https://www.faz.net/-gzg-9o7h7

Frankfurt und die Fahrräder : Wirtschaft vermisst Verkehrskonzept

Keine einfache und sichere Angelegenheit: Fahrradfahren in Frankfurt Bild: dpa

Vertreter von Wirtschaftsverbänden werfen Frankfurt vor, den Fahrradverkehr zu bevorzugen. Interessen der Wirtschaft würde die Einigung mit der Initiative Radentscheid ignorieren.

          Handel, Handwerk und die Wirtschaft insgesamt haben die Einigung der Römerkoalition mit der Initiative Radentscheid auf einen Umbau Frankfurts zur Fahrradstadt als „verpasste Chance“ bezeichnet. Die Gespräche seien ohne Beteiligung der Wirtschaft geführt worden. Dabei habe insbesondere das Handwerk wiederholt auf ein Gespräch gedrängt und „die dringliche Notwendigkeit eines Gesamtverkehrsplans für Frankfurt/Rhein-Main deutlich gemacht“, teilte Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt/Rhein-Main, mit. Er vertritt nach einen Angaben die Interessen von 153.000 Handwerkern in der Region.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Die Frankfurter Verkehrspolitik sollte sich mehr an einem funktionierenden Verkehr als an der Bevorzugung einzelner Verkehrsmittel orientieren“, äußerte der Frankfurter Industrie- und Handelskammerpräsident Ulrich Caspar. Die Bedeutung des Radverkehrs werde von der Wirtschaft nicht gering geschätzt. Mit Blick auf seine Bedeutung für die Mobilitätsanforderungen von Stadt und Region, insbesondere ihrer Wirtschaft, sollte der Radverkehr jedoch „mit Augenmaß entwickelt werden“.

          Vor allem müsse die Leistungsfähigkeit der Hauptverkehrsachsen erhalten bleiben und diese nicht stark beschnitten werden, wie es die Pläne der Stadt nun vorsähen. „Das ist für die Erreichbarkeit der Unternehmen bedenklich“, sagte Caspar. Und zwar für die eigenen Transporte, ihre Lieferanten und Kunden, aber auch für ihre Mitarbeiter. Schließlich kämen 65Prozent der Beschäftigten in Frankfurt aus dem Umland. Das sind nach Angaben von Caspar 370.000 Pendler. Nach Schätzungen der Stadt nutzen davon etwa 200.000 das Auto. Caspar fordert deshalb im Namen der Industrie- und Handelskammer ein von Stadtregierung erarbeitetes integrierendes Verkehrskonzept. Ehinger bekräftigt, dass ein „wirkliches Verkehrskonzept der Zukunft“ gebraucht werde, das davon lebe, dass es gemeinsam gedacht und getragen werde.

          Alleinige Stärkung des Radverkehrs reiche nicht

          Auch Joachim Stoll, Sprecher des Handelsverband für Frankfurt, ist der Auffassung, dass eine alleinige Stärkung des Radverkehrs nicht ausreicht, zumal die Mitnahme des Fahrrads im Öffentlichen Nahverkehr kaum möglich sei. Zum urbanen Gefühl in einer Großstadt wie Frankfurt gehöre natürlich auch der Verkehr und zwar „in all seinen Facetten und mit allen Antriebsformen“. Schon jetzt stelle die Belieferung der Geschäfte in der Innenstadt wie in den Stadtteilen die Logistiker vor immense Herausforderungen. „Da müssen, insbesondere auf der letzten Meile, neu angepasste Konzepte erarbeitet werden“, fordert Stoll. Für die Mitarbeiter des Einzelhandels, also für Klein- und Mittelbetriebe, fehle es an Jobticket-angeboten. Nach Auffassung Stolls ist ein „übergreifendes Mobilitätsleitbild notwendig, um den Handelsstandort Frankfurt zu stärken“.

          Die Pläne der Stadt, mehr und breitere Radwege insbesondere auf den Hauptverkehrsstraßen wie der Bockenheimer und der Friedberger Landstraße sowie der Schweizer Straße zu bauen, sieht auch die FDP-Fraktion im Römer kritisch. Es sei grundsätzlich richtig, eine deutliche Verbesserung für den Radverkehr herbeizuführen, sagte FDP-Fraktionschefin Annette Rinn. Es sei offensichtlich, dass eine große Zahl von Frankfurtern Wert darauf lege, das Radfahren angenehmer und vor allem sicherer zu machen. Doch laut Rinn muss sichergestellt sein, dass „der Auto- und insbesondere der Wirtschaftsverkehr weiterhin funktioniert“. Es sei bedauerlich, dass weder die Handwerkskammer, noch die Industrie- und Handelskammer in die Gespräche unter der Federführung von Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) eingebunden gewesen seien.

          Die AfD-Fraktion warnt vor „einseitigen und deshalb eventuell unzureichend durchdachten Maßnahmen“ auf Kosten des Autoverkehrs. Und verweist auf eine Aussage des noch amtierenden CDU-Fraktionschef Michael zu Löwenstein vom Februar dieses Jahres, als dieser darauf hinwiesen habe, dass der größte Teil der Pendler mit dem Auto nach Frankfurt einfahre. Löwenstein habe damals betont, dass es „nicht einfach nur lästig sei, mehr Staus als notwendig zu produzieren, sonder auch schädlich, und zwar für uns alle hier in Frankfurt“. Denn ohne die Steuereinnahmen, die diese Pendler erwirtschafteten, so Löwenstein damals, könne das Stadtparlament all das, was es beschließe, nicht bezahlen. Die AfD-Fraktion im Römer fordert deshalb mit Augenmaß zu handeln und warnt vor einer „überstürzten Verkehrswende“.

          Weitere Themen

          Tiere und Sexual Power

          Ausstellung im MMK : Tiere und Sexual Power

          Zwischen Tugend und Ausschweifung. Im Frankfurter MMK hat die Chefin eine besondere Ausstellung kuratiert. Sie heißt schlicht „Museum“. Es geht um Tiere um Sexual Power.

          Topmeldungen

          Nach Unwettern : Verkehr in Teilen Deutschlands gestört

          Ein starkes Unwetter sorgt in Teilen Deutschlands für Störungen und Ausfälle im Bahnverkehr. Auch auf vielen Autobahnen gibt es massive Behinderungen. Am Frankfurter Flughafen wird die Abfertigung zwischenzeitlich eingestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.