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Wirtschaft in Frankfurt : Und wieder verschwindet ein vertrauter Name

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Wieder verschwindet ein vertrauter Name: Wie viele andere Traditionsunternehmen in Frankfurt ist nun auch Neckermann Geschichte. Bild: dapd

Viele Traditionsunternehmen Frankfurts sind Geschichte. Mit Neckermann wird ein weiteres abgewickelt. Trotzdem hat die Stadt so viele Erwerbstätige wie nie zuvor

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          mak. frankfurt. Nun also Neckermann. Von heute an wird das 1950 gegründete Versandhaus abgewickelt, das Gros der Mitarbeiter wird sich arbeitslos melden. Neckermann - das war eine jener aufregenden Geschichten aus der Wirtschaftswunderzeit, in der alles möglich schien. In seinen besten Jahren unterhielt der Versender gar ein Kaufhaus an der Zeil. Neckermann und Frankfurt, das war eins, so wie auch Hoechst, die Metallgesellschaft, die Degussa und Philipp Holzmann zum ehernen Bestand der Stadt zu zählen schienen, die AEG, die Adlerwerke, Hartmann & Braun, die Naxos-Union und die Brönnersche Druckerei nicht zu vergessen oder die Dresdner Bank.

          Doch sie alle sind längst Geschichte. In anderen Unternehmen aufgegangen, aufgelöst, abgewickelt. Ein Grund für Wehmut, sicherlich. Aber auch ein Anlass zu Sorge? Schon weniger. Denn so schlecht kann es nicht laufen in der Stadt, wenn die Zahl der Erwerbstätigen im vergangenen Jahr mit 627000 so hoch war wie nie zuvor. Längst ist der Niedergang zu Beginn der neunziger Jahre, als die Zahl von 576000 auf 549000 fiel, mehr als wettgemacht. Nach einem neuerlichen Rückgang zu Beginn des neuen Jahrtausends geht es seit 2005 nur noch aufwärts, sogar über die Wirtschaftskrise 2009 hinweg.

          Alte verschwinden, neue entstehen

          Denn gleichzeitig mit dem Verschwinden der alten Namen sind neue Unternehmen entstanden. Aus einem kleinen Flughafen am Rande der Stadt wurde die größte Arbeitsstätte Deutschlands mit mehr als 70000 Arbeitsplätzen. Die großen Fondsanbieter, Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften beschäftigen Tausende.

          Die boomenden Unternehmen von heute tragen nicht mehr den Namen ihres Gründers, sie heißen Crytek oder Deck13, wie sich zwei Computerspiele-Entwickler nennen, sie verbergen sich hinter Kürzeln wie KfW und KPMG oder seltsamen Bezeichnungen wie Interxion, De-Cix und Denic, worunter ein Rechenzentrumsbetreiber, ein Internetknoten und der Verwalter deutscher Internetadressen zu verstehen sind.

          Das eigentliche Wirtschaftswunder Frankfurts

          Dass der gewaltige Aderlass der alten Industrie, der Wegzug zahlreicher Verbände nach Berlin, auch der Umzug der Deutschen Bahn dorthin durch den Aufbau von Arbeitsplätzen in neuen Unternehmen, wenn auch mit weniger klingenden Namen, stets ausgeglichen wurde, muss als das eigentliche Wirtschaftswunder Frankfurts gelten. Richtig ist, dass neue Adressen oft nur Niederlassungen internationaler Konzerne sind.

          Aber auch ein inzwischen als Frankfurter Urgestein angesehenes Kreditinstitut wie die Deutsche Bank (tatsächlich kam sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg) hat in der Mehrzahl ausländische Eigner, Kunden und Mitarbeiter. Wer weiß schon, welche hoffnungsvolle Geschichte demnächst auf dem bisherigen Neckermann-Gelände ihren Anfang nehmen wird.

          Hoechst: Im Stammwerk noch heute 2200 Beschäftigte

          Wenn das Rhein-Main-Gebiet einst die Apotheke der Welt genannt wurde, so lag es vor allem an der Farbwerke Hoechst Aktiengesellschaft, vormals Meister Lucius & Brüning, wie das Unternehmen seit 1880 hieß. 1925 in der I.G. Farbenindustrie AG aufgegangen und 1951 als Farbwerke Hoechst neu gegründet, zählte das Werk im Stadtteil Höchst über Jahrzehnte zu den größten Arbeitgebern Frankfurts. In den neunziger Jahren kam es zu einem weitreichenden und bis heute umstrittenen Umbau. Das Chemiegeschäft wurde in Unternehmen namens Clariant und Celanese ausgegliedert, die auf die Pharmazie reduzierte Hoechst AG fusionierte mit Rhône-Poulenc aus Frankreich zu Aventis, woraus später Sanofi wurde. Dass heute noch 22000 Menschen in 90 Unternehmen auf dem Gelände des früheren Stammwerks in Höchst arbeiten, hat sich in Frankfurt niemals recht herumgesprochen. In Leverkusen und Ludwigshafen wird man sich glücklich schätzen, dass Bayer und BASF solche Turbulenzen erspart blieben.

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