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Kritik an Lufthansa-Vorstand : „Entsetzt über Managementversagen“

Milliarden-Minus: Lufthansa-Chef Carsten Spohr verkündete das schlechteste Quartalsergebnis der Firmengeschichte. Bild: EPA

Arbeitnehmervertreter kritisieren den Lufthansa-Vorstand wegen der Ankündigung von Kündigungen scharf. Denn eigentlich sollte genau das vermieden werden.

          2 Min.

          Nachdem der Lufthansa-Vorstand auf das schlechteste Quartalsergebnis der Firmengeschichte mit der Ankündigung reagiert hat, doch betriebsbedingt kündigen zu müssen, um die Kosten zu senken, sprechen Arbeitnehmervertreter von Managementversagen und andere Kritiker von absichtlicher Eskalation, um teurere Regelungen zu umgehen.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Am Donnerstagmorgen hatte Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr mitgeteilt, dass der Konzern im zweiten Quartal coronabedingt einen Verlust von 1,5 Milliarden Euro habe hinnehmen müssen. Bei einem Passagieraufkommen von nur noch vier Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal fiel der Umsatz um 80 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Der Verlust in der ersten Jahreshälfte beläuft sich auf 3,62 Milliarden Euro.

          Wo die 11.000 Stellen gestrichen werden, die allein in Deutschland wegfallen sollen, sagte der Vorstand nicht. Es spricht aber viel dafür, dass ein erheblicher Teil der Arbeitsplätze am Frankfurter Flughafen in der Konzernzentrale und im Flugbetrieb wegfallen wird. Im Moment ist die Lufthansa mit rund 40.000 Beschäftigten der größte privatwirtschaftlich organisierte Arbeitgeber in ganz Hessen.

          Die „dringend notwendige Kostenentlastung“ fehlt

          Spohr machte außer der langsamer als erwartet einsetzenden Erholung des Luftverkehrs die bislang ausgebliebene Einigungen mit den Gewerkschaften für das desaströse Geschäftsergebnis verantwortlich. Es fehle die „dringend notwendige Kostenentlastung“. Mit der Gewerkschaft Verdi und mit der Pilotenvereinigung Cockpit seien noch keine Vereinbarungen getroffen worden, und auch die mit der Kabinengewerkschaft Ufo erzielten Übereinkünfte seien noch immer nicht bestätigt.

          Verhandlungen stocken: Laut Ufo-Geschäftsführer Nicoley Baublies verschwendet die Lufthansa wertvolle Zeit.
          Verhandlungen stocken: Laut Ufo-Geschäftsführer Nicoley Baublies verschwendet die Lufthansa wertvolle Zeit. : Bild: dpa

          Dieser Schuldzuweisung widerspricht die Arbeitnehmerseite. Christian Hirsch, Chef des Lufthansa-Konzernbetriebsrats und der Arbeitnehmervertretung der Lufthansa AG, äußerte auf Nachfrage, dass das Management erst jetzt beginne, für die von seiner Gewerkschaft Verdi vor allem vertretenen Mitarbeiter – wesentlich Bodenbeschäftigte – konkrete Vorschläge zum „sozialverträglichen Abbau“ vorzulegen, obwohl die Krise schon seit Monaten da sei. Man hätte längst Altersteilzeit-, Vorruhestands- und Abfindungsregelungen anbieten können, sagte Hirsch. Stattdessen kündige der Vorstand betriebsbedingte Kündigungen an. Der von Spohr beklagte Zeitverlust sei allein einer fahrlässigen oder gar beabsichtigten Verzögerung durch die Konzernspitze geschuldet.

          Hirsch bestreitet nicht, dass gerade der für die Lufthansa besonders wichtige Interkontinentalverkehr noch immer weitgehend am Boden liegt. Auch die Prognose, dass nicht vor 2024 mit einer Erholung des Luftverkehrs auf das Niveau von vor der Corona-Krise zu rechnen sei, bezweifelt er nicht. Umso weniger sei nachvollziehbar, dass das Management nicht längst Ausstiegslösungen für Mitarbeiter vorgelegt habe. Es sei zu befürchten, dass das Management auf die weniger sozialverträgliche, dafür aber womöglich billigere Lösung betriebsbedingter Kündigungen setze.

          Ufo-Geschäftsführer Nicoley Baublies äußerte am Donnerstag, er sei „entsetzt über das Managementversagen bei der Lufthansa“. Gute, weil für alle tragbare Verhandlungsergebnisse, scheiterten daran, dass die Verhandlungsführer am Ende keine Entscheidungsbefugnis hätten und alles von der Konzernleitung „absegnen lassen müssten“. Auch sehr kompetente Manager agierten quasi auf Sachbearbeiterniveau, was rasche Lösungen verhindere und wertvolle Zeit koste. Cockpit-Sprecher Janis Schmitt sagte der Wirtschaftsagentur Reuters, es sei kontraproduktiv, betriebsbedingte Kündigungen anzukündigen, während man verhandle.

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