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Autozulieferer in Hessen : 23.000 Stellen hängen am Verbrennungsmotor

Weit entfernt vom Vorkrisenniveau: Die Autozulieferindustrie hat nach wie vor große Probleme. Bild: dpa

Die Metall- und Elektrobranche warnt vor zu ehrgeizigen Vorgaben, auf Elektroautos umzusteigen. Sie rechnet mit Stellenabbau. Viele Jobs hängen in Hessen direkt vom Verbrennungsmotor ab.

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          Die größte Industriebranche Hessens blickt optimistischer in die Zukunft als noch vor einem Jahr. Eine Mehrheit der Unternehmen der Metall- und Elektrobranche, die 203. 000 Hessen beschäftigt, hat in einer Konjunkturumfrage die aktuelle Lage als positiv beurteilt, nur noch ein Sechstel sieht sie negativ. Vor einem Jahr waren laut der Umfrage des Arbeitgeberverbands Hessenmetall deutlich mehr Unternehmen pessimistisch als optimistisch gestimmt.

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf den Umschwung deute auch hin, dass die Manager ihre Investitionsschwerpunkte anders setzen. Ausgaben für Rationalisierungen, die im Herbst 2020 stark zugenommen hatten, würden wieder verringert, stattdessen mehr in Produkte und den Umweltschutz investiert. „Daran zeigt sich, dass die Unternehmen wieder stärker in die Zukunft investieren“, erklärte Verbandsvorsitzender Wolf Matthias Mang.

          Innerhalb der Branche gibt es allerdings erhebliche Unterschiede. So verzeichneten die Metallerzeuger im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 ein Umsatzplus von 40 Prozent. Der Anteil dieser Unternehmen an der Branche hat sich in den vergangenen Jahren sogar verdoppelt, während etwa der Maschinenbau eingebüßt hat. Die Autozuliefererindustrie dagegen ist noch immer deutlich vom Vorkrisenniveau entfernt.

          Beschäftigte in neue Technologien überführen

          Deren Lage hat der Verband in einer Sonderstudie untersucht. Rund 23.000 Arbeitsplätze in Hessen hängen demnach unmittelbar vom Verbrennungsmotor ab. Hessenmetall-Chef Mang betonte, dass diese Jobs kurzfristig nicht gefährdet seien, schließlich würden immer noch Autos mit herkömmlichem Antrieb verkauft. Zudem seien in Hessen bereits 9000 neue Jobs für Elektromobilität und automatisiertes Fahren geschaffen worden. Ziel müsse es also sein, Beschäftigte aus der alten Antriebstechnik in die neuen Technologien zu überführen. „Aber sicherlich wird es nicht möglich sein, jeden Beschäftigten mitzunehmen.“

          Jörg Köhlinger, Leiter des IG-Metall-Bezirks Mitte, appellierte an die Arbeitgeber, mit der Gewerkschaft sogenannte Zukunftstarifverträge zu vereinbaren. Er warnte: „Wir werden es nicht akzeptieren, dass die Beschäftigten für Versäumnisse der Arbeitgeber zahlen müssen.“

          „Einseitige Festlegung auf Elektroautos ist schädlich“

          Laut Branchenverband belasten derzeit auch Lieferengpässe an Halbleitern und Rohstoffen das Geschäft erheblich: Während die Auftragseingänge messbar höher seien als in den Jahren vor der Krise, sei die tatsächliche Produktion wieder gesunken, nur im Jahr 2020 war sie noch geringer als jetzt. Insgesamt hatte die Branche in den vergangenen drei Jahren 17.000 Arbeitsplätze abgebaut. „Wir haben deshalb mit 203.000 Beschäftigten den Sockel noch nicht erreicht“, sagte Mang.

          Verbandsgeschäftsführer Dirk Pollert warnte die Politik angesichts der Studienergebnisse, zu ehrgeizige Transformationsziele auszugeben. „Wir dürfen in einem komplexen Strukturwandel nicht durch unrealistische Zeitstrahlen und mangelnde Technologieoffenheit Arbeitsplätze gefährden.“ Eine einseitige Festlegung auf Elektroautos sei schädlich.

          Grundsätzlich übte Mang deutliche Kritik am Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP. Der Verbandsvorsitzende sprach von „Gestaltungswahn“. So vermisse er das Wort „Eigenverantwortung“ in dem 178 Seiten umfassenden Vertrag. Bisher habe Deutschland noch immer von den Strukturreformen der Schröder-Regierungen bis 2005 profitiert, deren Wirkung sei aber nun aufgebraucht. „Die neue Bundesregierung sollte die Chance nutzen, dass wieder ein Ruck durch dieses träge Land geht.“

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