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Betriebskindergärten : Eine Kita nicht nur für das Image

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Neuzugang unter den Betriebskitas in Frankfurt: die „Grünschäbel” von Merz Pharma Bild:

Immer mehr Unternehmen in Frankfurt investieren in Kinderbetreuung. Die Stadt unterstützt sie dabei finanziell. Und die meisten betriebsnahen Einrichtungen in Frankfurt haben eine sogenannte „Stadtteilöffnung“.

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          Der kleine Juri hat Diabetes. Regelmäßig muss eine Erzieherin den Blutzuckerwert des Einjährigen messen. Im Notfall kann seine Mutter aber schnell in der Krabbelstube vorbei kommen, denn sie arbeitet ein paar Straßenecken entfernt, bei Merz. Das Pharma-Unternehmen hat in der Nähe seiner Niederlassung an der Eckenheimer Landstraße die Krabbelstube „Grünschnäbel“ für den ganz jungen Nachwuchs seiner Belegschaft neu eingerichtet. 22 Kinder im Alter von drei Monaten bis drei Jahren werden dort betreut. Merz will den Beschäftigten damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern, wie eine Sprecherin sagt.

          Das Familienunternehmen steht damit nicht allein: Weitere Betriebe, Banken und Kreditinstitute, mehrere Krankenhäuser, Hochschulen und Behörden wie das Gesundheitsamt oder das Oberlandesgericht leisten sich eigene Einrichtungen. Rund 35 sind es in der Stadt. Sie tragen drollige Namen wie „Energiebündel“ (Mainova AG) und „Ultraschall“ (Bürgerhospital) oder sachlich-trockene wie „Kita KfW“ (KfW-Bankengruppe) und „Europäische Zentralbank III“. Sie haben häufig länger geöffnet, sind nicht an die Schulferien gekoppelt und ermöglichen Eltern, die Kinder flexibler zur Kita zu bringen und abzuholen.

          Noch viel zu tun für die Kleinsten

          Nach Angaben des Magistrats sind 2010 außer der Merz-Kita drei weitere betrieblich geförderte Kindertagesstätten eröffnet worden. Wie die „Grünschnäbel“ nehmen sie oft auch Kinder unter drei Jahren auf. Gerade für die Betreuung dieser Altersgruppe muss noch viel getan werden: Laut Magistrat ist der Betreuungsbedarf erst zu 23 Prozent gedeckt. Von 2013 an will die Stadt aber die Hälfte der Kleinsten in einer Krippe oder bei der Tagespflege betreut sehen; mit diesem ehrgeizigen Vorhaben liegt Frankfurt noch über dem 35-Prozent-Ziel des Bundes. Im Dezember hatte die Industrie- und Handelskammer von den Kommunalpolitikern in Frankfurt mehr Anstrengungen beim Ausbau der Kinderbetreuung verlangt. Das mit dem Krippenausbau betraute Schulamt setzt aber auch auf den Einsatz der Wirtschaft.

          Die Unternehmen verfolgen mit betrieblichen Einrichtungen durchaus eigene Interessen: Folgt man der Rede vom „War for Talents“, müssen sich Arbeitgeber heute etwas einfallen lassen, um qualifizierte Mitarbeiter anzuwerben oder zu halten. So sieht es zumindest Andreas Dietzel, geschäftsführender Partner von Clifford Chance in Frankfurt: Ein familienfreundliches Image steigere die Attraktivität des Arbeitgebers, meint er. Dazu leiste sich die Kanzlei für die Eltern unter den 600 Angestellten ihrer Frankfurter Niederlassung zwei Kitas mit insgesamt 35 Plätze. „Kids Chance“ und „Kids Chance II“ heißen die Einrichtungen. Sie stünden Kindern von Top-Anwälten wie denen von Sekretärinnen offen. Bei der Platzvergabe würden Angestellte bevorzugt, die nach der Geburt des Kindes schnell wieder arbeiten wollten.

          Früher wieder bei der Arbeit

          Gute Erfahrungen bei der Verkürzung der Elternzeit mache auch die Fraport AG: Seit der Eröffnung der „Kinderarche“ in Sindlingen im Jahr 2006, kehrten immer mehr Angestellte nicht nach drei Jahren, sondern schon nach einem Jahr an ihren Arbeitsplatz zurück, sagt Gudrun Müller, die beim Flughafenbetreiber für Soziales zuständig ist. In der Kita werden auch Kinder von Angestellten von Sanofi-Aventis und Infraserv betreut. Zudem hat Fraport drei Plätze in der Wiesbadener Kita „Spaceship for Kids“ reserviert. Insgesamt sind das 15 Plätze. Bei 12.000 Beschäftigten ist es kein Wunder, dass die Warteliste mit 30 bis 50 Bewerbern je Platz lang ist.

          In Frankfurt sind die meisten Betriebskindergärten keine Privatsache, sondern ein Arrangement zwischen Stadt und Privatsektor: Wenn die Betriebe das Gros der Kosten für Neubau und Instandhaltung übernehmen, kommt die Stadt mit 900 Euro für den Löwenanteil der 1300 Euro auf, die ein Platz für Kinder unter drei Jahren kostet. 198 Euro zahlen die Eltern, weitere Zuschüsse kommen vom Land. Das Unternehmen muss sich an den Kosten für die Plätze beteiligen, wenn die Einrichtung exklusiv für Kinder eigener Angestellter reserviert ist; dann fallen die städtischen Subventionen zwanzig Prozent geringer aus. Die meisten betriebsnahen Einrichtungen in Frankfurt haben aber eine sogenannte „Stadtteilöffnung“. Das Partnerschafts-Konzept sei bei den Betrieben beliebt und es gebe viele Anfragen, sagt Petra Zender vom Stadtschulamt. Schwierig sei in Frankfurt aber, geeignete Liegenschaften zu finden.

          Ein „echtes Schnäppchen“

          An anderen Standorten in der Region müssen Betriebe ohne öffentliche Zuschüsse auskommen. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit ist so ein Fall. In ihrer Eschborner Zentrale gibt es seit 15 Jahren eine Betriebskita mit 31 Plätzen. Die Wartelisten seien so lang, dass die Platzanzahl nach dem Neubau verdoppelt werde. Die Kosten will die GIZ nicht veröffentlichen, und sie ist damit kein Einzelfall: Nur die wenigsten Unternehmen möchten mitteilen, was ihnen ein familienfreundliches Image wert ist. Fraport gebe für die Krippenplätze in Sindlingen und Wiesbaden jährlich 70.000 Euro aus. Die betriebswirtschaftlichen Effekte wolle Fraport bald berechnen, sagt Müller. Sie geht aber davon aus, dass sich die Investition lohne, weil die Beschäftigten schneller aus der Elternzeit wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehrten und seltener fehlten: „Mittlerweile haben auch die Betriebswirte unter uns kapiert, dass zwischen Urlaubsmeldungen und einer schlechten Kinderbetreuung ein Zusammenhang besteht.“

          Vielleicht wollen sich viele Unternehmen auch über die Kostenseite ausschweigen, weil sie dank öffentlicher Zuschüsse gar nicht so viel investieren müssen. Bärbel Völker leitet die Terminal for Kids gGmbH, dem Kita-Träger von Fraport. Sie sagt, das Arrangement mit der Stadt sei für den Flughafenbetreiber ein „echtes Schnäppchen“.

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