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Automobile : Der Automarkt in Rhein-Main wird neu aufgeteilt

An der Hanauer Landstraße entsteht ein Glaspalast neben dem anderen, Ausdruck einer selbstbewussten Automobilbranche, die aber im Umbruch ist: Niederlassungen und Vertriebsgesellschaften der Hersteller haben Marktanteile gewonnen.

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          Im Frankfurter Osten geht die Sonne auf. An der Hanauer Landstraße entsteht ein Glaspalast neben dem anderen, Ausdruck einer selbstbewussten Automobilbranche, die um die Absatzstärke des Ballungsraums Rhein-Main nur zu gut weiß. Schließlich werden in kaum einer anderen Region Deutschlands so viele hochwertige Limousinen geordert, sieht man von den Stammsitzen der Automobilhersteller einmal ab. Größter Mercedes-Kunde der Region soll beispielsweise die Deutsche Bank sein, die viele ihrer Limousinen für Deutschland hier zentral bestellt.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch zugleich ist der Wettbewerb offenbar besonders stark. „Wir beobachten einen deutlichen Konzentrationsprozess“, sagt Jürgen Karpinski, Obermeister der Kraftfahrzeug-Innung Frankfurt und Main-Taunus. Als historischer Einschnitt gilt das Inkrafttreten der sogenannten Gruppenfreistellungsverordnung der Europäischen Union im Oktober 2002. „Die hat das Gegenteil von dem bewirkt, was beabsichtigt war“, sagt Karpinski. Die Automobilhersteller besserten die Verträge mit den Händlern nach; die Margen wurden schlechter, immer mehr musste in „Corporate Identity“ investiert werden, wollte man im Händlernetz bleiben. Zugleich setzten beim Verkaufspreis bis dahin nicht gekannte Rabattschlachten ein.

          Konzentration auf Gebrauchte oder gar Insolvenz

          Die Folgen waren an vielen Stellen im Rhein-Main-Gebiet zu beobachten: Einige Händler, wie BMW-Reichold in Bad Vilbel, mussten das Neuwagengeschäft auf eigene Rechnung aufgeben, und konzentrierten sich auf Gebrauchtwagen, Wartung und Reparatur. Andere wurden insolvent, wie Georg von Opel, immerhin ein großes Traditionsautohaus, dessen Geschichte eng mit den Gründern des gleichnamigen Automobilkonzerns verbunden ist. In wieder anderen Fällen übernahmen die Automobilkonzerne über ihre Niederlassungen oder eigene Vertriebsgesellschaften die bis dahin eigenständigen Händler, wie BMW Glöckler an der Galluswarte oder VW Glöckler an der Hügelstraße mit mehreren Betrieben.

          Fast ein Drittel der kleineren und mittleren Händlerbetriebe sei seit der Einführung der Gruppenfreistellungsverordnung in Europa verschwunden, schätzt der europäische Branchenverband Cecra. Je nach Hersteller fiel der Konzentrationsprozess unterschiedlich aus. Während Mercedes immer schon einen größeren Teil des Vertriebs über die Niederlassung organisiert hatte, soll BMW in den zurückliegenden Jahren diesen Anteil im Rhein-Main-Gebiet erheblich gesteigert haben. Außerdem haben die Bayern die Marke mit dem Stern beim Absatz in der Region mittlerweile überholt, glaubt man Niederlassungsleiter Philipp von Sahr. Allerdings scheint die Frage, wer von den beiden in der Region Marktführer ist, umstritten - je nachdem, welche Orte man miteinbezieht.

          An Plänen für Investitionen in der Region fehlt es auf jeden Fall nicht. Audi hat angekündigt, an der Hanauer Landstraße ein neues Verkaufszentrum bauen zu wollen. „Wir wollen in den Großstädten stärker präsent sein“, sagte eine Sprecherin. BMW errichtet gegenüber seiner Niederlassung für 30 Millionen Euro ein neues Neuwagenzentrum, außerdem ist ein weiteres Center für den Frankfurter Westen geplant. Fiat will zum Jahresende seine Zentrale von Heilbronn an die Frankfurter Automeile verlagern, mit aufwendigen Schauflächen auch für Lancia und Alfa Romeo.

          „Nicht mehr ganz zeitgemäß“

          Der neue Chef der Mercedes-Niederlassung, Burkhard Wagner, lässt zum Monatsende das Center an der Frankenallee im Frankfurter Westen schließen. „Wir sind überzeugt davon, dass wir mit unseren Standorten Heerstraße, Hahnstraße in Niederrad und Hanauer Landstraße das Frankfurter Stadtgebiet ausgezeichnet abdecken“, sagte er gestern. Außerdem deutete er an, die Immobilie an der Frankenallee sei „nicht mehr ganz zeitgemäß“ gewesen. Zugleich werde die Hauptstelle an der Heerstraße um eine Lackierstraße und einen „Taxibereich“ erweitert. Vorgänger Helmut Altemöller hatte seinerzeit von Plänen für ein großes „Mercedes-Markenzentrum“ für mehrere hundert Limousinen etwa am Kaiserlei berichtet. Er hatte jedoch hinzugefügt, in der Konzernzentrale in Stuttgart habe man die Mittel dafür noch nicht bewilligt. Wagner sagte dazu gestern: „Es gibt weiterhin solche Diskussionen, es ist aber nichts spruchreif.“

          Auch im Taunus hat es erhebliche Verschiebungen gegeben. Das BMW-Haus in Hofheim etwa, früher Glöckler, ging an das Autohaus Euler, den einzigen verbliebenen unabhängen BMW-Vertragshändler in Frankfurt. Nach der Insolvenz des BMW-Händlers Kohlhas übernahm die Osnabrücker Weller-Gruppe, einer der großen Spieler der Branche, die Autohäuser in Bad Homburg und Kronberg. Auch die Norddeutschen haben das Potential der Region offenbar bemerkt: Allein in Bad Homburg wollen sie künftig rund 1000 Neuwagen im Jahr absetzen.

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