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Biotech-Firma Myrvha : Mit 40 Mitarbeitern mehr als eine Milliarde wert

Chef und Eigner: Dmitry Popov konnte den Wert seines Unternehmens vor allem durch ein Hepatitis-D Medikament steigern. Bild: Vadim Frantsev

Die Firma Myrvha hat zwar nur etwas mehr als 40 Mitarbeiter, ist aber offenbar nun mehr als eine Milliarde Euro wert. Das liegt vor allem daran, dass das Unternehmen ein Medikament entwickelt hat, das die Ausbreitung von Hepatitis D verhindern soll.

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          Das Bürogebäude an der Ecke Thomasstraße/Dorotheenstraße gehört zu den unscheinbareren in Bad Homburg. An den Klingelschildern stehen Steuerberater, Ärzte und eine Reha-Klinik, im Erdgeschoss ist ein Bekleidungsdiscounter. In diesem Haus hat die Firma Myr – der Name ist abgeleitet vom biologischen Prozess der Myristoylierung – seit mehreren Monaten ihr Büro. Es handelt sich um ein Unternehmen, das zwar nur etwas mehr als 40 Mitarbeiter hat (sechs davon in Frankreich), aber offenbar nun mehr als eine Milliarde Euro wert ist.

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist einer der größten Deals in der deutschen Biotech-Branche: 1,15 Milliarden Euro hat Gilead, ein an der amerikanischen Nasdaq-Börse notierter Pharmakonzern aus Kalifornien, für das Bad Homburger Unternehmen auf den Tisch gelegt, bei dem Erreichen bestimmter Geschäftsziele kommen weitere 300 Millionen obendrauf. Der Investor ist zuletzt als Hersteller von Remdesivir bekanntgeworden, einem Mittel zur Behandlung der Covid-19-Erkrankung. Auch das Vogelgrippe-Medikament Tamiflu wurde von Gilead entwickelt.

          Dass ein amerikanischer Konzern mit mehr als 12.000 Mitarbeitern eine solche Summe für ein nicht einmal zehn Jahre altes Unternehmen aus Bad Homburg hinlegt, liegt vor allem an dessen Entwicklung Hepcludex. „Das Medikament hat ein großes Potential in der Behandlung von Hepatitis Delta“, erläutert Firmenchef Dmitry Popov, der ursprünglich in Moskau Medizin studiert hatte, später aber Unternehmer und Investor wurde. Myr sei das erste deutsche private Biotech-Unternehmen, das einen Wirkstoff erfolgreich von „bench to bedside“ gebracht habe, also am gesamten Entwicklungsprozess vom Labortisch bis zum Patientenbett beteiligt war.

          Ausbreitung in der Leber wird verhindert

          Das Medikament soll die Ausbreitung von Hepatitis D verhindern, einer Krankheit, die vor allem die Leber schädigt und die in vielen Fällen tödlich endet. Derzeit ist sie kaum behandelbar, ein bereits existierendes Medikament wirkt nur bei einem Bruchteil der Patienten. Das eigene Medikament habe einen „innovativen Wirkmechanismus“, erläutert Popov, Hepcludex wirke bei den Leberzellen hemmend an der „Eintrittspforte“ für das Virus und verhindere so die Ausbreitung in der Leber. „Mit unserem Produkt können wir einen großen ungedeckten Behandlungsbedarf abdecken.“

          Mit Hepatitis D können sich zwar nur Personen infizieren, die bereits Hepatitis B haben. In Deutschland zum Beispiel wurden dem Robert-Koch-Institut 2019 nur 44 Fälle gemeldet. Aber nach Myr-Schätzungen gibt es weltweit zwischen 15 und 20 Millionen Erkrankte, vor allem im Mittelmeerraum, der Türkei, Zentralafrika und Südamerika. Das Marktpotential belaufe sich darum auf eine Milliarde Euro.

          Myr wurde 2011 in Burgwedel bei Hannover gegründet, der Umzug der Zentrale nach Bad Homburg erfolgte 2018. Ob die Übernahme auch Folgen für den neuen Standort habe, ließe sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, hieß es von Myr.

          Medikament ist seit Juli bedingt zugelassen

          Seit der Gründung setzt das Unternehmen auf einen Ansatz, der von Wissenschaftlern an der Universität Heidelberg und dem französischen Forschungsinstitut Inserm entwickelt worden war. Seitdem wurden immer wieder klinische Studien durchgeführt, um dessen Wirksamkeit zu testen. Im Juli dieses Jahres erhielt Myr für das Medikament eine bedingte Zulassung der EU-Kommission, in Frankreich, Deutschland und Österreich ist es bereits erhältlich. In den Vereinigten Staaten soll ein Zulassungsantrag im Laufe des Jahres 2021 erfolgen.

          Das dürfte auch den ersten Großinvestor freuen, den High-Tech Gründerfonds aus Bonn, der nun ebenfalls von dem Milliardenverkauf profitiert. An dem Fonds sind das Bundeswirtschaftsministerium, die Förderbank KfW und Unternehmen wie Bosch, Braun Melsungen, BASF, Postbank und die Schufa beteiligt.

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