu kompensieren, die Pfungstädter auf anderen Feldern hinnehmen musste.

          Deshalb steht die Traditionsbrauerei im Herzen der südhessischen Gemeinde Pfungstadt, die seit 1831 in Familienbesitz ist, vor einem harten Einschnitt. Am Montag gab das Unternehmen bekannt, sich Investoren zu öffnen – und damit erstmals Macht aus den Händen der Familie Hildebrand geben zu wollen. Seibold sagt, der Bieterprozess sei weit fortgeschritten, es gebe „zwei Hände voll Interessenten“, darunter klassische Finanzinvestoren, aber auch Brauereien. Die Entscheidung, in welchem Umfang die 97 Erben der Familie als Gesellschafter des Unternehmens ihre Anteile verkaufen, sei noch nicht gefallen, so Seibold.

          Ein Kulturwandel steht bevor

          Medienberichten, die Pfungstädter Brauerei stehe vor dem Verkauf, tritt Geschäftsführer Seibold entgegen. Die Entscheidung liege zwar nicht in seiner Hand, doch: „Wir wollen nicht von einer anderen Brauerei übernommen werden.“ Das sehe auch der Beirat des Unternehmens, der die Interessen der Gesellschafter vertritt, so. Ziel sei es, die Marke Pfungstädter wie auch den Brauerei-Standort in Südhessen zu erhalten. Das gelte auch für die derzeit beschäftigten 100 Mitarbeiter.

          Trotzdem geht mit dem Entschluss ein Kulturwandel einher. Die Anfang des Jahres getroffene Entscheidung, Investoren an Bord zu holen, sei der Familie sehr schwer gefallen, so Seibold. „Und trotzdem ist sie nötig“, sagt er. Der Grund hat im wesentlichen mit zwei Entwicklungen zu tun, auf die eine Brauerei keinen Einfluss hat. Zum einen trinken die Deutschen von Jahr zu Jahr immer weniger Bier, der Absatz des Getränks pro Einwohner in Deutschland ist Zahlen des Deutschen Brauer-Bundes zufolge in den vergangenen 25 Jahren um fast ein Drittel gesunken, von 138 Liter auf zuletzt 101 Liter pro Jahr. Das Biertrinken sei einfach ein bisschen aus der Mode gekommen, sagt Seibold.

          Geschäftsführer Stefan Seibold wünscht sich mehr „Marketing-Power“.

          Noch mehr als dieses Problem macht der regional verwurzelten Brauerei eine andere Entwicklung zu schaffen: Das massive Sterben von Landgasthöfen in Hessen. Über Jahrzehnte hinweg waren Ausflugslokale der wichtigste Abnehmer für das Bier aus Südhessen. Doch ein Blick in die Statistik des Gaststättenverbands Dehoga zeigt, dass immer mehr dieser Gasthöfe ihre Türen schließen müssen.

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