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Automobile : Kleine Werkstätten auf dem Rückzug

Pitstop eröffnet jedes Jahr rund 30 Filialen Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Die Ketten ATU und Pitstop wollen weitere Filialen im Raum Frankfurt eröffnen - während kleinere Autowerkstätten über Preisdruck klagen und die Zahl der Anbieter sinkt.

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          Alt sehen sie wirklich nicht aus, zumindest nicht im Vergleich zu Autos, die vor 15 Jahren als betagt galten. Schließlich sind wahre Rostlauben augenscheinlich zur Seltenheit geworden. Doch statistisch geht kein Weg daran vorbei: Die Flotte auf Deutschlands Straßen altert zusehends - gut acht Jahre hat ein Gefährt durchschnittlich auf dem Buckel; da macht Rhein-Main keine Ausnahme. Dies und die Erfahrung, daß viele Autofahrer mehr denn je auf den Euro schauen müssen, gilt als durchaus vorteilhaft für freie Reparaturwerkstätten und Autoteilehändler:

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Je älter ein Auto ist, desto eher fährt der Besitzer nicht zu einer Vertragswerkstatt“, heißt es beim Gesamtverband Autoteile-Handel in Ratingen. Denn von nicht markengebundenen Mechanikern wird eher ein „zeitwertnahes Angebot“ erwartet als von der Konkurrenz, die unter der Flagge eines Herstellers arbeitet. Vor diesem Hintergrund wollen Anbieter wie Auto-Teile Unger (ATU) und Pitstop mit Sitz in Heusenstamm auch im Frankfurter Raum weitere Filialen eröffnen. Zum Leidwesen eigentümergeführter Betriebe unter den 1587 Werkstätten in Rhein-Main, deren Zahl seit Jahren leicht sinkt.

          Alle paar Wochen kommt eine Werkstatt hinzu

          ATU-Geschäftsführer Karsten Engel hat fünf neue Vertretungen angekündigt, die zu den acht bestehenden hinzukommen werden. Pitstop ist an 25 Standorten im erweiterten Rhein-Main-Gebiet mit Gießen und Wetzlar sowie fünfmal in Frankfurt vertreten. Dabei soll es jedoch nicht bleiben, wie Andreas Laube, bei dem Unternehmen für die Expansion zuständig, sagt. Derzeit betreibt Pitstop bundesweit 377 Filialen und beschäftigt rund 1350 Mitarbeiter. Doch alle paar Wochen kommt eine Werkstatt mit dem blaurotweißen Firmenlogo hinzu: „Wir eröffnen jedes Jahr etwa 30 Betriebe, und in den nächsten Jahren wird es bei diesem Tempo bleiben.“ ATU, Pitstop, Carglass & Co. tummeln sich in einem Riesenmarkt. Branchenkenner geben das Volumen des sogenannten KfzAftermarket, der Autoteile, Reifen und Zubehör sowie Öle und Werkzeuge umfaßt, mit annähernd 18 Milliarden Euro im Jahr an. 40.000 Unternehmen, darunter überwiegend Einzelkämpfer, werben um Kunden, wie die BBE Unternehmensberatung in Köln schätzt.

          Dabei befindet sich die Branche nach Angaben des Gesamtverbands Autoteile-Handel im Wandel: „Wir beobachten einen Trend, daß Unternehmen, die früher alleine für Reifenservice standen, weitere Dienstleistungen anbieten, Ölwechsel, Licht- und Bremsenservice oder den Austausch defekter Stoßdämpfer etwa“, sagt Sprecher Thomas Kobudzinski. Allerdings reagierten die Reifendienste wie Vergölst auch im Frankfurter Raum nur auf das erweiterte Angebot gerade von Vertragswerkstätten, die zunehmend den Reifenverkauf entdeckten. Mithin: „Der Werkstattmarkt rückt zusammen, weil alle mehr machen als früher.“

          Der Reifenmarkt ist aber nicht zwingend lukrativ. Ein Branchenkenner, der nicht genannt werden möchte, spricht von „schweinischen Preisen“ und niedrigen Margen. Und ATU-Chef Engel gibt zu, daß Kunden über den Preis verhandeln: „Dies wird gerade jetzt genutzt, wenn der Wechsel von Sommer- auf Winterreifen ansteht.“ ATU als Reifenmarktführer mag dies indes aufgrund seiner Einkaufsmacht eher verkraften können als kleine Mitbewerber - die wiederum auf ATU-Angebote reagieren müssen, wie es beim Gesamtverband Autoteile-Handel heißt, während der neue „Kundenmonitor“ den Kraftfahrzeug-Meisterbetrieben in der Region ein hohes Serviceniveau bescheinigt; demnach sind 70 Prozent der Kunden zufrieden, neun Prozent mehr als noch vor zehn Jahren.

          „Die Kleinen werden den Rückzug antreten“

          Die BBE Unternehmensberatung sieht den gemeinsamen Marktanteil von ATU und Pitstop bei 6,5 bis 8,5 Prozent, wobei das Heusenstammer Unternehmen auf 1,5 Prozent geschätzt wird. In zwei bis drei Jahren könnten beide Wettbewerber zusammen aber auf mehr als zehn Prozent kommen - „eine irre Größe“, wie Michael Horn, Bereichsleiter Automotive bei BBE, meint. In Ballungsräumen wie dem Rhein-Main-Gebiet dürften ATU und Pitstop die Zehn-Prozent-Marke schon geknackt haben, mutmaßt er.

          „Es wird wohl so kommen, daß die Kleinen den Rückzug antreten werden“, sagt Robert Reitbauer, der am Frankfurter Ziegelhüttenweg eine Werkstatt betreibt. Der seit rund 30 Jahren tätige Kraftfahrzeugmeister führt für diese Prognose zwei wesentliche Gründe an. Erstens werde die Technologie immer komplizierter, so daß es schwer werde, alle Marken reparieren zu können. Damit seien ganz erhebliche Investitionen verbunden, zu denen Miete und Verwaltungskosten sowie Ausgaben im Zusammenhang mit Umweltauflagen kämen, zählt der Leiter eines Familienbetriebs auf. So habe er gerade 5000 Euro in ein Gerät für einen Dieseltest stecken müssen, um diesen Service überhaupt anbieten zu dürfen. Solche Kosten könne er aber nicht an die Kundschaft weitergeben.

          Gleichzeitig müsse er sich an günstigen Angeboten von Konkurrenten messen lassen. So ließen sich kaum noch Rücklagen bilden, weshalb er die Marktlage schlecht nennt. Das ist mal anders gewesen: „Vor 15 Jahren habe ich noch richtig Geld verdient.“

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