https://www.faz.net/-gzg-9kyqb

Deutsche Bank und Commerzbank : Fusion könnte Tausende Arbeitsplätze kosten

Die nächste Fusion? Die Zentralen der Deutschen Bank und der Commerzbank in Frankfurt Bild: Frank Rumpenhorst

Die Deutsche Bank und die Commerzbank bestätigen Gespräche zu einer möglichen Fusion. Das könnte Tausende Arbeitsplätze kosten. Wissenschaftler meinen jedoch, das stehe den Banken auch ohne Fusion bevor.

          3 Min.

          Die von der Deutschen Bank und der Commerzbank angekündigten Verhandlungen über eine Fusion beider Häuser haben nach Ansicht von Fachleuten nur dann Sinn, wenn diese mit einer beachtlichen Kürzung der Ausgaben beider Kreditinstitute einherginge. Das wiederum würde sich nur mit Stellenstreichungen in erheblichem Umfang erreichen lassen, die vor allem den Finanzplatz Frankfurt empfindlich treffen dürften. Michael Grote, Professor an der Frankfurt School of Finance and Management, hält es für wahrscheinlich, dass bei einem Zusammengehen 20.000 bis 30.000 Arbeitsplätze wegfallen. Derzeit zählt die Deutsche Bank gut 90.000, die Commerzbank gut 40.000 Vollzeitstellen. Es könnte also ungefähr jede vierte Stelle gestrichen werden.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Die beiden Kreditinstitute ließen gerade in kurzen Pressemitteilungen wissen, dass Verhandlungen über ein Zusammengehen geführt würden. „Commerzbank und Deutsche Bank haben sich nun darauf verständigt, ergebnisoffene Gespräche über einen eventuellen Zusammenschluss aufzunehmen“, so lautete der einzige offizielle Satz aus der Commerzbank. In der Mitteilung der Deutschen Bank wird hervorgehoben, es gehe um die Prüfung strategischer Optionen. „Es gibt keine Gewähr, dass es zu einer Transaktion kommt.“

          Der Zeitpunkt der Veröffentlichung war offensichtlich zwischen den beiden Geldhäusern abgestimmt, die auch sonst schon oft den Sonntag zur Verkündung wichtiger Neuigkeiten gewählt hatten, etwa einen Wechsel an der Vorstandsspitze; an Sonntagen wird an den Börsen nicht gehandelt, dank des Vorlaufs ist so gewährleistet, dass bei Handelsbeginn am Montag alle Marktteilnehmer auf dem gleichen Stand sind. Wie sich die Aktienkurse beider Häuser entwickeln, dürfte heute große Beachtung finden; in der vergangenen Woche, als schon fast täglich von einem bevorstehenden Zusammenschluss zu hören war, hatte die Aktie der Deutschen Bank vier Prozent verloren, die der Commerzbank hingegen gut ein Prozent zugelegt.

          Auch ohne Fusion Arbeitsplatzabbau

          Welche Folgen ein Stellenabbau infolge einer Fusion für Frankfurt hätte, ist schwer zu übersehen. Die Deutsche Bank gibt die Zahl ihrer Beschäftigten in der Region mit 11.000 an, die Commerzbank mit 11.500. Erfahrungsgemäß verlieren bei einem Zusammengehen zweier Kreditinstitute die Zentralen überproportional Arbeitsplätze. Schließlich soll durch das Zusammengehen ja gerade Doppelarbeit in den Verwaltungen abgebaut werden. Zusätzlich dürfte es Einschnitte ins Filialnetz geben, das im Rhein-Main-Gebiet mit seiner vermögenden Kundschaft bei beiden Häusern nach wie vor vergleichsweise eng geknüpft ist (siehe Kasten). Grote weist darauf hin, dass die beiden Banken ja durchaus „eine Menge Geld“ verdienten.

          Ihre Schwierigkeiten lägen in erster Linie darin, dass ihre Kosten zu hoch seien. Auch ohne Fusion sei daher ein weiterer Arbeitsplatzabbau zu erwarten. Andere Kreditinstitute wie etwa die niederländische ING machten vor, wie effizient sich das Bankgeschäft heutzutage organisieren lasse. Die Hoffnung, eine neu formierte Großbank in Frankfurt könne mit den auch dann noch weitaus größeren, international tätigen Häusern mithalten, solle niemand haben, fügte der Wissenschaftler hinzu. „Das ist eine defensive Transaktion.“ Für den heimischen Markt lasse sich allerdings sagen, dass ein fusioniertes Institut ein tragfähiges Geschäftsmodell haben werde.

          „Ein größeres Haus findet schon genug Kunden.“ Für den Finanzplatz sei ein Zusammengehen der beiden Frankfurter Kreditinstitute immer noch besser, als wenn die Commerzbank von einem ausländischen Unternehmen übernommen werde. Schließlich habe die Finanzkrise vor einem Jahrzehnt gezeigt, dass in schweren Zeiten das Auslandsgeschäft zuerst zurückgefahren werde. Und Auslandsgeschäft – das wäre nach einer Übernahme aus der Ferne dann ebendas Geschäft in Frankfurt. Ohnedies hatte aber erst in der vergangenen Woche die französische Großbank Crédit Agricole mitgeteilt, sie habe an der Übernahme einer deutschen Filialbank kein Interesse (F.A.Z. vom Freitag).

