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Winzerin Carolin Spanier-Gillot : Ein Leben zwischen den Reben

Pointierte Landung: Carolin Spanier-Gillot in ihrem Weingut Kühling Gillott in Bodenheim. Bild: Sick, Cornelia

Sie war eine der ersten Önologinnen in Deutschland. Heute leitet Carolin Spanier-Gillot mit ihrem Mann Oliver zwei Spitzen-Weingüter. Und zeigt der Branche, wie ein Familienbetrieb Marketing mit Herz und Hirn macht.

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          Jung, blond und weiblich war sie - und reif für den Keller. Als 2002 Carolin Spanier von ihren Eltern die Führung eines der ältesten und besten Weingüter in Deutschland übertragen wurde, war das etwas Besonderes. Die damals Vierundzwanzigjährige sollte nicht nur die Buchführung für das rheinhessische Haus Kühling-Gillot in Bodenheim machen, den Wein verkaufen und vermarkten, sie sollte ihn auch herstellen. Für den Vater, der das bis dahin getan hatte, war die Übergabe selbstverständlich, für die Fachwelt nicht. Keine zehn Frauen gab es damals, die in deutschen Gütern das Werden des Weines verantworteten.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als sie Önologie und Weinbau an der heutigen Hochschule Rhein-Main in Geisenheim im Rheingau studierte, war Spanier eine Frau unter vielen Männern. Später war das im Beruf genauso, zum Beispiel, als sie der Vereinigung rheinhessischer Winzer beitrat, die sich Message in a bottle nennt: Sie war das einzige weibliche Mitglied.Heute gibt es zwei. Das ist auch nicht viel, dennoch ist viel passiert. Die Winzerei interessiert nicht mehr nur die Kinder von Weinbauern. An Ausbildungsorten wie Geisenheim kamen einstmals alle Studierenden aus Familien mit Weingütern. Das ist längst nicht mehr die Regel, und Frauen stellen heute fast die Hälfte der Studentenschaft.

          Ihre Hochzeit, eine Fusion hervorragender Bedingungen

          Auch im Leben von Carolin Spanier, die seit ihrer Hochzeit 2006 Spanier-Gillot heißt, sich aber meistens nur als Spanier vorstellt, ist einiges geschehen. Sie ist zweifache Mutter. Sie ist verheiratet mit Oliver Spanier vom Gut Battenfeld-Spanier in Hohen-Sülzen, einem Winzer ebenfalls aus Rheinhessen, woraus sich eine Fusion hervorragender Bedingungen für hervorragenden Wein ergeben hat. Zusammen hat das Paar 45 Hektar bester Lagen in einer Region, deren klimatische Bedingungen und Bodenbeschaffenheiten auf wenigen Kilometern Entfernung den Trauben unterschiedliche Charaktere geben. Das sorgt dafür, dass die Erzeugnisse der beiden Güter einen gemeinsamen Stil haben und doch unverkennbar verschieden sind.

          Um die Tropfen zu charakterisieren, wäre vor ein paar Jahren noch der Begriff Terroir-Weine richtig gewesen, aber auch das hat sich verändert. Er mache zwar Terroir-Weine, sagt Oliver Spanier, aber weil der Begriff inzwischen so abgenutzt sei, verwende er lieber das Wort authentisch. Bedeuten soll beides, dass der Weinberg im Wein zu schmecken ist, weil die meiste Arbeit am späteren Produkt bei der Pflege der Reben passiert und nicht bei einem technisch-manipulativen Ausbau. Diese Verlagerung von Schwerpunkten, Kennzeichen aller sehr guten Erzeuger, ist in der Weinwelt einer der großen Paradigmenwechsel der jüngeren Vergangenheit. Und dieser schreitet immer weiter voran.

          Er produziert, sie vermarktet

          Inzwischen, sagt Carolin Spanier, „kommt bei uns, wenn Weinlese ist, der Ertrag jedes Lesetages in einer Lage in einen eigenen Tank“. So können bis zu 60 unterschiedlich abgefüllte Weine zusammenkommen, die später zusammengeführt werden, „verheiratet“, wie Gillot das nennt. Die Produktion in beiden Gütern verantwortet Oliver Spanier. „Er ist der viel bessere Weinmacher als ich“, sagt seine Frau. Jeden Tank und den Geschmack seines Inhaltes habe er im Kopf, schreibe sich nichts auf, habe ein wunderbares Gefühl für den Wein. Ihn zu vermarkten ist ihre Aufgabe. Dass dazu auch eine ansprechende Präsentation an einem schön gestalteten Ort gehört, hat sie früh erkannt.

          Der Betrieb Kühling-Gillot, der Wein macht seit dem 19. Jahrhundert, liegt in Bodenheim, in der Ebene hinter Mainz. Im Herzen des Ortes sind die Straßen eng, und die Häuser haben mit dicken Mauern umfriedete Innenhöfe. In der Einfahrt zum Weingut Kühling-Gillot steht eine mächtige Weide vor einem Jugendstilgebäude. Hier ist Carolin Gillot aufgewachsen, mit Eltern, „die nie Zeit hatten, aber immer da waren“.

          Der Vater war froh, die Mutter riet ab

          Das Mädchen Carolin liebte die Natur, ein Erbe der Mutter, die sie an sonnigen Tagen manchmal fragte, ob sie bei solchem Wetter wirklich zur Schule gehen wolle. Sie wollte fast immer. Sie besuchte die Maria-Ward-Schule in Mainz, eine Einrichtung für Mädchen mit 1400 Schülerinnen und einer Direktorin, die jede mit Namen kannte. „Nie habe ich mich so behütet gefühlt wie in dieser Zeit“, sagt sie. Carolin Spanier wollte Lehrerin werden, Englisch und Biologie unterrichten. Als die Mutter schwer erkrankte, änderte sie ihre Pläne, wollte zu Hause einsteigen, aber wenn, dann richtig. Der Vater war froh, die Mutter riet ab, sie wurde sich ihrer Sache immer sicherer. Der Bruder hatte kein Interesse, die Firma zu übernehmen, er wurde Richter.

