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Bioprodukte : Alnatura-Chef erwartet Abflachen des Bio-Booms

  • -Aktualisiert am

Vielleicht bald länger offen: Eine Filiale von Alnatura in Frankfurt. Bild: Agata Skowronek

Die Nachfrage nach Bioprodukten dürfte in der Krise einen Dämpfer bekommen. Die Bickenbacher Handelskette Alnatura sieht sich selbst davon aber weitgehend unberührt. Sie expandiert weiter.

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          Das Westend wäre ein idealer Standort für eine neue Alnatura- Filiale, da muss Götz Rehn nicht lange überlegen. Doch bislang hat er kein passendes Angebot bekommen. Anfang September erst hat die von Rehn gegründete Biosupermarktkette ihren vierten Laden in Frankfurt eröffnet. Doch mit dem neuen Markt in Sachsenhausen, gegenüber vom ehemaligen Straßenbahndepot, muss zumindest nach Rehns Ansicht noch längst nicht Schluss sein.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zehn weitere Filialen in Deutschland hat er für 2010 geplant, ebensoviele wie Alnatura in diesem Jahr eröffnet hat. Von Krise ist bei dem im südhessischen Bickenbach sitzenden Unternehmen offenbar nichts zu spüren. Der Umsatz sei im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr um 18 Prozent auf 361 Millionen Euro gestiegen, berichtete Rehn gestern in Frankfurt. Allerdings muss dabei auch die höhere Zahl von Filialen berücksichtigt werden – diese rausgerechnet sei das Wachstum aber immer noch einstellig.

          Dämpfer wird vor allem der konventionelle Lebensmittelhandel spüren

          Damit entwickelt sich Alnatura den am Mittwoch vorgelegten Zahlen zufolge besser als der deutsche Biomarkt insgesamt, für den die wirtschaftliche Lage durchaus eine Rolle spielt. Rehn rechnet für dieses Jahr für den Gesamtmarkt nur noch mit einem Wachstum von zwei Prozent, nachdem er die vergangenen Jahre durchgehend zweistellige Wachstumsraten aufweisen konnten.

          Diesen Dämpfer wird aber nach Rehns Einschätzung vor allem der konventionelle Lebensmittelhandel spüren. Nachdem zuletzt die großen Handelsketten alle auf den Biomarkt drängten und die Preise sprungartig in die Höhe schossen, erwartet Rehn jetzt eine „Normalisierung“. Viele Kunden, die zuletzt bei ihren Tageseinkäufen auch gern mal einige Bioprodukte in den Wagen legten, würden sich in der Wirtschaftskrise eher wieder von den teilweise deutlich höheren Preisen abschrecken lassen.

          Genug Körner im Speicher

          Diese Gelegenheitskäufer machen das Gros der Bio-Kundschaft aus, für die hohen Umsätze sorgen aber vor allem jene, die ausschließlich Bio kaufen – und dafür zu Märkten wie Alnatura gehen. Rehn zufolge sorgen diese drei bis vier Prozent der Käufer für 80 Prozent der Umsätze. Die Aufgabe sei nun, mehr Kunden dazu zu bewegen, ihren ganzen Einkauf bei Alnatura zu machen, sagte Rehn.

          Dass von dem gestiegenen Umsatz unter dem Strich trotz der hohen Investitionen in neue Filialen ein Gewinn übrig geblieben ist, deutete Rehn nur an: „Wir haben so viele Körner übrig behalten, dass wir auch im nächsten Jahr wieder sähen und ernten können.“ Auch die Frage nach den Erwartungen für das eigene gerade angelaufene Geschäftsjahr wagte Rehn gestern nicht zu beantworten. „Dafür müsste ich ja wissen, was in den Herzen und Seelen meiner Arbeitgeber vorgeht“, sagte er nur und meinte damit seine Kunden.

          Neue Arbeitsplätze

          Bei Rehn und seinem Unternehmen hört sich alles ein bisschen nach heiler Welt an. Selbst das neue Verteilzentrum, das sich das Unternehmen in Lorsch gebaut hat, klingt wie eine einzige gute Tat: Die Fassade aus Odenwälder Lärchenholz aus nachhaltiger Forstwirtschaft, Photovoltaik-Anlage auf dem Dach, Strom aus Wasserkraft, eine Erdwärme-Anlage für das Bürogebäude.

          Für neue Arbeitsplätze hat das Zentrum natürlich auch gesorgt. Rund 80 Männer und Frauen seien in dem Großlager beschäftigt. Alnatura hat inzwischen 1265 Mitarbeiter. 200 davon arbeiten in der Zentrale in Bickenbach, die übrigen in den 53 Filialen. Damit hat sich die Zahl der Angestellten in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt.

          Längere Öffnungszeiten?

          Es ist das 25. Jahr, in dem Alnatura Lebensmittel und Kosmetika aus biologischem Anbau unter das Volk bringt. Doch es gibt nicht nur Grund zum Feiern, hier und da wird inzwischen auch Kritik laut an dem Unternehmen mit der grünen Sonne im Logo. In einer Studie der Initiative für Nachhaltiges Wirtschaften schnitt Alnatura im Oktober schlechter ab als etwa Ikea, H&M und der Discountmarkt Penny. Die Verbraucherzentrale Hamburg rügte die Bickenbacher jüngst, weil die Nährwertangaben auf einigen Produkten angeblich nicht ausreichend seien.

          Um den Kunden künftig noch weiter entgegen zu kommen, denkt man auch bei Alnatura darüber nach, einige Läden länger zu öffnen. Der Handelskonzern Rewe probiert gerade in einigen Frankfurter Geschäften die Öffnung bis Mitternacht aus. Das sei an einzelnen Standorten auch für Alnatura interessant, sagte Rehn. Als Beispiel nannte er ein „Szeneviertel“ in Berlin, in dem ein Alnatura-Markt direkt neben einem Tengelmann liege, der bis Mitternacht geöffnet sei. „Wir müssen mal testen, ob unsere Kunden zu der Zeit schon im Bett sind oder auch noch unterwegs“, sagte Rehn.

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