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Arbeitswelt : „Im Ernstfall rettet Lohnverzicht Standort nicht“

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"Tarifpolitik darf man nicht überbewerten", sagt Armin Schild, seit Anfang des Jahres Leiter des IG-Metall-Bezirks Frankfurt, der die Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Thüringen umfaßt.

          "Tarifpolitik darf man nicht überbewerten", sagt Armin Schild, seit Anfang des Jahres Leiter des IG-Metall-Bezirks Frankfurt, der die Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Thüringen umfaßt. Nicht, daß er die Tarifpolitik geringschätze - bevor er Klaus Mehrens nachfolgte, sei er schließlich Leiter des Funktionsbereichs Tarifpolitik beim Vorstand der IG Metall gewesen. Er wisse aber genau, was Tarifpolitik könne und vor allem nicht, so Schild. Beispielsweise ist er sich sicher, daß auch erhebliche Zugeständnisse von Beschäftigten es nicht verhinderten, daß Arbeitsplätze ins Ausland verlagert würden, wenn sich die Unternehmensleitung dazu einmal entschlossen habe. Es sei auf Dauer nicht möglich, auf diese Weise erfolgreich gegen Lohnkosten zu konkurrieren, die mindestens um ein Drittel niedriger seien als in Deutschland, so Schild. Am Ende hätten die Beschäftigten auf Lohn verzichtet, verlören trotzdem ihren Job und müßten dann noch Einbußen beim Arbeitslosengeld hinnehmen, weil sie zuvor auf Geld verzichtet hätten, um ihren Arbeitsplatz zu retten.

          In solchen Fällen ist es aus seiner Sicht redlicher und für die Arbeitnehmer sinnvoller, wenn die Belegschaftsvertretung beispielsweise eine zufriedenstellende Abfindungsregelung und die Gründung einer Beschäftigungsgesellschaft erwirke, aus der heraus die Mitarbeiter in neue Arbeitsplätze vermittelt werden könnten. "Gelingt das, sind das echte Gewinner." Wenn in solchen Fällen die Arbeitsplätze am deutschen Standort nicht zu retten seien, müsse eine Gewerkschaft in einem zusammenwachsenden Europa am neuen Produktionsort, beispielsweise in Polen oder in Tschechien, für tarifvertragliche Standards eintreten. Schild ist sich durchaus bewußt, daß es gerade für Beschäftigte, die älter als 50 Jahre alt sind, zur Zeit besonders schwer ist nach einer Standortschließung in Deutschland noch einmal eine reguläre Anstellung außerhalb von Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaften zu finden. Zumal die Mobilität in dieser Altersgruppe in aller Regel deutlich geringer sei als bei jüngeren Arbeitnehmern. Er sieht das moralische Dilemma, in das ihn diese Position gegenüber den älteren Gewerkschaftsmitgliedern bringt, deren Arbeitsplatz bedroht ist. Und der IG-Metall-Bezirksleiter weiß auch, daß er für diese Auffassung in wesentlichen Teilen seiner Organisation derzeit wohl keine Zustimmung oder gar Unterstützung zu erwarten hat. Für richtig hält er seine Einsichten nichtsdestotrotz.

          In jedem Fall will Schild im IG-Metall-Bezirk Frankfurt keine betrieblichen Abweichungen vom Flächentarifvertrag mehr vereinbart sehen, sofern die von einer solchen Vereinbarung tangierten Mitglieder in den Betrieben nicht zuvor ihr Einverständnis erklärt haben, wie er am Montag hervorhob. Denn wenn die Mitarbeiter zur Rettung des Betriebes vielleicht auf erhebliche Teile ihres Einkommens verzichteten, der Erfolg dieses Verzichts aber alles andere als sicher sei, dann müßten sie wenigstens mitentscheiden können.

          Derlei Abweichungen vom Flächentarifvertrag ermöglicht der Metall-Tarifabschluß, der im vergangenen Jahr in Pforzheim von den Tarifparteien ausgehandelt wurde. Die Möglichkeit einer Abweichung ist jedoch eng an bestimmte Kriterien gebunden, beispielsweise die Erhaltung bestehender oder die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Möglich sind dann längere Arbeitszeiten sowie Entgelteinbußen.

          Schild hält diese Möglichkeiten, vom Tarifvertrag abzuweichen, für richtig, weil es durchaus Fälle gebe, in denen man Betrieben auf diese Weise zum Nutzen aller helfen könne. Sehr verärgert zeigt sich der IG- Metall-Bezirksleiter allerdings darüber, daß Unternehmen, die keinen der definierten Ausnahmetatbestände erfüllten, diese Möglichkeiten des Tarifvertrages schlichtweg dafür nutzen, um ihre Kosten zu senken. In rund einem Drittel der Fälle sei das so. Insgesamt gibt es zur Zeit IG-Metall-Angaben zufolge gut 200 Tarifvertragsabweichungen im Bezirk Frankfurt. Wie die IG Metall in Zeiten einer globalisierten Wirtschaft die Interessen ihrer Mitglieder vertreten kann, das soll auch Thema einer Bezirkskonferenz der Metallgewerkschaft in der nächsten Woche sein. JOCHEN REMMERT

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