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Adnan Maral spielt Kleist : Wir sind Kohlhaas

„Guten Abend, meine Freunde. Schön, dass ihr alle gekommen seid“: Adnan Maral in der der Theaterperipherie in Frankfurt Bild: Seweryn Zelazny

Nach etlichen Jahren Theaterabstinenz steht Adnan Maral wieder auf einer Bühne, in Frankfurt, wo der Star aus „Türkisch für Anfänger“ einst als Schüler zu spielen begann. Maral erzählt von Michael Kohlhaas.

          2 Min.

          „Guten Abend, meine Freunde. Schön, dass ihr alle gekommen seid.“ Man könnte meinen, Adnan Maral begrüße tatsächlich Freunde und Familie. Viele von ihnen sind zur Premiere gekommen. Maral ist ein aus Film und Fernsehen bekannter Schauspieler, als Vater der Serie „Türkisch für Anfänger“ ein Star geworden. Jetzt steht er, nach etlichen Jahren Theaterabstinenz, wieder auf einer Bühne, in Frankfurt, wo er einst als Schüler zu spielen begann. Maral erzählt von Michael Kohlhaas. Vom Rosskamm, dem eine Ungerechtigkeit widerfährt und der sich deshalb selbst Recht verschaffen will. Eine ungeheuerliche Geschichte, die so schlicht beginnt wie Maral selbst. In Jeans und Hemd, eine Wasserflasche in der Hand, aus der er immer wieder einen Schluck nimmt.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          „Unser Kohlhaas“, den Regisseur Alexander Brill in der Frankfurter Theaterperipherie inszeniert und in eine neue Textfassung gegossen hat, ist, zunächst einmal, die Rezitation der behutsam gekürzten Erzählung Heinrich von Kleists. Zusammen mit dem Dramaturgen Christian Franke aber geht Brill einer Frage auf den Grund, die im Text selbst liegt - und in seiner Rezeptionsgeschichte. Kohlhaas, so geht der Gedanke, wäre heutzutage ein AfD-Wähler oder bei Pegida. Die Geschichte eines Bürgers, der sich vom Rechtsstaat verraten sieht und selbst Hand anlegt, war auch im Nationalsozialismus hoch attraktiv. Aus Kleists „Michael Kohlhaas“ wurde schon damals „unser Kohlhaas“.

          Im Frankfurter Theater Titania verkleinert ein Podium mit schwarzen Vorhängen den Bühnenraum, der ganze Fokus liegt auf dem einen Erzähler, Maral, der den Kohlhaas rezitiert, als stehe er eben nicht auf einer Bühne, sondern einfach so vor Freunden.

          Das Schlichte, das Marals zunächst fast untheatralische Vortragsweise unterstreicht, hat einen gewissen Reiz, in den, mit mächtigen Schlägen auf ein leeres Ölfass, den Baseballschläger in den behandschuhten Händen, bald die Gewalt hereinbricht, das Unangemessene, das Kohlhaas sich anmaßt. Eine knatternde E-Gitarre (Eren Yildis) und Kohlhaas’ Brandzüge als Rock-Rezitation folgen, kleine, nicht immer ganz adäquate Kunstgriffe entlang der Handlung, um das Dramatische der Geschichte zu unterstreichen. Da und dort schimmert der Wahnsinn des Rosskamms durch seine „Mandate“, mit denen er ganze Städte bedroht und niederbrennt. Mehr Tempo, Druck, Emotion gibt es nicht, bis auf die Sterbeszene von Kohlhaas’ Frau, in die Maral viel Seele legt. Es hätte mehr spielerischen Nachdrucks gebraucht, auch um die Kontraste zu markieren zum zweiten Teil, der dort beginnt, wo Kleist Kohlhaas zur Vollstreckung seines Todesurteils ziehen lässt.

          Das Ölfass wird zum Rednerpult, Maral zückt Manuskript und Brille und hebt wieder an, die „lieben Freunde“ zu begrüßen. Da fällt der Groschen. Diese Freunde, es sind die Gesinnungsgenossen, dargestellt vom Publikum selbst. Die Rede, die Maral verliest, ist eine Fortführung der Geschichte ins Heute. Ein Gedankenspiel mit rechter Ideologie, die Kleist für sich vereinnahmt und die Geschichte umdeutet. Das geht ganz einfach - vorausgesetzt, irgendjemand läse ihn heute noch, den „Kohlhaas“. Der Redner am Pult, verkörpert von einem türkisch-deutschen Schauspieler, spricht vom deutschen Helden, von der Geschichte des Kohlhaas als „Realität in Deutschland“, von Dresden als „Zentrum des Widerstands“, bald auch von der „Lügendiktatorkanzlerin“und der „Lügenpresse“, die Kohlhaas’ Geschichte absichtsvoll verdrehe, von Bündnissen mit Geheimdiensten, Verschwörungen und den Russen.

          Die Rede schwankt, was ihre theatralische Wirkung mindert, zwischen Satire und einer virtuosen Neuinterpretation, in der kaum mehr zu erkennen ist, wer hier eigentlich für was steht, von welchem Grund aus argumentiert wird. „Wir sind Kohlhaas!“, peitscht Maral der fiktiven Masse ein, der Ruf „Wisikoha“ wird geboren. Schrecken und Lächerlichkeit liegen nahe beieinander. Fast wie in der Wirklichkeit. So wirkt „unser Kohlhaas“ weniger wie ein Theater- als vielmehr ein Gedankenexperiment, über das es sich zu sprechen lohnt.

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