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Apotheker über Impfpass : „Wir wurden wieder überrumpelt“

Digitalisierungsexperten: Apotheker händigen ihren Kunden die Unterlagen für den digitalen Impfpass aus. Bild: Lakuntza, Nerea

Seit Montag schieben Apotheker öfter Papier über den Tresen als Pillen. Für den digitalen Impfpass gibt es zwar Geld, sie sind dennoch verärgert.

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          Sichtlich erfreut und mit mehrfachen Dankesbekundungen verabschiedet sich der ältere Herr. Soeben hat ein junger Mitarbeiter einer Apotheke in Sachsenhausen ihm seine beiden Blätter mit den QR-Codes für den digitalen Impfpass ausgehändigt und genau erklärt, wie er diese auf sein Smartphone laden kann. Das junge Mädchen, das bei der Mitarbeiterin am Donnerstag nebenan ihre Impfungen registrieren lassen möchte, wird gebeten, sich zu gedulden. Die Mitarbeiterin fotokopiert den Impfpass und den Ausweis der Siebzehnjährigen und sagt ihr, sie könne den digitalen Impfausweis voraussichtlich am folgenden Montag oder Dienstag abholen. Alle, die hier mit demselben Ziel anstehen, danken anschließend freundlich für die Dienstleistung der Apotheke. Eine Frau, die auch nur das Zertifikat wollte, kauft noch eine feine Handcreme: „Schließlich soll die Apotheke ja auch etwas verdienen.“

          Patricia Andreae
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei wird der Service der Apotheke von der Bundesregierung vergütet. 18 Euro erhält sie für die Registrierung der Erstimpfung, weitere sechs Euro für die zweite. Auf die Frage, ob der digitale Impfpass ihm die Kassen füllt und er dem Bundesgesundheitsminister ein Denkmal setzen möchte, reagiert Holger Seyfarth aber nur mit höhnischem Gelächter. Jens Spahn würden die hessischen Apotheker sicher kein Denkmal bauen, das ist aus Seyfarths Worten deutlich herauszuhören. Das, was ihnen die Gesundheitspolitik aufbürde, sei nur noch mit Ironie zu ertragen, sagt der Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbands, der selbst in Frankfurt drei Apotheken betreibt, der F.A.Z.

          Am Montag kam der Ansturm

          „Der Minister beschließt, und über Nacht sollen wir es hinkriegen“, fasst Seyfahrt den Frust zusammen. So sei es mit der Ausgabe der Masken gewesen, mit der Beschaffung des Impfstoffs, mit dem Testen und nun mit den Impfpässen. Am vergangenen Freitag um 18.20 Uhr seien beim Verband die Instruktionen eingegangen. Und am Montag kam der Ansturm.

          Ob er nun insgesamt 24 Euro für das Ausstellen des digitalen Impfpasses bekomme oder demnächst nur noch zwölf, wie diskutiert wird, sei da schon fast sekundär. Kostendeckend sei das Ganze ohnehin nicht. Schließlich müsse man die Zeit, die Mitarbeiter mit Gesprächen am Tresen verbringen, beim Eingeben der Daten und vor allem mit den vielen telefonischen Nachfragen auch einkalkulieren. Weil sich die Ärzte gewehrt und gesagt hätten, sie könnten das Ausstellen der digitalen Impfpässe nicht auch noch übernehmen, weil sie schon impfen müssten, habe man es einfach den Apothekern aufgebürdet, so Seyfarth.

          Umgekehrt würden die Apotheker den Ärzten gerne einen Teil der Impfungen abnehmen. „Wenn man uns einbezogen hätte, wären wir längst durch“, meint der Verbandschef. In anderen Ländern sei es schon lange Usus, dass in Apotheken geimpft werde. Zumindest für Grippe-Impfungen gibt es dazu auch schon Modellprojekte in Deutschland, Angaben des Apothekerverbands zufolge etwa gab es solche in der Impfsaison 2021/21 in vier Bezirken für die dortigen AOK-Versicherten. Dazu gehörten Nordrhein, Bayern, Saarland und Niedersachsen. In Westfalen-Lippe, Baden-Württemberg, Berlin und Hessen seien Modellprojekte für die bevorstehende Impfsaison 2021/22 geplant.

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          Das Impfen in der Apotheke werde nach den ersten Erfahrungen hervorragend angenommen, so Seyfarth, schließlich seien Apotheken für fast jeden gut erreichbar und zudem viel länger geöffnet als Arztpraxen, sogar am Samstag. Darüberhinaus seien die Apotheker schließlich auch dafür ausgebildet. Voraussetzung für den Einstieg bei den Corona-Impfungen sei aber natürlich, dass es genügend Impfstoff gebe.

          Die Institutionen des Vertrauens

          Um den Standpunkt seiner Branche zu verdeutlichen, sagt Seyfarth eher scherzhaft: „Wir könnten das Ausstellen der Impfpässe ja zum 1. Juli einstellen und schauen, was passiert.“ Dass das nicht geschehen werde, sei klar: „Wir schicken keinen weg!“ Schließlich seien Apotheken in ihrem Umfeld Institutionen des Vertrauens, auf die man sich verlassen könne.

          Doch eigentlich könnten das Ausstellen der digitalen Impfpässe auch andere übernehmen, meint Seyfarth, beispielsweise die Krankenkassen, die ja auch überall Niederlassungen hätten. „Oder am besten die Versandapotheken“, sagt Seyfahrt mit hörbarer Süffisanz.

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