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Inflation und ihre Folgen : Wieso Bioläden große Sorgen haben

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Weniger Kunden: Mario Blandamura (links) und Kurt Lorenz bekommen mit ihrem Bioladen „Paradieschen“ die Krise zu spüren. Bild: Tom Wesse

Die Inflation dämpft die Kauflust und viele Verbraucher sparen gerade bei Lebensmitteln. Der Umsatz der Biobranche verzeichnet zweistellige Verluste – und viele inhabergeführte Unternehmen kämpfen um ihre Existenz.

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          Die Inflation zieht weiter an, das Geld ist knapp. Viele Verbraucher müssen beim Kauf ihrer Lebensmittel genau auf die Preise achten. Laut einer Umfrage des Handelsverbands Deutschland vom Frühjahr 2022 gaben 30 Prozent der Befragten an, weniger Bioprodukte zu kaufen. Weniger regionale Produkte legen demnach aktuell 21 Prozent der Kunden in ihren Warenkorb. Gerade kleine und inhabergeführte Biomärkte und Unverpacktläden sind schwer von der gedämpften Kauflaune betroffen. Das Geld sitzt nicht locker.

          Das merken Kurt Lorenz und Mario Blandamura besonders. „Wir verzeichnen einen erheblichen Umsatzrückgang gegenüber den ersten Pandemiejahren“, sagt Blandamura. Die Brüder haben schon 1995 ihr Unternehmen gegründet, fünf Jahre bevor die Europäische Union ihr Biosiegel eingeführt hat. 1998 bekam das Unternehmen seinen heutigen Namen: Paradieschen. Nach 19 Jahren des erfolgreichen Wachstums zogen sie 2014 aus Geiselbach bei Aschaffenburg zu ihrem heutigen Standort in Linsengericht und beschäftigen nun mehr als 100 Mitarbeiter.

          Rekordumsatz zu Beginn der Pandemie

          Sie betreiben sowohl einen Bioladen als auch einen Lieferdienst, der Kunden wöchentlich mit Obst und Gemüse aus der Region beliefert. Bis Anfang 2022 war die Geschichte des Paradieschens, analog zur gesamten Branche, eine des stetigen Wachstums. Doch Ukrainekrieg und Inflation machen den Unternehmern schwer zu schaffen.

          Der Lieferservice mache 70 Prozent des Umsatzes aus, sagt Blandamura. Hatten sie in ihrer Hochphase am Beginn der Pandemie circa 7600 Kunden, die wöchentlich beliefert wurden, waren es zuletzt in den Sommerferien nur gut 4300. Doch unabhängig davon ist der Rückgang spürbar. Im Ladengeschäft ist der Umsatz um rund 30 Prozent zurückgegangen. „Viele Kunden kaufen nur noch Produkte des täglichen Bedarfs und sparen ein, was nicht dringend nötig ist“, sagt er. Zahlreiche Stammkunden blieben dem Paradieschen zwar treu, es fehle jedoch Laufkundschaft.

          Die Brüder mussten bereits personelle Konsequenzen ziehen: Im Vergleich zur Hochphase der Pandemie haben sie aktuell 20 Mitarbeiter weniger. Die Situation hat auch Konsequenzen für den örtlichen Bioanbau. „Wir sind der Marktplatz für die regionalen und kleineren Landwirte.“ Viele dieser Lieferanten sind also vom Erfolg des Paradieschens abhängig. Läuft es dort nicht rund, werden auch sie einen großen Teil ihrer Waren nicht los.

          Die Pandemie hatte der Biobranche zu Beginn einen Rekordumsatz verschafft. Stieg der Umsatz mit Biolebensmitteln 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent, legte er im vergangenen Jahr noch mal um 5,8 Prozent zu, auf gut 15,8 Milliarden Euro. Dann kamen Krieg und Inflation: Laut dem Internetportal biohandel.de schrumpfte der Umsatz der Branche im ersten Quartal 2022 um 13,4 Prozent, es ist der erste Rückgang seit der Zeit der Finanzkrise 2009.