          Gewerkschaften sind skeptisch

          Auch Jan Pieter Krahnen, Professor an der Goethe-Universität, spricht davon, wie sich Kosten einsparen ließen. Er hält es allerdings für möglich, dass die beiden Häuser nur Teile zusammenlegen. „Es ist nachdenkenswert, die Backoffice- und Datenbereiche zusammenzulegen – und ansonsten weiter getrennt aufzutreten“, sagte Krahnen der Deutschen Presse-Agentur. „Dadurch hätte man Kostensynergien und würde verhindern, dass ein nationaler Champion geschaffen wird, der im Krisenfall unbedingt vom Steuerzahler gerettet werden müsste.“

          Die Gewerkschaften sehen die Gespräche über ein Zusammengehen der beiden Häuser mit Sorge. „Wir stehen einem solchen Szenario eher ablehnend gegenüber, denn eine solche Fusion würde erheblich Arbeitsplätze kosten“, sagte Verdi-Bundesfachgruppenleiter Jan Duscheck. Auch er meint wie Grote, eine Fusion könne bis zu 30.000 Stellen kosten.

          Die Landesbank Hessen-Thüringen gibt die Zahl der Arbeitsplätze am Finanzplatz derzeit mit 63.000 an. Schon der ohnedies laufende Konsolidierungsprozess werde zu weiteren Stellenstreichungen führen, so dass auch die Schaffung von 8000 neuen Arbeitsplätzen als Folge des Brexits lediglich zu einem Zuwachs auf 65.000 Stellen führen werde, sagt die Chefvolkswirtin der Bank, Gertrud Traud. In dieser Berechnung ist ein Abbau infolge einer Großfusion allerdings noch nicht berücksichtigt.

          Mehr als ein Dutzend Filialstandorte bei Bankenfusion bedroht

          Falls die Deutsche Bank und die Commerzbank fusionieren sollten, dürfte der neue Finanzriese bald das Filialnetz ausdünnen, um Kosten zu sparen. Dies zumindest war passiert, als vor zehn Jahren die Commerzbank die Dresdner Bank geschluckt hatte. Damals wurden rund 40 Standorte in der Region geschlossen. Vor allem Filialen in direkter Nachbarschaft wären durch eine Fusion von einer Schließung bedroht. An deutlich mehr als ein Dutzend Orten in der Rhein-Main-Region sind Deutsche Bank und Commerzbank nur wenige Schritte voneinander entfernt. Die meisten dieser Doppelstandorte sind in Frankfurt zu finden, unter anderem am Roßmarkt, der Konstablerwache, an der Schweizer Straße und auch im Bahnhofsviertel. In anderen Städten in der Region sind die Filialnachbarn hauptsächlich im Stadtzentrum zu finden. In Rüsselsheim sind beide Institute direkt am Marktplatz vertreten, in Hanau ballen sie sich zwischen Freiheitsplatz und Markt sowie an der Nürnberger Straße. In Offenbach sind beide Finanzinstitute an der Kaiserstraße nur sechs Hausnummern voneinander entfernt. Dazu kommt, dass die Postbank, die 2015 von der Deutschen Bank übernommen wurde, eine Filiale am nahen Aliceplatz hat. Was aus der Postbank würde nach einer Bankenfusion, ist noch ungewisser als die Frage, ob es zu einer Fusion überhaupt kommt. Wird sie aber in die Rechnung einbezogen, ist die Filialdichte einer neuen Superbank noch größer. In Darmstadt sind rund um den Luisenplatz und an der Rheinstraße eine Commerzbank, eine Postbank und zwei Vertretungen der Deutschen Bank zu finden. In Bad Soden liegen zwischen der Postbank und der Commerzbank an der Königsteiner Straße nur 300 Meter. Ähnlich wenige Schritte sind es in Mainz von der Filiale der Deutschen Bank an der Ludwigsstraße zum gelben Konkurrenten am Dom. In Neu-Isenburg sind Deutsche Bank, Commerzbank und Postbank alle an der Frankfurter Straße zu finden, in Bad Homburg an der Louisenstraße, der Haupteinkaufsstraße. Von einer Schließung wären dabei nicht nur viele Mitarbeiter und Filialkunden betroffen, sondern auch eine große Zahl an Nutzern von Online-Banking dieser und anderer Banken. Denn sollten viele Filialen geschlossen werden, so würde womöglich auch die Zahl der Geldautomaten der Cash Group zurückgehen, in der sich fünf Banken zusammengeschlossen haben, damit ihre Kunden wechselseitig gebührenfrei Geld abheben können. Diese müssten dann zum Beispiel auf Supermärkte ausweichen, die Bargeld auszahlen, oder zu Direktbanken wechseln, mit deren Kreditkarten sich fast alle Automaten nahezu gebührenfrei nutzen lassen. (Von Falk Heunemann)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In Karlsruhe wird ein Verdächtiger am Samstag abgeführt.

          Zerschlagene Terrorzelle : Sie planten Bürgerkriegsszenarien

          Eine überregionale rechtsextreme Terrorzelle stand offenbar kurz davor, einen schweren Anschlag zu verüben. Die Mitglieder fanden sich wohl im Netz und radikalisierten sich. Nun kam heraus, welche Pläne sie hatten und wie sie gestoppt wurden.
          In einem Landtag: Björn Höcke, AfD-Fraktionschef, und weitere Mitglieder der AfD-Fraktion verfolgen in Erfurt die Regierungserklärung von Ministerpräsident Ramelow (Linke)

          AfD und Linke : Streitbare Demokratie

          Ob eine Partei vom Verfassungsschutz beobachtet wird, hängt auch vom Verhalten ihres Führungspersonals ab. Und hier marschiert die AfD bewusst in Richtung Verfassungsfeindlichkeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.