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Diskussion über die Volksaktie : Bahn, Vorzüge, Scheinsicherheit

Hermann Scheer, Schattenminister der Hessen-SPD, will die Bahn-Privatisierung an stimmrechtslose Aktien binden Bild: Marcus Kaufhold

Seit dem Parteitag der SPD in Hamburg wird sie mehr denn je von Sozialdemokraten beworben: die Volksaktie. Doch bei der Volksaktie schützt auch eine Garantie-Dividende nicht vor Verlusten.

          Seit Wochen geistert sie wieder durchs Land, seit dem Parteitag der SPD in Hamburg wird sie mehr denn je von Sozialdemokraten beworben: die Volksaktie. Dahinter steht die Idee, Privatanleger auf besondere Weise an einer teilprivatisierten Deutschen Bahn AG zu beteiligen: Sparer sollen sogenannte Vorzugsaktien erhalten. Solche Anteilsscheine sind grundsätzlich nicht mit dem Stimmrecht bei der Hauptversammlung verbunden. Im Gegenzug zahlt ein Unternehmen eine höhere Dividende als bei Stammaktien. Im Falle der Bahn AG soll die Dividende bei der Volksaktie sogar garantiert werden. So sehen es zumindest die hessische SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti und ihr Schattenminister für Wirtschaft und Umwelt, Hermann Scheer, vor – die Eltern der Volksaktie (siehe auch: Bahn-Privatisierung: Hermann Scheer und Alois Rhiel im Interview).

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zwar weht beiden bei dieser Angelegenheit Gegenwind aus verschiedenen Richtungen entgegen, schon weil der schillernde Begriff der Volksaktie aufgrund der hohen Kursverluste, die auch und gerade viele Kleinanleger mit der sogenannten Volksaktie der Deutschen Telekom eingefahren haben, stark gelitten hat. Angesichts dessen versucht Scheer, Privatanlegern die Vorzugsaktie unter Verweis auf deren angebliche Vorzüge schmackhaft zu machen. So sieht er es als vertrauensbildend an, wenn der Staat die Mehrheit an der Bahn behält und das alleinige Kontrollrecht ausübt – als ob es ein Vorteil wäre, wenn Politiker private Kapitalgeber bevormunden. Dabei verweist er auf Porsche, wo das Vorzügemodell erfolgreich gefahren worden sei.

          Welche Staatsanleihen hat Scheer im Blick?

          Scheer suggeriert damit, der Staat halte auch die Mehrheit am Sportwagenbauer. Nur ist das nicht der Fall: Die Porsche-Vorzugsaktien liegen zu mehr als der Hälfte bei institutionellen Anlegern wie Fonds, Banken und Versicherungen. Nur die Minderheit der Scheine halten Privatanleger.

          Nun hat Scheer mit seinem Hinweis recht, dass die wenigsten Kleinanleger ihr Mitbestimmungsrecht bei der Hauptversammlung ausüben, sondern vielmehr auf Bares aus seien. Ärgerlich ist es allerdings, wenn der Experte für erneuerbare Energien die Volksaktie mit einer langfristig gesicherten Geldanlage in Verbindung bringt und in die Nähe von Rentenpapieren rückt. Es mag ja sein, dass die Bahn-Vorzugsaktien, so sie denn jemals kommen sollten, so viel Rendite bringen wie Staatsanleihen. Nur wäre es schön zu wissen, welche Staatsanleihen Scheer im Blick hat. Kurzläufer, die nach zwei oder drei Jahren fällig werden? Oder Papiere mit einer Laufzeit von zehn, 15 oder 30 Jahren? Schließlich hängt die Rendite auch davon ab.

          Zwei Paar Schuhe

          Dessen ungeachtet sind Aktien und Anleihen zwei Paar Schuhe. Deutsche Staatsanleihen haben praktisch eine Rückzahlungsgarantie. Ihr Ausfallrisiko tendiert gegen null, da der Staat schon pleitegehen müsste, um die versprochenen Zinsen nicht zu überweisen und bei Fälligkeit den Anlegern ihr Kapital vorzuenthalten. Eine Aktie ist dagegen weder mit einer Endfälligkeit noch mit einer Rückzahlungsgarantie verbunden. Selbst wenn sie eine attraktive Dividendenrendite aufweist, unterliegt sie Kursschwankungen.

          Diese sind auch bei sogenannten Dividendentiteln wie den etwa im Div-Dax gelisteten Werten viel höher als bei Staatsanleihen. Obwohl Aktien langfristig im Durchschnitt um die acht Prozent Rendite im Jahr bringen, können sie enorme Verluste bescheren – so wie bei der Telekom. Deren Dividendenrendite liegt bei gut fünf Prozent, reicht aber nicht aus, um für die Kursrückgänge zu entschädigen. Und anders als bei Anleihen können Anleger solch ein Minus nicht bis zur Fälligkeit aussitzen – sie müssen gegebenenfalls bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag auf Besserung warten. Sicherheit ist etwas anderes.

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