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Arbeitssucht : Entzugshilfe für Workaholics

  • -Aktualisiert am

Heilende Samtpfote: In Japan helfen Katzen Workaholics, die Sucht zu besiegen. Bild: AFP

Jeder Siebte gilt als arbeitssuchtgefährdet. Erkannt wird die Krankheit jedoch oftmals nicht. Wie ein Mann aus dem Rhein-Main-Gebiet mit der „sauberen“ Sucht lebt.

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          Der Grundschüler Frank Stefan bekam wieder einmal Ärger. Die Lehrerin kontrollierte die Schönschreibhefte ihrer Klasse, aber das des Jungen war leer. Dabei hatte Frank sich gar nicht vor der Arbeit drücken wollen. Sein Plan war, die Mitschriften mehrerer Stunden in Ruhe nachzutragen, hatte das aber nicht geschafft. Zuhause erwartete ihn am Abend das Donnerwetter der Eltern: „Du hast keine Disziplin“, warf ihm sein Vater vor.

          Viele Jahre später, nach Abitur und Studium, arbeitete Frank Stefan, der eigentlich anders heißt und in der Rhein-Main-Region wohnt, als Ingenieur. Auch dort zeigte sich sein Hang zum Verzetteln. Für ein Projekt brauchte er nicht die üblichen acht bis zehn Wochen, sondern ein Jahr. Das kostete Stefan beinahe seinen Job.

          Alle Gedanken drehen sich um Arbeit

          Was auf den ersten Blick wie Faulheit wirkt, kann in Wirklichkeit eine ernstzunehmende psychische Störung sein: Arbeitssucht. Das klingt im Falle von Stefan paradox, doch Arbeitssüchtige sind nicht nur typische Workaholics in Top-Positionen, die quasi Tag und Nacht arbeiten. Auch Menschen, die vor lauter Perfektionismus Arbeit gar nicht oder nur sehr langsam erledigen, sind betroffen. Selbst wenn sie nicht so produktiv sind wie klassische Workaholics, drehen sich bei ihnen alle Gedanken um die Arbeit. Sie haben höchste Ansprüche an sich selbst, wollen Aufgaben möglichst effizient erledigen. Gerade das lähmt sie häufig.

          Der Psychologe Stefan Poppelreuther, der mehrere Bücher zum Thema Arbeitssucht veröffentlicht hat, ist sich sicher: „Die Sucht nach Arbeit ist ein zunehmendes Problem in unserer Gesellschaft“. Schätzungen zufolge leiden etwa 200 000 Männer und Frauen in Deutschland an einer der Ausprägungen der Arbeitssucht. Laut einer empirischen Studie soll jeder siebte Arbeitnehmer in der Bundesrepublik arbeitssuchtgefährdet sein. Besonders betroffen seien dabei soziale Berufe, Menschen in Führungspositionen oder auch Selbständige.

          Als müsste Lebensrecht durch Arbeit bewiesen werden

          Das Problem wird oft nicht als solches erkannt: Kollegen, die länger im Büro bleiben, Akten mit nach Hause nehmen oder die Mittagspause ausfallen lassen, werden häufig bewundert. „Tüchtigkeit und Einsatzbereitschaft werden immer noch als Grundfesten der Leistungsgesellschaft angesehen“, sagt Poppelreuther. Betroffene selbst fühlten sich oft, als müssten sie sich ihr Lebensrecht erst durch Arbeit beweisen.

          Der heute 60 Jahre alte Stefan sagt, dass er sich fast nur über den Erfolg seiner Arbeit definiert habe. Er glaubt, diese Einstellung durch sein Elternhaus mitbekommen zu haben. Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine Neigung zur Arbeitssucht zwar nicht genetisch vererbt, aber im Kindesalter „erlernt“ werden kann. Stefan ist sich heute sicher, dass schon sein Vater süchtig war. Er habe nie aufhören können zu arbeiten. „Wenn unser Vater um sieben Uhr heimgekommen ist, war das schon früh“, sagt Stefan, der selbst als „arbeitsgehemmt“ gilt. Das habe das ganze Familienleben belastet. Das Perfide: Arbeitssucht ist eine lebenslange Krankheit. Sie hört selbst dann nicht auf, wenn der Arbeitsalltag endet. Stefans Vater habe, selbst als er über 80 Jahre und Rentner war, ständig gefragt: „Was gibt es noch zu tun?“

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