          Mancherorts kostet das Bioprodukt sogar weniger

          Vergleicht man die Zahlen der gesamten Biobranche mit denen von Blandamura, fällt auf: Die kleineren Bioläden sind stärker betroffen, wie auch Kathrin Jäckel vom Bundesverband Naturkost Naturwaren bestätigt. „Insbesondere die flächenmäßig kleinen inhabergeführten Bioläden leiden. Hier gab es vereinzelte Schließungen.“ Bei größeren und filialisierten Geschäften sei der Umsatzrückgang weniger spürbar, weil diese aufgrund größerer Strukturen die aktuellen Entwicklungen besser abfedern könnten. So berichtet die Sprecherin von Alnatura, einer der größten Biomarktketten in Deutschland, lediglich von einer „leichten Kaufzurückhaltung“ der Kunden in ihren Filialen.

          Es sei jedoch keine grundsätzliche Abkehr von Bioprodukten zu erkennen. „Viele Kunden kaufen zwar weiterhin Bio, greifen aber verstärkt zu den günstigeren Eigenmarken der Händler“, so Jäckel. Und das, obwohl die Preise konventioneller Lebensmittel stiegen und sich so Bioprodukten immer mehr anglichen – Erstere seien stärker von den globalen Entwicklungen abhängig. Mancherorts koste das Bioprodukt sogar weniger, was etwa ein Blick auf die Preise von Obst und Gemüse, Butter und Nudeln zeige.

          Dies bestätigen auch Blandamura und die Sprecherin von Alnatura. „Die weitestgehende Preisstabilität im Biomarkt kann vor allem durch die vertrauensvollen und partnerschaftlichen Geschäftsbeziehungen zwischen Bioerzeugern, Herstellern und Händlern gewährleistet werden“, heißt es vom Bundesverband. Außerdem seien die Preise für chemische und synthetische Pestizide stark gestiegen, die aber bei Biolebensmitteln nicht zum Einsatz kämen, sagt die Sprecherin von Alnatura. Doch nicht nur der klassische Biohandel ist von der gesunkenen Nachfrage betroffen. Auch die lange Zeit als innovativ geltenden Unverpacktläden leiden unter der aktuellen Situation.

          35 Ladenschließungen deutschlandweit

          Abdelmajid Hamdaoui, der in Wiesbaden und Mainz zwei solcher Geschäfte betreibt, spürt den Rückgang enorm. Als er den ersten Laden in Mainz 2015 eröffnete, gab es nur zwei weitere in ganz Deutschland, sagt er. Lange Zeit lief sein Geschäft so gut, dass er im August 2020 das zweite in Wiesbaden eröffnete. Seit diesem Jahr gehen die Umsätze jedoch stark zurück. „Es ist sehr schwierig aktuell, man weiß nicht, wie der nächste Tag aussieht. Ich hoffe immer, dass Kunden kommen“, sagt Hamdaoui. War sein Unternehmen noch gut durch das erste Jahr der Pandemie gekommen, begann es im Sommer 2021, schwierig zu werden.

          Zu Beginn des Krieges in der Ukraine brach der Umsatz schlagartig ein. „Seit März 2022 werden sie von Monat zu Monat weniger. Von März auf April ging der Umsatz auf einmal um 25 Prozent zurück.“ Viele seiner Kunden seien Studenten aus Mainz. Für sie sei es angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten nicht mehr möglich, bei ihm einzukaufen. „Die denken im Moment eher an die nächste Nebenkostenabrechnung.“ Aktuell sei er bei 36 Prozent weniger Umsatz als vor der Pandemie.

          Der Branchenverband Unverpackt mit rund 320 Mitgliedsunternehmen berichtet auf Anfrage von 35 Ladenschließungen deutschlandweit seit Anfang des Jahres. Das ist rund eine Schließung pro Woche. Hamdaoui weiß von vielen dieser Fälle, oft kenne man sich persönlich. „Wir wollen alle keine Millionäre werden. Wir setzen uns ein für weniger Plastik und gesündere Lebensmittel. Wenn dann so viele zumachen müssen, tut das wirklich weh.“

          Dass die Zeit des Biobooms vorbei ist, glaubt indes keiner der Unternehmer. „Das liegt jetzt nur an der aktuellen Krise. Die Stammkunden bleiben, das Bewusstsein ist da“, sagt Hamdaoui. Er glaubt an ein Ende der Krise und an die Zukunft seines Unternehmens. Die Läden zuzumachen, da halte er es mit dem Prinzip seiner Unverpacktläden, „das kommt nicht in die Tüte“.

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