https://www.faz.net/-gzg-uqw7

Landwirtschaft : Höhere Milchpreise in Aussicht

Wo aus Milch Joghurt wird: Schwälbchen in Bad Schwalbach Bild: F.A.Z. - Fricke

Die Verbraucher müssen sich auf höhere Milchpreise einstellen. Die Nachfrage aus dem Ausland steigt, viele Bauern haben in den vergangenen Jahren aufgegeben.

          2 Min.

          Unter den hessischen Milchbauern verbreitet sich Zuversicht. Erstmals seit Jahren können die Landwirte mit höheren Preisen für ihre Ware rechnen. Bauernpräsident Friedhelm Schneider sieht sogar die Möglichkeit, in absehbarer Zeit wieder Gewinne mit der Produktion von Milch zu erwirtschaften. Denn die Molkereien können beim Handel höhere Preise durchsetzen, weil die Nachfrage aus dem Ausland steigt und der Markt leergefegt ist, wie er sagt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nur: Für abschließende Erfolgsmeldungen für die Bauern ist es noch zu früh. Dies meint jedenfalls Günter Berz-List, Großaktionär und Vorstand der Schwälbchen Molkerei AG mit Sitz in Bad Schwalbach. Denn derzeit laufen noch Verhandlungen mit Einkäufern des Lebensmittelhandels über neue Jahresverträge, in denen das künftige Preisniveau festgeschrieben wird. Erst in zwei oder drei Wochen wird es Klarheit geben, wie er berichtet.

          Bauern fordern 40 Cent pro Liter Milch

          Die Bauern fordern 40 Cent für den Liter Milch. Dass dies in diesem Jahr erreicht werden könnte, hält der Schwälbchen-Chef nicht für möglich. Schließlich liegt der Durchschnittspreis derzeit bei 27 bis 28 Cent. Ein Sprung auf die von den Landwirten gewünschte Höhe bedeutete also ein Plus von mehr als 40 Prozent. Dessen ungeachtet hält Berz-List das Begehren der Bauern für legitim. „Milcherzeugung ist arbeitsintensiv und dazu finanziell anstrengend“, hebt der Diplom-Kaufmann hervor.

          Bild: dpa

          Die Talfahrt der Preise in den vergangenen Jahren habe viele Landwirte aufgeben lassen, was nicht immer bemerkt geworden sei. Berz-List: „Das Sterben der Milcherzeuger ist ein leises.“ Vor diesem Hintergrund bräuchten die Milchbauern höhere Erlöse. Der Schwälbchen-Vorstand rechnet damit, künftig sieben bis zehn Prozent mehr vom Handel für Milch verlangen zu können. Der Löwenanteil, den er nicht näher beziffert, wird auf die Erzeuger entfallen, wie er beteuert.

          Die Molkereien, die jeweils alleine mit Handelsketten verhandeln, können mehr Umsatz, der auf den Gewinn durchschlägt, ebenfalls gut gebrauchen. Denn mit der Verarbeitung und Veredlung von Milch lassen sich derzeit kaum Reichtümer verdienen. Dies lässt sich am Jahresergebnis von Schwälbchen ablesen. Bei einem Umsatz von 176 Millionen Euro einschließlich des Schwälbchen-Frischedienstes, der Großkunden wie Hotels und Kantinen beliefert, hat die 350 Mitarbeiter zählende Unternehmensgruppe 2006 gut 1,3 Millionen Euro verdient – wobei 530.000 Euro auf den Milchprodukte-Hersteller Schwälbchen AG entfielen, dessen 55 Artikel umfassende „grüne Linie“ bei Handelsketten wie Edeka, Rewe, Tengelmann, Real und Tegut zu finden ist.

          Abwärtstrend bei den hessischen Molkereien

          Als Vertriebsgebiet nennt der Vorstand die Region zwischen Kassel und Karlsruhe, Bonn und Heilbronn mit der Rhein-Main-Region und dem Rhein-Neckar-Raum, die sich jeweils durch eine hohe Kaufkraft auszeichnen, als Kernabsatzgebieten. Dies passt zum Selbstverständnis von Schwälbchen, ein regional verwurzelter Anbieter von Milch- und Milcherzeugnissen wie Quark, Joghurt, Spundekäs’ und kaffeehaltigen Mischgetränken im gehobenen Preissegment zu sein – wobei Letzteres auch auf die Mitbewerber Weihenstephan und Berchtesgadener zutrifft.

          Kernsortiment und Kernabsatzmarkt sind dabei seit der Gründung des Unternehmens 1938 weitgehend identisch, wie der Vorstand erläutert. Mittlerweile verfügt der Konzern jedoch auch über Standorte in Marburg und Wernigerode im Harz. Seine Zulieferer, 750 an der Zahl, sitzen vor allem in Nordhessen, dem Odenwald und am Vogelsberg, wo Milchviehwirtschaft verbreitet ist und nach Prognosen bleiben wird, anders als in heimatlichen Gefilden, wo neben so mancher Landstraße keine Kuh mehr weidet.

          Dem Niedergang der Zahl der Milcherzeuger entspricht ein Abwärtstrend bei den hessischen Molkereien. Nach einer Reihe von Übernahmen durch Konzerne und Konkursen wie bei Immergut in Schlüchtern 2004 ist nicht einmal eine Handvoll milchverarbeitender Betriebe übriggeblieben. Schwälbchen ist der größte von ihnen. Rund 180 Millionen Kilogramm der rund eine Milliarde Kilogramm Milch, die jährlich in Hessen produziert werden, durchlaufen das Unternehmen, wie Berz-List sagt. Dabei ist Größe relativ: Branchenriesen unter den rund 170 Molkereien in Deutschland wie Nordmilch oder Humana verarbeiten zwanzigmal mehr Milch als das Unternehmen aus dem Taunus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Diego Maradona : Die Schönheit des Spiels

          Keiner verkörperte den Fußball wie Diego Maradona – und das nicht trotz, sondern vielleicht gerade wegen seiner vielen Schwächen. Eine Würdigung dieser Jahrhundertfigur des Sports.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.