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Betonwerk Sehring : Worauf Frankfurt steht

Für den Tower 185 lieferte Sehring ebenso Beton... Bild: Wonge Bergmann

Auf dem Beton der Sehring AG steht der Messeturm, eigentlich halb Frankfurt. Jetzt will die SPD, dass das Traditionsunternehmen aus dem Gutleuthafen verschwindet.

          So schnell lässt sich Rudolf Sehring nicht aus der Ruhe bringen. 63 Jahre ist er alt, er führt das Familienunternehmen, das seinen Namen trägt, in der dritten Generation. Außerdem weiß Rudolf Sehring, wie das geht: einen kompletten Betrieb zu verlagern. Im Jahr 2000 erst zog das Betonwerk vom Frankfurter Westhafen, der in der Folge zum Wohngebiet der Begüterten wurde, einige hundert Meter flussabwärts zum Gutleuthafen. Aber zu dem Vorschlag der SPD in ihrem Kommunalwahlprogramm, auch diesen Standort für Wohnbebauung herzugeben, möchte er dann doch etwas sagen. Frankfurt brauche einfach zwei Häfen, meint Sehring – einen im Westen der Stadt, einen im Osten. „Wenn man es neu planen wollte, käme man schnell auf genau diese Idee.“

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Sehring nennt seine eigene Branche als Beispiel. Wenn in der Innenstadt Hochhäuser emporwüchsen, könnten die Lastwagen mit dem Fertigbeton die Baustellen von beiden Seiten aus ansteuern. Aus dem Gutleuthafen im Westen kämen seine eigenen Fahrzeuge, aus dem Osthafen die der Konkurrenz. So ließen sich Wege einsparen. Zuletzt wurde der Tower 185 neben dem Messegelände mit Beton aus Sehrings Anlagen im Gutleuthafen hochgezogen – in wenigen Minuten waren die Lastwagen am Ziel.

          Den Langener Waldsee geschaffen

          Dass Frankfurt einen Westhafen hatte, war stadtbekannt – jeder, der vom Hauptbahnhof über den Main nach Sachsenhausen fuhr, sah ihn. Auch über den Osthafen weiß man Bescheid, zuletzt wurden dort sogar zweimal gutbesuchte Hafenfeste gefeiert. Der Gutleuthafen aber liegt versteckt an der Gutleutstraße, er hat kein eigenes Hafenbecken, nur eine lange Hafenmauer am Fluss. Fünf Betriebe finden sich dort auf 105.000 Quadratmetern, Sehring ist der größte. Sand und Kies werden dort angeliefert, mit dem Schiff oder dem Lastwagen. Letztere fahren Sand und Kies aus Langen heran, der dortige Waldsee ist Ergebnis jahrzehntelangen Abbaus von Sehring. Mit den Schiffen kommen Kies und Splitt wiederum aus einer weiteren Grube des Unternehmens am Oberrhein, in Lichtenau. Im Betonwerk wird aus Sand, Kies, Zement und einigen weiteren Zutaten Beton – der Stoff, ohne den es im modernen Hausbau nicht mehr geht.

          ...wie den Messeturm

          Nur ein einziger Gebäudekomplex von Rang in Frankfurt fällt Rudolf Sehring ein, an dem sein Unternehmen nicht beteiligt war – das waren die Doppeltürme der Deutschen Bank. Sonst steht Frankfurt zu einem guten Teil auf Sehring-Beton. Stolz schwingt mit, wenn der Senior von den Bauarbeiten für den Messeturm berichtet, und stolz berichtet sein Sohn Stefan Sehring, der ebenfalls der Geschäftsführung angehört, dass das Unternehmen auch zu den wichtigen Lieferanten beim Flughafenausbau zählt.

          40 Betonmischer für den Flughafenausbau

          Die Brücken zum Beispiel, auf denen von Herbst an die Flugzeuge von der neuen Landebahn über die Autobahn 3 zu den Terminals rollen sollen, sind ebenfalls aus Beton des Traditionsunternehmens. An einem Wochenende im September vergangenen Jahres, als eine der Brücken entstand, fuhren 40 Betonmischer ständig zwischen dem Werk im Hafen und der Baustelle hin und her, 1400 Mal insgesamt. Eher beiläufig weist Stefan Sehring darauf hin, dass das Unternehmen jedenfalls in Frankfurt Marktführer bei Transportbeton sei. Weit können die Spezialfahrzeuge den Beton nicht fahren, nach 90 Minuten ist er trotz des Drehens zu hart, um noch verarbeitet werden zu können, erläutert der Unternehmer.

          Ginge es nach den Frankfurter Sozialdemokraten, müsste sich Sehring schon bald wieder auf die Suche nach einem neuen Standort machen. Die Partei will, dass Wohnungen entstehen. Zur Zukunft der fünf Unternehmen im Gutleuthafen heißt es im Wahlprogramm knapp: „Die derzeitige Gewerbenutzung im Hafen kann an anderer Stelle, z.B. im Osthafen, Platz finden.“

          Es ist ein Plan, der auch in der schwarz-grünen Koalition im Römer Freunde hat. Im Planungsdezernat wurde ein Konzept für ein Wohngebiet entwickelt, das nur wenig bescheidener ist als das Vorhaben der SPD: Danach würden zwei der fünf Betriebe weichen, die, von Sehring aus gesehen, Richtung Innenstadt angesiedelt sind. Sehring könnte zwar an Ort und Stelle bleiben, läge jedoch nicht mehr mitten in einer Gewerbefläche, sondern neben einem neuen Wohnviertel.

          Druck der Immobilienbranche

          Der Seniorchef bleibt angesichts des wachsenden Drucks der Immobilienbranche gelassen. Der Mittelständler versteht etwas vom politischen Geschäft, er stand jahrelang und bis vor kurzem der Gemeinschaft Frankfurter Hafenanlieger vor, sein Pachtvertrag läuft noch ein Vierteljahrhundert. Aber er führt doch nur ein überschaubar großes Familienunternehmen mit gerade 35 Mitarbeitern, zu dem außer dem Betonwerk in Frankfurt noch zwei weitere in Langen und Offenbach zählen, außerdem neben dem Kieswerk am Oberrhein noch eines in Tschechien.

          Der Unternehmensprospekt zeigt Bauarbeiten am Frankfurter Flughafen 1968, an der Alten Oper 1975, am Commerzbankturm 1995. „Seit 1925 sind wir im Großraum Rhein-Main auf Baustellen aller Schwierigkeitsgrade im Einsatz“, heißt es in der Eigenwerbung.

          In den Osthafen will Sehring nicht umziehen. Schließlich sei der Westen der Stadt die bessere Seite für sein Geschäft, meint er.

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