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Arzneimittel-Forschung : Merck lobt Pläne für House of Pharma

Der Merck-Konzern aus Darmstadt - hier ein Bild aus seiner Forschung - will am House of Pharma mitbauen Bild: AP

Ein House of Pharma soll die Arzneimittel-Forschung in Rhein-Main verbessern helfen. Der Darmstädter Merck-Konzern hat schon sein Wohlwollen signalisiert.

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          Pharmaforschung verschlingt viel Geld. Die Branche spricht von rund 800 Millionen Euro für ein neu entwickeltes Arzneimittel. Dieses Geld muss wieder über Verkäufe verdient werden – und da ist es besonders ärgerlich, wenn die Kosten für das Mittel dann von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet werden. So geht es etwa dem Pharmakonzern Sanofi-Aventis mit seinem in Frankfurt-Höchst entwickelten Kurzzeit-Insulin Apidra. An solche Fälle denkt Manfred Schubert-Zsilavecz, Vizepräsident der Goethe-Universität in Frankfurt, wenn er für ein House of Pharma für die Rhein-Main-Region wirbt. „Wir sind der Auffassung, dass eine solche Einrichtung an der Schnittstelle von universitärer Forschung und kleinen wie großen Unternehmen geschaffen werden sollte“, sagt der Professor für Pharmazeutische Chemie.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nach seinen Worten will die Initiative nicht etwa Unternehmen zur Zusammenarbeit in der Arzneimittelforschung bringen, was auch vergeblich wäre. Denn Pharmaunternehmen teilen ihre in der Forschung gewonnenen Erkenntnisse in der Regel nicht mit anderen Firmen – es sei denn, sie gehen gezielt Kooperationen ein. „Merz Pharma in Frankfurt wird sich nicht in die Karten schauen lassen, wenn es etwa um ihr neues Tinnitusmittel Neramexane geht“, sagt Schubert-Zsilavecz. Im „präkompetitiven Bereich“ aber, in der Frühphase der Forschung, könnte der Ansatz des House of Pharma durchaus den Unternehmen dienen.

          Wirtschaftsinitiative Rhein-Main beteiligt

          Es gehe darum, möglichst frühzeitig „die richtigen Fragen zu stellen, um nicht später die falschen Antworten zu kriegen“. Dabei geht es offenbar auch um den Zusatznutzen neuer Arzneien und um die Frage, ob sie von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden. Mit Blick auf Apidra meint Schubert-Zsilavecz, die Erstattungsfähigkeit sei aufgrund einer zu schlechten Forschungslage verweigert worden. In solchen Fällen sind Gutachten des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen wegweisend. Mit diesen Gutachten im Rücken entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss der Krankenkassen, Ärzte und Kliniken, ob die Kosten für ein Medikament erstattet werden oder nicht. Im Fall Apidra gab laut Schubert-Zsilavecz das Gutachten einer jungen Kollegin aus Graz mit den Ausschlag. Diese Wissenschaftlerin arbeite mittlerweile an der Goethe-Universität und solle einmal am House of Pharma mitwirken – um eben frühzeitig mit Blick auf neue Wirkstoffe die richtigen Fragen zu stellen.

          Das House of Pharma, das dem Beispiel des House of Finance an der Frankfurter Universität und dem am Flughafen entstehenden House of Logistics and Mobility folgt, soll indes offiziell nicht so heißen. Vielmehr treibt Schubert-Zsilavecz das Vorhaben unter Beteiligung der Wirtschaftsinitiative Rhein-Main mit dem Arbeitstitel Fraunhofer-Institut für angewandte Arzneimittel-Forschung und -Entwicklung voran. Er verweist auf „belastbare Gespräche“ mit der Fraunhofer-Gesellschaft, der größten europäischen Organisation für Forschungs- und Entwicklungsdienste, die mit der Industrie kooperiert, aber auch mit Bund und Ländern. Auf den Weg bringen will er das House of Pharma mit Geldern aus dem Loewe-Programm, mit dem Hessen herausragende Forschung finanziert. Ein Antrag sei mit Wiesbaden abgestimmt und eingereicht.

          Merck ist dabei, Merz wartet auf Kontakt

          „Jetzt geht es darum, die Truppen zu sammeln“, meint er angesichts dessen. Der Merck-Konzern in Darmstadt will am House of Pharma mitbauen und hat schon eine Absichtserklärung („Letter of Intent“) unterzeichnet. Denn die Absicht, Erkenntnisse der Grundlagenforschung in die Entwicklung neuer Arzneimittel einfließen zu lassen, sei für Merck ebenso von Interesse wie die Erforschung von Autoimmunkrankheiten. Aus der Absichtserklärung erwachse aber nicht die Pflicht, sich mit Geld zu beteiligen, wie ein Merck-Sprecher sagt.

          Schubert-Zsilavecz hat nach seinen Worten auch bei Boehringer Ingelheim und Sanofi-Aventis vorgesprochen, allerdings hält sich Sanofi-Aventis noch bedeckt. Merz Pharma geht nach Angaben einer Sprecherin wiederum davon aus, noch eingebunden zu werden.

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