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Banken und Sparkassen : Corona-Krise beschleunigt Filialsterben

„Die vorübergehenden Schließungen sind keine Blaupause für reguläre Filialschließungen“: Frankfurter Sparkasse Bild: Helmut Fricke

Die Banken und Sparkassen dünnen ihr Netz an Zweigstellen auch mitten in Deutschland seit Jahren aus. Die Corona-Pandemie wird diesen Prozess verstärken.

          3 Min.

          Die Kurve zeigt nach unten, und daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Zahlen belegen seit Jahren, dass das Netz der Bankfilialen in Deutschland ausgedünnt wird. Gab es im Jahr 2005 deutschlandweit laut Bundesbank noch 44 .100 Zweigstellen, waren es Ende vergangenen Jahres nur noch 26 667. Damit haben die Geldhäuser in den vergangenen 15 Jahren vier von zehn ihrer Dependancen geschlossen. Dass sich dieser Trend fortsetzt, wird kaum bezweifelt angesichts der Digitalisierung des Bankings und angesichts des Margendrucks, der auf den Kreditinstituten lastet.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Corona-Pandemie könnte das große Filialsterben noch erheblich beschleunigen. In den vergangenen Wochen nämlich haben fast alle Banken aus der Region zahlreiche Außenstellen geschlossen und dabei in der Regel darauf verwiesen, damit die Gesundheit der Kunden und Mitarbeiter schützen und die Ausbreitung von Covid-19 verlangsamen zu wollen. Doch was als vorübergehende Maßnahme deklariert wurde, könnte zum Dauerzustand werden. Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass viele Häuser die Schließung einzelner Geschäftsstellen auch als Testlauf nutzen für die Frage, ob diese überhaupt noch benötigt werden.

          Einige Filialen bleiben nicht nur zeitweise zu

          Oliver Mihm ist davon überzeugt, dass es so kommen wird. Mihm ist Vorstandschef der Frankfurter Beratungsgesellschaft Investors Marketing und telefoniert nach eigenen Angaben täglich mit Vorstandsvorsitzenden von Sparkassen und Genossenschaftsbanken in Deutschland. Ende vergangener Woche habe ihm der Vorstandschef einer großen Sparkasse mit etwa 80 Filialen gesagt, dass er jene zehn Zweigstellen, die er ursprünglich wegen Corona geschlossen habe, wohl auch nicht mehr öffnen werde, berichtet Mihm.

          Die Sache ist heikel, schließlich will keine Bank ihren Kunden das Gefühl geben, unter dem Deckmantel des Gesundheitsschutzes das Filialnetz zu verkleinern. Doch Mihms Beratungsgesellschaft hat auf Grundlage von Gesprächen mit Bankchefs die Prognose, wonach die Zahl der Bankstellen in Deutschland bis zum Jahr 2025 auf rund 19 500 sinken werde, nochmals um 3500 nach unten korrigiert. „Wir gehen davon aus, dass nach Ende der Corona-Krise bis spätestens Ende 2021 sehr viele der Filialen dichtgemacht werden, die heute vorübergehend geschlossen sind“, sagt Mihm. Das gilt auch für das Rhein-Main-Gebiet – wenn auch durch vermehrte Kooperationen zwischen Sparkassen und Volksbanken weniger als im Bundesdurchschnitt.

          Der zentrale Grund für die Entwicklung liegt auf der Hand: Derzeit zeigt sich, dass es auch ohne die zur Disposition stehenden Stellen geht. Viele Filialen werden demnach nicht mehr gebraucht, um das stark rückläufige Bedürfnis vieler Kunden nach persönlicher Beratung zu befriedigen. So zeigt eine Umfrage dieser Zeitung unter regionalen Banken, dass seit Beginn der Corona-Krise in allen Häusern die Zahl digitaler Kontozugriffe, telefonischer Beratungen und die Nutzung von Online-Angeboten deutlich zugenommen haben.

          Mehr Mails und Chats

          So heißt es von der Frankfurter Volksbank, der Austausch zwischen Kunden und Beratern finde zunehmend digital, telefonisch oder per Videokonferenz statt. Auch die Frankfurter Sparkasse verzeichnet einer Sprecherin zufolge ein deutlich höheres Aufkommen an Anrufen, Mails und Chats im Beratungscenter. Aus der Commerzbank ist zu hören, das mobile Banking von zu Hause werde deutlich stärker genutzt als früher, und ein Sprecher der Deutschen Bank lässt wissen, dass sich in der Corona-Krise mehr Kunden als sonst für das digitale Banking via App hätten freischalten lassen.

          Im europäischen Vergleich ist das Filialnetz in Deutschland traditionell dicht geknüpft – zu dicht, wie Experten mahnen. Analysen beweisen, dass nicht nur immer weniger Kunden in die Filialen gehen, sondern dass die meisten Kunden auch bereit sind, für ein persönliches Beratungsgespräch ein paar Kilometer weit zu fahren. Nur noch eine stetig schrumpfende Minderheit erwartet, dass die Hausbank mit eigenen Mitarbeitern an Ort und Stelle vertreten sein muss. „Die Menschen wollen einen persönlichen Ansprechpartner, aber es ist egal, ob der zwei, fünf oder zehn Kilometer entfernt sitzt“, sagt Mihm.

          Viel deutet darauf hin, dass sich das Filialsterben fortsetzen wird. Derzeit etwa hat die Frankfurter Volksbank 23 ihrer mehr als 90 Geschäftsstellen geschlossen, die Commerzbank betreibt nur sechs ihrer 20 Filialen in Frankfurt weiter, die Frankfurter Sparkasse hatte bis Montag 26 der 73 Filialen geschlossen, inzwischen aber einige wiedereröffnet.

          Zwar räumt keine der regionalen Banken ein, die derzeit geschlossenen Stellen nicht wieder öffnen zu wollen. „Die vorübergehenden Schließungen sind keine Blaupause für reguläre Filialschließungen“, sagt etwa die Sprecherin der Frankfurter Sparkasse. Doch betonen die meisten Häuser auch, wie gut die Beratung in der Corona-Krise funktioniere, und verweisen darauf, das Filialnetz ständig zu überprüfen.

          Das lässt Spielraum zur Interpretation. Mihm ist überzeugt, dass das Filialsterben noch nicht zu Ende ist. Falls es gelänge, im Gegenzug digitale Services auszubauen, sieht er diese Entwicklung positiv. „Dann könnten sowohl die Kunden als auch die Banken profitieren.“

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