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Absatzkrise : Hessische Chemie schließt Entlassungen nicht mehr aus

Die Hessische Chemie, hier der Industriepark Frankfurt-Griesheim, statt schon leichtere Zeiten erlebt als diese Bild: Anna Mutter

Wegen der anhaltenden Absatzkrise schließt Hessens Chemieindustrie Entlassungen in diesem Jahr nicht mehr aus. 40 Prozent der Betriebe erwägen die Verringerung ihrer Stammbelegschaften ab dem Sommer, falls sich die Lage nicht bessert. Allerdings wollen 15 Prozent der Firmen weiter einstellen.

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          Was für ein Wendepunkt: Bis in den Oktober hinein sind die Geschäfte der hessischen Chemieindustrie erfreulich verlaufen, nachdem die Unternehmen in den Monaten zuvor im Durchschnitt um einen einstelligen Prozentsatz gewachsen waren. Doch dann trat etwas ein, das die Branche so noch nicht erlebt hat. „Von einem Tag auf den anderen war es wie abgeschaltet“, sagt Bernd Reckmann im Rückblick. Ein Auftrag nach dem anderen sei storniert worden. Die Folge: Die Chemieindustrie hat im vergangenen Jahr nur 0,1 Prozent mehr umgesetzt als 2007. So summierten sich die Erlöse auf 21,4 Milliarden Euro, wie Reckmann als Vorsitzender des Verbands der Chemischen Industrie Hessen berichtete. Mit diesem Mini-Plus blieb die Branche hinter dem Bund zurück. Deutschland erzielte die chemische Industrie einen Zuwachs von 1,1 Prozent. Und für dieses Jahr stimmt die hessische Chemie Molltöne an.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mehr als eine Stagnation erwarten die Unternehmen nicht, wie Reckmann unter Berufung auf eine Umfrage sagte. Vielfach wird demnach angesichts rückläufiger Aufträge sogar von sinkenden Umsätzen die Rede sein. Angesichts der Absatzkrise, die auch und gerade mit den Schwierigkeiten in der Autoindustrie zusammenhängt, die viele Chemieprodukte verarbeitet, lässt ein Drittel der Branchenvertreter schon kurzarbeiten. Ein knappes Drittel der Betriebe wolle dieses Mittel stärker nutzen, erläuterte Reckmann. Dies wertet der Chemie-Vorstand des Merck-Konzerns in Darmstadt als positiv. „Die Unternehmen haben die Absicht, ihre Stammbelegschaften zu halten.“

          „Phantastisches Hilfsmittel in der Krise“

          Reckmanns Stellvertreter Klaus Hoffmann bezeichnete Kurzarbeit als „phantastisches Hilfsmittel in der Krise“, das Deutschland anderen Ländern voraus habe. Außerdem nutzen Unternehmen die Möglichkeit, die Wochenarbeitszeit von regulär 37,5 auf 35 Stunden ohne Lohnausgleich zu senken. Gleichwohl schließen 40 Prozent der Firmen Entlassungen für den Fall, dass sich die Nachfrage nicht belebt, nicht mehr aus, wie Reckmann sagte.

          Die relative Schwäche der hessischen Chemie im bundesweiten Vergleich der Branche erklärte der Verbandschef mit dem hohen Anteil an Unternehmen, die Produkte für die Autoindustrie herstellen: „Jedes Auto, das nicht gebaut wird, macht sich bemerkbar.“ Fast wortgleich hatte sich der Branchenvertreter Clariant zu Anfang Februar bei der Einführung von Kurzarbeit in Frankfurt und Wiesbaden geäußert. Die unterdurchschnittliche Entwicklung der hessischen Chemie, die für gut 12 Prozent des Gesamtumsatzes und knapp ein Siebtel der Beschäftigten der deutschen Chemieindustrie steht, sieht der Landesverband mit Sorge.

          Die Talfahrt fiele jedoch heftiger aus, wenn es in Hessen nicht soviele Arzneimittelhersteller gäbe. Denn die Pharmaindustrie steuert zu den Umsätzen der hessischen Chemie gut die Hälfte bei und meldet im Durchschnitt stabile Erträge. Dass die Bad Vilbeler Stada AG zu Wochenbeginn einen Umsatzrückgang um zwölf Prozent seit Jahresbeginn meldete, ändert daran im Grundsatz nichts. Denn Stada leidet, wie Reckmann erläuterte, unter dem Preisdruck bei Nachahmerarzneien, der etwa von den Rabattverträgen mit den Krankenkassen ausgeht.

