https://www.faz.net/-gzg-qw0f

Wirtschaft : Die WM als Konjunkturprogramm für Rhein-Main

  • Aktualisiert am

Schlechter hätte die Generalprobe kaum werden können. Eine zögerliche Ministerin und störrische Gewerkschafter verhinderten, daß das kleine Fußball-Fest des Confederations Cups zu einem großen Fest für den Einzelhandel wurde.

          Schlechter hätte die Generalprobe kaum werden können. Eine zögerliche Ministerin und störrische Gewerkschafter verhinderten, daß das kleine Fußball-Fest des Confederations Cups vor wenigen Tagen zu einem großen Fest für den Einzelhandel wurde. Viel zu spät hob die Landesregierung die Ladenschlußregelungen wenigstens für Frankfurt auf, zu lange verhandelte Verdi über längere Öffnungszeiten in den Kaufhäusern, so daß Werbung für abendlichen Einkauf kaum möglich war. Und auch die Hotelmanager zeigten sich nach den vier Länderspielen im Frankfurter Stadion angesichts niedriger Übernachtungszahlen ernüchtert.

          Doch zur Fußball-Weltmeisterschaft im Juni und Juli 2006 soll alles besser werden. Glaubt man den Prognosen, so wird das Turnier zu einem Konjunkturprogramm für die zwölf Städte, in denen sich die Mannschaften messen. Am Wochenende sagte der Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer, die Wirtschaft der Hauptstadt werde 2006 dank der WM um 0,5 Prozent zusätzlich wachsen. Die Bundesagentur für Arbeit und der Deutsche Fußball-Bund glauben fest an 50000 zusätzliche Stellen in der Bundesrepublik während der Turnierwochen und wollen sich heute auf eine Zusammenarbeit bei der Stellenvermittlung verständigen. Damit übertreffen sie noch die Analysten der Postbank, die mit 40000 vorübergehend existierenden Arbeitsplätzen rechnen, von denen nach ihrer Studie überdies die Hälfte der Baubranche zuzurechnen ist. Diese Stellen fallen womöglich schon jetzt nach und nach wieder weg.

          Schon die nicht unerhebliche Spannweite zwischen diesen beiden Prognosen zeigt, wie schwer solche Vorhersagen sind. In Frankfurt hat sich denn auch bisher nur einer mit einer Zahl vorgewagt: Hans-Joachim Otto, Geschäftsführer der IHK Frankfurt, stellte im Mai die Behauptung auf, während der WM selbst sei in der Mainmetropole mit 10000 zusätzlichen Jobs zu rechnen, auf Dauer mit immerhin 1000 Stellen, weil sicherlich mehr Touristen Frankfurt entdecken würden. Obwohl sich Otto viel Kritik anhören mußte, wie er sagt, hält er an den Zahlen fest, die sich auf eine Studie der IHK München und auf Erfahrungen bei anderen Sportereignissen stützen.

          Die Standhaftigkeit mag Otto indes schon deshalb leicht fallen, weil er niemals den Beweis wird antreten müssen. Denn am Ende wird sich kaum nachhalten lassen, welche Arbeitsplätzen warum geschaffen wurden. Zu den positiven Effekten, die jetzt schon wirken, sind die Investitionen in Straßen und Bahnhöfe zu sehen, die sich nach Angaben des hessischen Wirtschaftsministeriums auf 45 Millionen Euro summieren. Als sicher darf auch gelten, daß Hotels, Restaurants und Gaststätten profitieren werden, ebenso Fluggesellschaften, Verkehrsbetriebe, Wachdienste und Unternehmen, die sich mit Marketing befassen. Und wenn nicht abermals Verdi-Funktionäre die Muskeln spielen lassen, könnte auch der krisengeschüttelte Einzelhandel einen kurzen Aufschwung erleben, sofern, diesmal rechtzeitig, die Ladenschlußregelungen aufgehoben werden.

