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Bad Soden : Wassersprudler am Sodener Wendehammer

  • -Aktualisiert am

Spritzig: Soda aus Bad Soden Bild: Cornelia Sick

Der europaweite Kampf gegen Plastikflaschen und das Kistenschleppen wird von der Soda-Stream-Zentrale mit Werbekampagnen angefeuert.

          3 Min.

          Der „Käfig der Schande“ reist durch Europa. 2500 in einer riesigen Kiste aufeinander gestapelte Mineralwasserflaschen aus Plastik werden in Fußgängerzonen in ganz Europa gezeigt. Exakt so viele Plastikflaschen verbraucht jeder Haushalt Deutschlands im Jahresdurchschnitt. Mit dieser Kampagne weist der Wassersprudel-Hersteller Soda Stream die Verbraucher auf ein „ökologisches Desaster“ hin, wie es Deutschland-Geschäftsführer Ferdinand Barckhahn hervorhebt.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Warum ausgerechnet die Deutschen, deren streng kontrolliertes Leitungswasser von bester Qualität sei, sich zudem immer noch mit dem Schleppen von teuren Wasser- und Limonaden-Kisten die knappe Freizeit vertrieben, ist dem Zweiundvierzigjährigen, der früher Manager bei Pepsi war, gänzlich unverständlich. „Sie verplempern Benzin, Zeit und Geld“, sagt Barckhahn – und führt in seinem Büro in der Bad Sodener Europazentrale fast andächtig das Glas mit frisch gezapftem Leitungswasser aus dem firmeneigenen Wassersprudler zum Mund.

          Warum zahlen Deutsche für einen Liter Wasser bis zu 1,50 Euro?

          Der Trinkwassersprudler-Hersteller, ein international aufgestelltes israelisches Unternehmen mit Sitz in Tel Aviv, sagt derzeit mit exorbitanten Investitionen in Werbekampagnen den Mineralwasserherstellern und der International Bottled Water Association den Kampf an. Unterlassungsklagen von Nestle, Coca Cola und Danone (Evian) liefen bereits ins Leere. Allein der Boykottbewegung gegen eine Fabrikanlage im Westjordanland beugte sich das Unternehmen 2015. Die Produktionsstätte in der israelischen Siedlung Ma’ale Adumim in Westjordanland wurde 2015 geschlossen.

          Der an der amerikanischen Börse Nasdaq notierte Konzern mit weltweit 2200 Mitarbeitern und einem Umsatz von 476 Millionen Euro (2016) bleibt streitbar. Dass es dem Leitungswasser an wichtigen Mineralien fehle, kontert Barckhahn mit den Untersuchungen der Stiftung Warentest, die das deutsche Leitungswasser als „gesund“ lobten. Warum die Deutschen für einen Liter Wasser bis zu 1,50 Euro statt hochgerechnet inklusive Sprudler-Anschaffung 27 Cent zahlten, lasse sich lediglich durch fehlende Information erklären, findet er.

          Gerade erst verkündete Barckhahn auf der Bundespressekonferenz eine neue Umweltkampagne inklusive einer Petition an die Politik und der Drohung einer Parteigründung – der PFD Plastikfreies Deutschland. Schon 50000 Menschen würden diesen Appell im Internet unterstützen, berichtete Barckhahn. Seine Vision sei es, Deutschland von Plastikwasserflaschen zu befreien.

          Soda Stream produziert seine Trinkwassersprudler zur häuslichen Herstellung von mit Kohlensäure versetzten Getränken seit 20 Jahren in Deutschland. Als die europäische Verwaltungszentrale vor sechs Jahren nach Bad Soden verlegt wurde, ging es dem Unternehmen nicht gut. Der damals historisch niedrige Gewerbesteuerhebesatz von 260 Punkten in Bad Soden sei ein wesentliches Argument für den Umzug in den hintersten Winkel des Gewerbegebiets „Auf der Krautweide“ am Wendehammer gewesen, berichtet Barckhahn. Zwölf Mitarbeiter zählte das Unternehmen damals, das in Limburg mit 120 Beschäftigten eine Produktionsstätte betreibt, wo die Kohlenstoffzylinder für den europäischen Markt wieder befüllt werden. Inzwischen hat sich die Mitarbeiterzahl in der Kurstadt verdoppelt, das Unternehmen will expandieren.

          Werbekampagnen zeigen Wirkung

          Noch in diesem Jahr falle die Entscheidung, ob es in der Kurstadt weitergehe. Benötigt würden neue Büroräume. In Hessen will das Unternehmen aber auf jeden Fall bleiben, am liebsten im Rhein-Main-Gebiet, verrät Barckhahn. Er brauche als kein großes Büro, sondern an die Unternehmensphilosophie der offenen Kommunikation und Interaktion angepasste Räumlichkeiten.

          Die Werbekampagnen zeigen Wirkung: Den Deutschen wird in Werbespots täglich das Kistenschleppen verleidet, in Österreich spricht der Wasserhahn die Konsumenten durch die Bildröhre direkt an und preist die Qualität von Leitungswasser. Deutschland und Österreich zählten weltweit zu den wichtigsten Absatzmärkten, so Barckhahn: Seit 21 Quartalen wachse Soda Stream zweistellig, allein 2016 verzeichnete man 25 Prozent mehr Umsatz.

          Längst sieht sich das Unternehmen mit seinem durch das Soda-Gerät aufbereiteten Leitungswasser und einem Marktanteil von 15 Prozent als führende Wassermarke in Deutschland, gefolgt von Gerolsteiner Mineralwasser (9 Prozent). Rund 450 Millionen Liter Leitungswasser peppen sich die Deutschen mit den Wassersprudlern jährlich auf. Inzwischen ist Soda Stream auch Deutschlands größer Sirup-Produzent: 40 verschiedene Geschmäcker gibt es in den Lebensmittelmärkten, auch Bier und Kalorienfreies zählen zum Portfolio. Am besten aber verkaufe sich ausgerechnet der Cola-Geschmack, berichtet Barckhahn.

          Ohne den 2011 eingeführten Trinkwassersprudler „Crystal“ aber – einer Glaskaraffe, die in einem Mini-Sektkübel steht – wäre der Siegeszug in Deutschland wohl bescheidener ausgefallen. Die Glasflasche werde direkt vom Sprudler auf den Tisch gestellt. Gerade dieses mit Abstand teuerste Gerät ist in Deutschland für einen Umsatzanteil von 75 Prozent verantwortlich und hat damit die meisten Fans.

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