          Mehr Pharma-Beschäftigte

          Den Arzneimittelherstellern ist nach seinen Worten im Wesentlichen auch der Stellenzuwachs im vergangenen Jahr um 0,4 Prozent auf gut 57.500 zu verdanken, wobei Kunststoffhersteller sowie Dienstleister von Chemie- und Pharmafirmen in der Statistik generell nicht mitgezählt sind. Die Arzneimittelhersteller beschäftigten zum Jahresende 29.277 Frauen und Männer, 1,2 Prozent mehr als vor Jahresfrist. In diesem Punkt hatte Hessen im deutschlandweiten Vergleich die Nase vorn, denn im Bund nahm die Zahl der Arbeitsplätze in der Pharmabranche nur um 0,1 Prozent zu, wie Reckmann weiter sagte.

          Trotz der allgemein trüben Aussichten hatte er auch gute Nachrichten parat: 15 Prozent der Chemieunternehmen planten mit zusätzlichem Personal, vor allem solche, die Produkte für Kosmetika und Medikamente herstellten.
          An die Adresse der Landesregierung gerichtet forderte Verbandsvize Hoffmann einen weiteren Bürokratieabbau. Zudem solle das Land dafür sorgen, dass vom Kindergarten bis zur Mittelstufe mehr Naturwissenschaften gelehrt würden.

          Biosprit und Viehfutter stärken den Umsatz von Weyl-Chem

          Stimmen wie diese sind in der hessischen Chemieindustrie in diesen Tagen dünn gesät: „Wir kämpfen schon, das aber relativ erfolgreich“, sagt Georg Weichselbaumer. Aus seinem eher schlicht eingerichteten Büro im Industriepark Frankfurt-Griesheim steuert er die Geschäfte der Weyl-Chem GmbH. Das Unternehmen betreibt auf dem früheren Gelände der Hoechst AG an der Stroofstraße drei Produktionsbetriebe und im Industriepark Höchst zwei weitere. Im Gegensatz zu anderen Chemiefirmen spürt Weyl-Chem kaum etwas von der Absatzkrise in der Branche, die zu den tragenden Säulen der Wirtschaft im Rhein-Main-Gebiet zählt.

          Der Grund: Die Betriebe, die bis 2007 noch zum Clariant-Konzern gehörten, stellen vor allem Vorprodukte für Agrarchemikalien sowie Pflanzenschutzmittel her. Andere Chemiefirmen wie Clariant, Celanese und Allessa in Frankfurt oder Ticona in Kelsterbach produzieren Kunststoffe oder Pigmente für die Automobilindustrie, die mit einer Absatzkrise kämpft, auch wenn der Februar in Deutschland dank Abwrackprämie erfreulich war. Die Nachfrage nach Pflanzenschutzmitteln hängt davon ab, welche Erzeugnisse die Landwirtschaft auf der Welt gut verkaufen kann. Laut Weichselbaumer hat das Unternehmen zum einen vom vermehrten Anbau von Zuckerrohr und Mais in Amerika, Brasilien und auch Europa profitiert - eine Folge der gestiegenen Nachfrage nach Kraftstoffen aus nachwachsenden Quellen.

          Zum zweiten sei der Nahrungsmittelbedarf in China geklettert. Dort werde mehr Fleisch gegessen als früher. Dies habe zu vermehrtem Anbau von Futtergetreide geführt und zu einem höheren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Dem Unternehmen Weyl-Chem kommt drittens zupass, dass manche dieser Agrarchemikalien nicht nur Pflanzenschädlinge bekämpfen, sondern gleichzeitig die Ernteerträge merklich steigern: „Und für diese Wirkstoffe liefern wie Rohstoffe“, sagt der Geschäftsführer. Weyl-Chem hat 270 Mitarbeiter, entwickelt Produkte gemeinsam mit Kunden und erzielt im Jahr einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro.

          Den Marktanteil beziffert Weichselbaumer nicht. Das Unternehmen sieht sich aber als einer der weltweit großen Drei auf den Gebiet der Hersteller von Vorprodukten für Pflanzenschutzmittel. Und: „Wir verdienen Geld“, hebt der Geschäftsführer hervor. Wenn die Wirtschaftskrise länger dauere, „wird es auch uns erwischen“, sagt er. Doch blickt er vorsichtig optimistisch auf den weiteren Jahresverlauf. Für 80 Prozent des geplanten Umsatzes stehen die Aufträge in den Büchern. (thwi.)

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