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Schwache Verkehrsinfrastruktur : „Ohne Masterplan geht es nicht“

  • -Aktualisiert am

Verkehr entzerren: Die Wirtschaft plädiert für ein Netz von Radweg-Hauptstraßen in Frankfurt. Bild: Diana Cabrera Rojas

Handwerk und Industrie fordern für Frankfurt eine Verkehrspolitik aus einem Guss – zum Wohl der Wirtschaft, der Bürger und der Umwelt.

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          Die Industrie- und Handelskammer Frankfurt und die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main haben einen Masterplan „Verkehrsinfrastruktur und Mobilität“ für Frankfurt gefordert. Schon jetzt seien alle Verkehrswege zu den Stoßzeiten stark überlastet, gleichzeitig steige die Zahl der in der Stadt lebenden und arbeitenden Menschen weiter, heißt es in einem gemeinsamen Positionspapier der beiden Kammern. Wenn die Kapazitätsengpässe in der Verkehrsinfrastruktur nicht abgebaut würden, verliere der Wirtschaftsstandort einen strategischen Vorteil im härter gewordenen Wettbewerb, mit weitreichenden Folgen: Unternehmer könnten ihre Standortwahl überdenken, in Stadt und Region drohten Arbeitsplatzverluste.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ran an die Arbeit, liebe Politik“, appellierte Handwerkskammerpräsident Bernd Ehinger am Freitag. „Wir brauchen strategische Konzepte statt unzureichende Feldversuche“, fügte er mit Blick auf die temporäre Sperrung des nördlichen Mainufers für Kraftfahrzeuge und die geplante Reduzierung der Autofahrspuren auf der Friedberger Landstraße zugunsten der Radfahrer hinzu. Frankfurt benötige nicht mehr und nicht weniger als eine visionäre Politik, von der alle Verkehrsmittel profitierten. „Es bringt nichts, über Einzelheiten zu diskutieren, wenn man nicht weiß, wo man hinwill.“

          „Verkehrsmittelübergreifende Strategie“

          IHK-Präsident Ulrich Caspar verlangte spätestens in zwei bis drei Jahren eine an Fakten und Bedarf orientierte Verkehrsplanung statt des bisherigen „Flickenteppichs unkoordinierter Einzelmaßnahmen“. Caspar plädierte für eine „verkehrsmittelübergreifende Strategie“, vom Fahrrad, über Auto, Bus und Bahn bis hin zum Lastwagen. Die Verkehrsströme müssten analysiert und besser verzahnt, die Verkehrswege optimiert und ausgebaut werden. Die Datenbasis des aktuellen Generalverkehrsplans stamme noch aus den späten neunziger Jahren, also aus einer Zeit, in der man bestenfalls von einer Stagnation der Bevölkerung ausgegangen sei. Kritik äußerte der frühere CDU-Landtagsabgeordnete Caspar in diesem Zusammenhang an Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD), der „über Jahre die Hausaufgaben nicht gemacht“ habe. Die Verkehrsplanung basiere vor allem auf Verboten statt auf Angeboten.

          40 Prozent der Kunden kämen mit dem Auto in die Innenstadt und sorgten dort für 60 Prozent des Gesamtumsatzes, berichtete Caspar. Deshalb sei es bedauerlich, dass das Parken in der City immer teurer werde und dass es an unentgeltlichen Kurzzeitparkplätzen mangele. Kein Wunder, so Caspar, dass die Zeil inzwischen nur noch auf Platz fünf der umsatzstärksten Einkaufsmeilen in Deutschland rangiere. Der Einzelhandel leide enorm unter dieser Entwicklung.

          Deutlich zu wenig Park-and-ride-Plätze in Frankfurt

          IHK und Handwerkskammer vertreten zusammen rund 150.000 Mitgliedsbetriebe und mehr als eine Million Arbeitnehmer im Ballungsraum Rhein-Main. Nichts beschäftige die Mitglieder der beiden Kammern mehr als die zunehmenden Defizite bei der Verkehrsinfrastruktur in der Region, sagte Ehinger. Er hoffe deshalb, dass die Verkehrspolitik eines der zentralen Themen des Kommunalwahlkampfs im nächsten Jahr sein werde.

          Caspar wies darauf hin, dass Frankfurt mit täglich knapp 390.000 von auswärts in die Stadt kommenden Menschen die „Pendlerhauptstadt“ Deutschlands sei. Aber nur für ein Prozent dieser Personen stünden bisher Park-and-ride-Plätze an U- und S-Bahnstationen zur Verfügung. Erforderlich seien nach Einschätzung von IHK und Handelskammer Stellplätze für mindestens zehn Prozent der Pendler. Beklagenswert sei auch der Zustand vieler Industriestraßen, beispielsweise am Osthafen. Ein sicherer und störungsfreier Warentransport werde durch Schlaglöcher erschwert.

          Zu einem leistungsfähigen Verkehrsnetz gehörten aber auch gute Radwegeverbindungen. Jeder Radfahrer sorge für Entlastung beim Autoverkehr und bei der Luftverschmutzung, aber nicht jeder könne mit dem Fahrrad zum Arbeitsplatz oder zum Einkaufen gelangen. Um den Verkehrsfluss insgesamt zu verbessern, schlagen die beiden Kammern ein Netz von Radweg-Hauptstraßen abseits der wichtigsten Autostraßen vor. So könnten Radler beispielsweise über den Kettenhofweg statt über die Bockenheimer Landstraße, über die Frankenallee statt über die Mainzer Landstraße und über die Rotlintstraße statt über die Friedberger Landstraße geführt werden.

          Nicht zuletzt setzen die Kammern auf moderne Technik. Mit deren Hilfe könnten etwa Fahrspuren von Hauptverkehrsachsen je nach Tageszeit und Verkehrsaufkommen freigegeben oder gesperrt, in ihrer Fahrtrichtung gewechselt oder mit Schnellfahrspuren versehen werden, so wie in anderen Städten bereits üblich.

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