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95. „Wirtschaftsgespräche am Main“ : Den Widerstand unterschätzt

Wegweiser: Carsten Kengeter will die Vorzüge der Börsenfusion besser erklären. Bild: Frank Röth

Carsten Kengeter ist weiter auf Werbetour für die umstrittene Börsenfusion. Der Börsenchef gibt sich überzeugt, die Vorteile der Fusion zu wenig erklärt zu haben.

          Der spontane Carsten Kengeter ist zugänglicher als der beherrschte. Während der Vorstandschef der Deutschen Börse zuletzt auf der Pressekonferenz des Konzerns auf Fragen zur Fusion seines Hauses mit der London Stock Exchange eher zugeknöpft und ausweichend reagiert hatte, lässt er an diesem Mittwoch in weniger offizieller Runde etwas tiefer blicken. Ob er mit so viel Widerstand aus Frankfurt gegen den geplanten Zusammenschluss gerechnet habe, wird Kengeter bei den vom stellvertretenden Ressortleiter der Rhein-Main-Zeitung, Manfred Köhler, moderierten Wirtschaftsgesprächen am Main gefragt. „Wahrscheinlich“, antwortet er ungewohnt offenherzig.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kengeter macht an diesem Tag vor Wirtschaftsvertretern deutlich, dass ihn die Diskussionen um die von ihm forcierten Fusionspläne nicht gänzlich kaltlassen. Nach wie vor stehe er hinter dem Projekt und meine, dass 99,99 Prozent des Plans auf eine breite Zustimmung träfen. Nur die verbliebenen 0,01 Prozent seien strittig, und darüber werde permanent geredet. Doch für Frankfurt sind ebenjene 0,01 Prozent wichtig, schließlich soll der Hauptsitz der neuen Superbörse beim kleineren Partner an der Themse statt beim größeren am Main liegen. Kengeter sagt, man nehme die Stimmungen in der Stadt und in den Medien natürlich auf und müsse den Dialog in der deutschen Finanzmetropole weiter vertiefen. Er sei nach wie vor überzeugt von den Vorteilen der Fusion für den Standort Frankfurt.

          Das Fehlen der kritischen Nutzermasse

          In den nächsten Wochen müssen zunächst die EU-Kommission und anschließend die im hessischen Wirtschaftsministerium angesiedelte Börsenaufsicht grünes Licht für die Fusion geben. Bis dahin scheint sich Kengeter auf einer permanenten Werbetour zu befinden – sein Auftritt bei den Wirtschaftsgesprächen gehört dazu. Der Vorsitzende der Wirtschaftsinitiative Rhein-Main und ehemalige Fraport-Chef Wilhelm Bender ruft Kengeter zu, er werde sich bestimmt freuen, einmal wieder zum normalen Geschäft zurückkehren zu können.

          Dennoch weist auch Bender darauf hin, zur „DNA der Region“ gehöre die Finanzwirtschaft nun einmal – und damit auch die Deutsche Börse. Dieser Zusammenhang dürfte als hinreichende Erklärung dafür dienen, warum sich die Region darum sorgt, durch einen Hauptsitz der neuen Börse in London und damit künftig außerhalb der Europäischen Union den Zugriff auf die Frankfurter Börse zu verlieren.

          Kengeter versucht, diese Vorbehalte durch den Verweis auf die Vorzüge einer Partnerschaft zwischen London und Frankfurt zu zerstreuen. Frankfurt werde durch den Zusammenschluss gestärkt, hebt er hervor. Und beseelt von dem Gedanken, die Logik der Fusion besser erklären zu müssen, greift der Börsenchef zu einem Vergleich mit sozialen Netzwerken. In den Neunzigern, erinnert er die Besucher, seien Netzwerke wie „Wer-kennt-wen“ und „Studi-VZ“ entstanden – und innerhalb kurzer Zeit wieder abgeschaltet worden, weil ihnen die kritische Nutzermasse gefehlt habe.

          „Wir wollen Frankfurt stärken“

          Nun seien soziale Netzwerke – wie etwa Facebook – durchaus mit Handelsplattformen zu vergleichen. „Sie leben beide von der Menge der Nutzer und der Menge an Informationen, die dort gehandelt werden.“ Aktive Nutzer zögen neue an. Diese Skaleneffekte sind auch für Börsenkonzerne von großer Bedeutung. Kengeter fürchtet, die Deutsche Börse werde alleine, ohne Fusion, im internationalen Wettbewerb der Handelsplattformen mittelfristig abgehängt. Mit der Fusion könne die Frankfurter Börse dagegen „mit einem mutigen Schritt eine neue Wachstumsstufe nehmen“.

          Die Börse könne sich als Unternehmen mit öffentlichem Auftrag gar nicht aus Frankfurt zurückziehen, hebt er hervor. Und sie wolle das auch nicht. „Diese Chimäre steht im Raum“, so Kengeter, das Gegenteil sei jedoch der Fall: „Wir wollen Frankfurt stärken.“ Die Fusion sieht er als Coup für den Finanzplatz an, schließlich ermögliche sie einen direkten Zugang zum größten Finanzmarkt der Welt.

          Sein Bekenntnis zu Frankfurt nehmen die Wirtschaftsvertreter sehr wohl wahr: „Wir stehen fest zum Standort Frankfurt.“ Dennoch offenbart die Diskussion, dass die Skepsis bezüglich des Hauptsitzes nach wie vor groß ist. Insofern hat Kengeter zumindest in einem Punkt recht: Die Vorteile der Fusion zu vermitteln sei noch viel Arbeit. „Vielleicht machen wir hier noch zu wenig, oder wir machen es zu ungeschickt.“

          Die „Wirtschaftsgespräche am Main“ sind eine Veranstaltung des Hotels Intercontinental Frankfurt, der Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main, der Messe Frankfurt GmbH und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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