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Beratung in der Apotheke : Auch der Internet-Patient hat noch Fragen

Zugriff: So manche Arznei ist wie dieses Schlafmittel frei verkäuflich – da ist Beratung in der Apotheke angezeigt. Bild: AP

In Apotheken im Rhein-Main-Gebiet möchten Kunden vermehrt beraten werden. Dass früher rezeptpflichtige Arzneien nun frei verkäuflich sind, ist nur einer der Gründe.

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          Jeden Tag kommt jemand mit dem Smartphone in der Hand in die Sonnen-Apotheke in Wiesbaden und hält dem Apotheker das Gerät vors Gesicht. Das sagt Detlef Weidemann, und er muss es wissen, schließlich gehört ihm das Geschäft. Solche Begegnungen mit Internet-Patienten, wie man sie nennt, zeigen ihm: Viele Kunden wollen nicht einfach nur eine Arznei haben, sie wollen es genau wissen und auch beraten werden. „Der Kunde wird neugieriger, er googelt etwa“, sagt Weidemann und meint: „Das Informationsverhalten verändert sich schneller, als die Bevölkerung altert.“

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Beratungsbedarf ist demnach offenbar groß, und er steigt weiter, wie in der Region ansässige Arzneimittelhersteller berichten. Dass die Apotheken die „Pille danach“ nun auch ohne Rezept abgeben, dürfte diese Tendenz „automatisch“ verstärken, wie es beim hessischen Apothekerverband heißt.

          Für „Pille danach“ gute Beratung wichtig

          Die Rezeptpflicht für die „Pille danach“ ist am Sonntag ausgelaufen. Aus Sicht des Apothekerverbands ist sie fortan ein freiverkäufliches Mittel wie jedes andere Präparat auch, das nicht zuerst der Arzt dem Patienten verschreiben muss. In der Folge wird die Rolle gestärkt, in der sich Apotheker seit jeher gerne sehen: der des Beraters. „Ihnen kommt die Aufgabe zu, die Frauen umfassend, kompetent und diskret zu beraten“, meint die Gießener Pharmazeutin Mira Sellheim, die dem Vorstand des hessischen Apothekerverbands angehört. Die Landesapothekerkammer, die über die Einhaltung der Berufspflichten ihrer Mitglieder wacht, sieht nach der Freigabe der „Pille danach“ die niedergelassenen Pharmazeuten sogar als erste Ansprechpartner für Frauen, die sich nach einer Verhütungspanne in einer Notlage fühlen.

          Beratungsbedarf besteht aus Sicht der Kammer schon allein deshalb, weil es nicht die eine „Pille danach“ schlechthin gibt, sondern Präparate mit unterschiedlichen Wirkstoffen, wie sie ausführt. Eines der Mittel verzögere den Eisprung, ein anderes verhindere oder hemme ihn. „Vor der Abgabe ist ein ausführliches Beratungsgespräch zwischen Apotheker und Patientin Pflicht. Risiken der Behandlung werden besprochen und auf Nebenwirkungen hingewiesen“ – so lautet die Vorgabe der Kammer.

          Aus gutem Grund: Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, etwa Psychopharmaka und Johanniskraut, könnten die Wirksamkeit mindern. Frauen mit chronischen Vorerkrankungen oder akuten Gesundheitsproblemen sei von der Verwendung abzuraten.

          Freiverkäufliche Mittel immer wichtiger für Pharmaindustrie

          In der Vergangenheit hat der Beratungsbedarf zugenommen, weil zum Beispiel zuvor jahrelang verschreibungspflichtige Magenmittel wie Omeprazol und Pantoprazol in freiverkäufliche Arzneien umgewandelt worden sind. Sie stehen in unterschiedlichen Packungsgrößen im Regal und können wie Nasenspray und Traubenzucker gekauft werden. Selbstmedikation wie in solchen Fällen ist nach den Worten von Weidemann, der den hessischen Apothekerverband führt, angesichts der Zunahme chronisch Kranker verstärkt gefragt. Und er findet Selbstmedikation auch ganz gut: „Das nimmt Druck aus dem System heraus“, sagt er. Arztpraxen würden ebenso entlastet wie die Krankenkassen. Die Kassen müssen wie etwa im Fall von Omeprazol und Pantoprazol für die Kosten nicht mehr aufkommen – das übernimmt der Patient ungeachtet seiner Kassenbeiträge.

          Auch beim Arzneimittelhersteller Stada in Bad Vilbel hebt man die „wichtige Rolle der Apotheker als Schnittstelle zwischen Hersteller und Verbraucher“ hervor. Das wie Merck in Darmstadt auf eine Apotheke zurückgehende Unternehmen verweist auf die steigende wirtschaftliche Bedeutung freiverkäuflicher Arzneien in seinem Sortiment. Die Produkte stehen mittlerweile für 39 Prozent des Umsatzes von Stada, vor fünf Jahren waren es nur 26 Prozent gewesen. Zum Betriebsgewinn tragen sie sogar 51 Prozent bei, nach 36 Prozent im Jahr 2010. Anders gesagt: Die rezeptpflichtigen Nachahmerarzneien, für die Stada in der Öffentlichkeit vor allem steht, werden wirtschaftlich für den MDax-Konzern unwichtiger.

          Unternehmen schulen Apotheker

          Engelhard Arzneimittel erhält vermehrt Rückmeldungen von Apothekern, die sich Fragen von Kunden gegenübersehen, wie der geschäftsführende Gesellschafter Richard Engelhard sagt. In der Folge schule das Unternehmen vermehrt Apotheker und ihre pharmazeutisch-technischen Assistentinnen zu Produkten des Hauses und den Fragen, wie sie eingesetzt werden. Dabei vertreibt der auf Naturheilmittel spezialisierte Mittelständler mit Sitz in Niederdorfelden vor allem im Markt gut eingeführte Arzneien wie ein Hustenmittel mit Efeu-Extrakt.

          Für den Apotheker als Berater sei es eine besondere Herausforderung, wenn ein Kunde einen bestimmten Produktwunsch äußere. Will er auch das richtige Mittel? Hat er gleichzeitig andere Krankheiten? Solche Fragen müsse der Apotheker dann beachten, gibt der Geschäftsführer der Firma zu bedenken, die sich schon Mitte der neunziger Jahre auf freiverkäufliche Medikamente verlegt hat. Mittlerweile setzt Engelhard in 90 Ländern 82 Millionen Euro um. „Diese Mittel liegen im Trend – diese Schraube lässt sich nicht zurückdrehen.“

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