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Rhein-Main : Wirtschaft plädiert für Toleranz und Zuwanderung

„Die begreifen es offenbar nicht“: Unternehmer Claus Wisser (hinten) über die „Pediga“-Demonstranten Bild: Wonge Bergmann

Unternehmer, Kammern und Verbände in der Region wissen es längst: Ohne Migration in Richtung Deutschland geht, auch wenn „Pegida“ es anders sieht, künftig nicht mehr viel.

          Das Ausland ist längst aufmerksam geworden auf die unter dem Namen „Pegida“ teils bis zur offenen Fremdenfeindlichkeit gesteigerte Aversion mancher Bundesbürger gegen Veränderungen. Zwar legen die Teilnehmerzahlen entsprechender Demonstrationen den Schluss nahe, dass das kein in ganz Deutschland gleichermaßen verbreitetes Phänomen ist, schon gar nicht in Rhein-Main. Trotzdem bezieht die Wirtschaft der Region Stellung, ergreifen Manager, Unternehmer, Kammern und Verbände aus Frankfurt und Rhein-Main das Wort, um für Internationalität und Toleranz zu werben. „Deutschland ist seit Jahren ein Einwanderungsland, und es lebt gut damit. Deutschland braucht sogar noch viel mehr Einwanderung in den nächsten Jahrzehnten“, sagt Mathias Müller, Präsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Denn anders sei den Effekten einer schrumpfenden Bevölkerungszahl und gleichzeitig steigender Nachfrage nach Fachkräften nicht erfolgreich entgegenzuwirken. Flüchtlinge sollten in Deutschland schon aus humanitären Gründen immer willkommen sein, abgesehen davon, sei es auch noch ökonomisch schlicht zweckmäßig, Männer und Frauen aus dem Ausland zu gewinnen, resümiert Müller.

          Wisser ohne Verständnis „Pegida“

          Claus Wisser, Unternehmer und Gründer der Wisag-Gruppe, die inzwischen rund 40.000 Mitarbeiter zählt, davon viele mit ausländischen Wurzeln, weiß, dass vieles in Deutschland ohne Internationalität und Zuwanderung gar nicht mehr ginge: „Wir haben mit Internationalität nie ein Problem gehabt. Im Gegenteil, wir sind im Unternehmen auf sie angewiesen“, sagt er. Der Selfmademan kann die Leute, die sich vor allem in Dresden montags versammeln, nicht verstehen: „Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass es so viele Mitbürger gibt, die unter der Überschrift ,Pegida‘ dagegen protestieren, sie begreifen das offenbar nicht.“

          Mit Blick auf die Terrorgefahr durch islamischen Extremismus sieht er aber auch die Migranten in der Pflicht: Sie müssten einschreiten, wenn sie bemerkten, dass sich jemand radikalisiere. Dann sei es ihre Pflicht, zu alarmieren und Einfluss zu nehmen. Sie dürften nicht wegschauen. Zugleich empfindet es Wisser als „beschämend“, dass Deutschland „nur so wenige Flüchtlinge aus Syrien“ aufnehme.

          „Aus Flüchtlingen werden Kollegen und Freunde“

          „Aus Flüchtlingen, Asylanten und Einwanderern werden Arbeitnehmer, aus Arbeitnehmern werden Kollegen, aus Kollegen Freunde“, fasst Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, seine Sicht der Dinge zusammen. Für ihn ist gerade die Arbeit der Schlüssel zur erfolgreichen Integration. Abgesehen davon, seien die Unternehmen und die Sozialsysteme in Deutschland auf Zuwanderung angewiesen. Fremdenfeindlichkeit wie auch Integrations-Unwilligkeit beschädigten hingegen die Werte der freien und offenen Gesellschaft, das sei inakzeptabel.

          „Der Flughafen lebt von seiner Internationalität“, sagt Stefan Schulte, Vorstandschef der Fraport AG. „Das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten und der Austausch mit verschiedenen Kulturen ist ein Gewinn für Deutschland und für jeden einzelnen Bürger“, ist er sich sicher. Und dieser Austausch müsse weiter gefördert werden.

          „Frage des Glaubens darf keine Rolle spielen“

          Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main und selbst international tätiger Unternehmer, hebt hervor, dass man Positionen, die die freiheitlich-demokratische Grund- und Werteordnung nicht akzeptierten, entschieden entgegentreten müsse. Auch er ist der Überzeugung, dass Internationalität und Migration schon aus volkswirtschaftlicher Sicht für Deutschland und besonders für die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main notwendig seien, um weiter gut ausgebildete Fachkräfte zu haben. „Die Frage des Glaubens eines Einzelnen darf dabei in einer globalisierten Welt keine Rolle spielen“, sagt Ehinger.

          Handwerksunternehmer suchten Nachfolger und Auszubildende. Dabei sei es nicht wichtig, woher jemand komme, sondern, was jemand bereit sei zu leisten. „Das Handwerk ist und fühlt international“, hebt Ehinger hervor und stützt die Aussage mit Zahlen: 2013 hatten rund 15 Prozent der im Kammerbezirk tätigen 10.000 Auszubildenden einen ausländischen Pass. Die Zahl der jungen deutschen Handwerker mit ausländischen Wurzeln sei nicht genau zu beziffern, aber ganz sicher noch sehr viel höher. Der Handwerkspräsident weist zudem darauf hin, dass inzwischen in rund 14 Prozent aller Handwerksbetriebe der Inhaber aus einem der EU-Beitrittsländer stamme.

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