          Als Carolin Spanier nach dem Studium heim kam nach Bodenheim, kam sie mit einem Plan. Das Gebäude neben dem elterlichen Wohnhaus, in dem die Winzerfamilie Gäste zur Verkostung empfing und Weine verkaufte, sollte durch ein neues ersetzt werden. Vier Jahre später war Richtfest. Heute ist neben dem Jugendstilbau ein schlichtes Tor, das nicht vermuten lässt, was sich dahinter verbirgt. Wer klingelt, dem öffnet sich eine Tür in einen hohen, langen und schmalen Gang. Rechts geht es in ein mit historischem Kopfsteinpflaster ausgelegtes Kabinett mit Barrique-Fässern, links in einen Raum von knapp 100 Quadratmetern. Eine kantige Theke steht darin. Es gibt Tische, an denen man sitzt, und Tische, an denen man steht. In einer Lounge-Ecke hängen meterhoch vergrößerte Bilder von gefüllten Weingläsern über roten Sofas mit hohen Lehnen. Hinter der Fensterfront liegt eine tiefgrüne Wiese. Die blauen Augen von Carolin Spanier leuchten.

          „Das Publikum ist jung geworden“

          Der selbstbewusste Kubus ist der Bau gewordene Ausdruck eines geglückten Übergangs von der einen zur nächsten Generation. Firmenfeiern finden darin statt und private Feste, dort probieren Kunden die Weine auch des Gutes Battenfeld-Spanier, ab und zu wird er als Straußwirtschaft genutzt. Freundinnen der Chefin bedienen dann, ein Koch bereitet die Speisen zu. Bei solchen Anlässen kommen an vier Tagen schon mal 600 Gäste.

          „Das Publikum ist jung geworden“, sagt Carolin Spanier. Die Sorgen vieler, dass für ihre Produkte keine Kundschaft nachwachse, hat sie nicht. Sich hinzusetzen und auf Käufer zu warten, leistet sie sich trotzdem nicht. Zwanzig Veranstaltungen im Jahr richtet sie im Weingut aus, „mehr geht nicht“. Die beiden Betriebe haben nur eine Handvoll feste Mitarbeiter.

          Premium-Produzenten unter sich

          Vor der Tür des Gutes parkt ein Porsche. Kühling-Gillot hat eine Partnerschaft mit dem Autohersteller, Premium-Produzenten unter sich. Der eine bekommt zu Sonderkonditionen Fahrzeuge und wirbt für diese, indem er sie fährt, der andere lässt sich mit Wein beliefern für Veranstaltungen und Geschenke. Beide werden auch gemeinsam vermarktet, in Luxus-Magazinen mit kleiner Auflage etwa, es ist eine passgenaue Ansprache von Zielgruppen. Nicht jeder in der Szene goutiert so etwas, doch wenn es um die Weine geht von Kühling-Gillot und Battenfeld-Spanier, herrscht Einigkeit: Es ist Spitzenware. Gerade bekommt der Jahrgang 2011 hervorragende Kritiken.

          Gelesen wird jedes Jahr spät, in einigen Lagen erst im November. Mehr als zwei Drittel der Weine sind Rieslinge. Wenn die Trauben geerntet sind, liegen sie bis zu 18 Stunden auf der Maische, Zuchthefen kommen nicht zum Einsatz, Temperaturkontrolle gibt es nicht, sterile Filtration auch nicht. Fünf Prozent der Kühling-Gillot-Erzeugnisse werden über den Handel verkauft, bei Battenfeld-Spanier ist es etwas mehr; 30 Prozent kaufen Privatleute ab Hof, noch einmal so viel geht an die Gastronomie und der Rest in den Export. Bis zu knapp 60 Euro kann eine Flasche kosten, einige gibt es für zehn, sehr viele zu Preisen um die 35 Euro. In Deutschland ist das teuer. „Im Ausland wird man belächelt“, sagt Carolin Spanier, und dass sie mehr verlangen könnten. „Aber wir sind nur Winzer, und ich will morgens noch in den Spiegel sehen können.“

          „Ich bin der rastlose Typ“

          Viel Zeit für Eitelkeiten hat sie nicht. Die beiden Söhne werden vormittags betreut, dann fährt sie von Hohen-Sülzen, wo sie mit Mann und Kindern lebt, rund 40 Kilometer nach Bodenheim, macht alle Verwaltungsarbeiten. Mittags kocht sie, wieder in Hohen-Sülzen, auch für die Mitarbeiter. Alle essen an einem langen Tisch in einem großen, hellen Haus, oft sind noch Händler und andere Kunden dabei. Die Nachmittage gehören, wenn es geht, den Kindern, die Abende wieder dem Job: E-Mails, Messen vorbereiten und Reisen wie die nach China, die sie in einer Delegation gemacht hat, in der auch der Koch Eckart Witzigmann war.

          „Ich bin der rastlose Typ“, sagt sie, das war auch beim Kinderkriegen so: zweimal Kaiserschnitt, nach zwei Tagen hatte sie den Laptop wieder auf dem Schoß. Das Leben, sagt Carolin Spanier, sei anstrengend und wunderbar, im Einklang mit der Natur, mit der Familie. Sie hat Träume, hat Reisen im Kopf, für die noch keine Zeit war, und vor allem den Wunsch, „dass wir alle gesund bleiben und weitermachen können“.

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