          Doch ist stets Vorsicht angebracht. Bei einer IHK-Veranstaltung vor einigen Wochen war es ausgerechnet ein Vertreter des Frankfurter Flughafens, der der in Wirtschaftskreisen verbreiteten Einschätzung widersprach, die meisten ausländischen Gäste würden dort landen. In der Stadt am Main wird gerne übersehen, daß in der Zeit, in der hier über eine neue Landebahn nur geredet wurde, andere Flughäfen die Chance zu einem Ausbau ihrer Interkontinental-Verbindungen wacker nutzten. Außerdem muß, wer die wirtschaftlichen Folgen der WM berechnen will, auch gegenläufige Entwicklungen berücksichtigen - so könnte jemand, der einen Kongreß organisieren will, geneigt sein, WM-Städte während dieser Zeit zu meiden.

          So stürzen sich derzeit auch keineswegs alle Unternehmen der Region in WM-Vorbereitungen. Opel plant keinerlei Aktivitäten, wie ein Sprecher sagt. Vom Fußball habe man sich schon lange verabschiedet. Bei der Frankfurter Sparkasse wird sogar überlegt, in dieser Zeit weniger zu werben als sonst, weil die WM-Sponsoren ohnedies alle Aufmerksamkeit auf sich zögen. In der Apfelweinkelterei Heil denkt man über Aktionen in Supermärkten nach, während die Brauereigruppe Radeberger, vormals Binding, schlicht darauf hofft, daß mit der Spannung der Durst kommt.

          Opel und Radeberger hätten es allerdings auch nicht leicht, wollten sie die WM beim Marketing nutzen. Denn offizieller Auto-Sponsor der Fifa ist nun einmal Hyundai, und das Bier der WM soll Budweiser sein. Fifa-Anwälte werden darauf achten, daß niemand, der nicht zu den offiziellen Sponsoren zählt, einfach so mit der WM für sich wirbt. Wie zu hören ist, wird im Römer an einem Logo getüftelt, das den Fifa-Regeln genügt und zum Beispiel dennoch erlaubt, eine profane Fleischwurst zu einer WM-Wurst zu nobilitieren - wie auch immer das gehen soll.

          Ausgesprochen erwünscht ist die Mitarbeit der regionalen Wirtschaft an den Veranstaltungen, die in den Großstädten rund um die Leinwände geplant sind, auf denen die Spiele übertragen werden sollen. Die Stadt Frankfurt will darüber hinaus an Pfingsten 2006 eine aufwendige Show an den Hochhausfassaden organisieren, die alleine 3,5 Millionen Euro verschlingen wird. Mehr als die Hälfte der Summe soll bereits von Sponsoren zugesagt worden sein. Auch das Land plant ein Rahmenprogramm zur WM, bei dem Unternehmen mitmachen dürfen. Nur soll niemand denken, Stadt und Land arbeiteten Hand in Hand. Wer im Frankfurter Rathaus fragt, was er über die Wiesbadener Pläne wisse, bekommt als Antwort bestenfalls, "nur, was in der Zeitung stand". Die Frage, wie die Werbung um Geldgeber abgestimmt ist, läßt man dann wohl besser. MANFRED KÖHLER

          Weitere Themen

          Kein sicherer Hafen

          FAZ Plus Artikel: Seenotrettung : Kein sicherer Hafen

          Der Frankfurter Oberbürgermeister will, dass sich die Stadt bereit erklärt, aus Seenot gerettete Flüchtlinge grundsätzlich aufzunehmen. Doch die schwarz-rot-grüne Koalition ist sich nicht einig.

          Topmeldungen

          Johnson in Paris : Der eiserne Herr Macron

          Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.

          FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Kind oder Porsche

          Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist?
          Alaa S. am Donnerstag vor Gericht in Dresden

          Messerattacke auf Daniel H. : Lange Haftstrafe im Chemnitz-Prozess

          Im Prozess um den gewaltsamen Tod des 35-jährigen Daniel H. hat das Landgericht Chemnitz den Angeklagten Alaa S. zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Prozess fand aus Sicherheitsgründen in Dresden statt.

          Disney-Schauspieler in Kritik : Echte Menschen sind anstrengend

          Walt Disney macht aus Zeichentrick-Klassikern erfolgreich Realfilme. Mit der Auswahl der Schauspieler geben sich manche Zuschauer nie zufrieden. Aber wie sollen Menschen denn je einer Zeichentrickfigur entsprechen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.